Moderne Monologe zum Vorsprechen:
Monologe für Männer / Schauspieler
Rolle: Astrow
Stück: Onkel Wanja
Autor: Anton Tschechow
Erscheinungsjahr: 1898
Originalsprache: Russisch
Übersetzung (Deutsch): August Scholz
Übersetzung (Englisch): Oliver M. Sayler
3. Aufzug
Astrow allein
ASTROW: Ich habe hier im Hause meinen eigenen Arbeitstisch … im Zimmer von Iwan Petrowitsch. Wenn ich mal in meiner Sklavenarbeit ganz schlaff und stumpf geworden bin, dann lass' ich alles liegen und eile hierher, um mich ein, zwei Stunden mit dieser Spielerei da zu beschäftigen … Iwan Petrowitsch und Sophia Alexandrowna klappern mit ihrer Rechenmaschine, und ich sitze neben ihnen an meinem Tische und male …und es ist mir so mollig, so friedlich zu Mute, und die Grille zirpt. Aber dieses Vergnügen kann ich mir nur selten leisten, höchstens einmal im Monat … (Zeigt auf der Karte) Nun sehen Sie mal, bitte, hier … Das ist die Karte unseres Kreises, wie er vor fünfzig Jahren war. Das Dunkelgrün und Hellgrün bezeichnet die Wälder; die Hälfte des gesamten Areals ist hier noch mit Wald bedeckt. Wo auf dem Grünen die roten Netzlinien sind, wurden Hirsche und Rehe gehegt. Ich habe hier die Flora wie die Fauna angedeutet. auf dem See da gab es Schwäne, Enten, Gänse, Vogelwild aller Art in schwerer Menge, daß der Himmel davon schwarz war. Neben Dörfern und Weilern, sehen Sie, existierten da und dort Kolonien und Einzelhöfe, altgläubige Klöster und Wassermühlen … Rinder und Pferde waren massenhaft vorhanden – das sehen Sie hier an der blauen Schraffierung. In diesem Bezirk zum Beispiel ist die blaue Farbe besonders stark aufgetragen; da gab es ganze Herden von Pferden, auf jeden Bauernhof kamen drei Pferde. (Pause) Nun sehen Sie hier, weiter unten – die Zustände vor fünfundzwanzig Jahren. Da finden Sie nur noch ein Drittel des Flächenraumes bewaldet. Rehwild gibt es nicht mehr, wohl aber noch Rotwild. Die grüne und rote Farbe erscheint schon ziemlich blass. Und so weiter, und so weiter. Gehen wir nun hier zu der dritten Darstellung über: sie zeigt uns den Kreis, wie er jetzt ist. Die grüne Farbe erscheint nur hier und da, nirgends im Zusammenhang, sondern immer nur in einzelnen Flecke; das Rotwild, die wilden Schwäne, die Auerhähne, die wir früher hier hatten – alles ist verschwunden. Von den einstigen Kolonien, Höfen, Klöstern, Mühlen, ist nicht eine Spur mehr vorhanden. Mit einem Wort: das Bild einer stetig fortschreitenden, unverkennbaren Entartung, die allem Anschein nach in höchstens zehn bis fünfzehn Jahren eine vollständige sein wird. Sie werden mir einwerfen, daß es sich hier um Kultureinflüsse handelt, daß die alten Lebensformen naturgemäß den neuen weichen müssen. Gewiß, ich begreife, wenn an stelle dieser ausgerotteten Wälder Chausseen, gewerbliche Anlagen, Fabriken, Schulen getreten wären, wenn das Volk gesünder, reicher, gebildeter geworden wäre – aber nichts von alledem ist zu sehen! Wir haben in unserem Kreise dieselben Sümpfe, dieselbe Mückenplage, dieselben grundlosen Wege, Brände, Epidemien, Typhus, Diphtheritis, Not und Elend … Wir haben es hier mit einer Entartung zu tun, die als natürliche Folge eines Mangels an Kraft im Kampf ums Dasein erscheint; einer Entartung, die in Trägheit, Unwissenheit und gänzlichem Mangel an Selbstbewußtsein wurzelt. Sie führt, den von Hunger, Frost und Krankheit geschwächten Menschen dahin, daß er, um den ihm noch verbliebenen Lebensrest zu fristen und seine Kinder vor dem Untergang zu bewahren, ganz instinktiv und unbewußt nach allem greift, womit er nur Hunger und Kälte abwehren kann, wobei er, ohne an das Morgen zu denken, alles schonungslos zerstört Fast alles ist schon zerstört und noch nichts als Ersatz dafür neu geschaffen. (Kühl) Doch ich sehe an Ihrem Gesichte, daß der Gegenstand Sie nicht interessiert.
3. Act
Astroff alone
ASTROFF: I have my own desk there in Ivan's room. When I'm simply too worn out to go on with my work, I drop everything and rush over here to forget myself in this pastime for an hour or two. Ivan Petrovitch and Sonya Alexandrovna rattle away at their counting frames, I feel warm and peaceful, the cricket chirps, and I sit near them at my table and paint. But I don't indulge in this luxury very often, only about once a month. [Pointing to a picture] Look! This is a survey map of our country as it was fifty years ago. The green tints, both light and dark, stand for forests. Half the map, you see, is covered with them. Where the green is striped with red, the forests were stocked with elk and goats. Here in this lake were great flocks of swans and geese and ducks; as the old men say, there was a power of birds of every kind. Now they have vanished like a mist. Beside the towns and villages, you see, I have jotted down here and there the various settlements, farms, hermits' caves and water-mills. This country was rich in cattle and horses, as you can see by the expanse of blue. For instance, see how it deepens in this part; there were great herds of them here, an average of three horses to every house. [A pause] Now, look lower down. This is the country as it was twenty-five years ago. Only a third of the map now is green with forests. There are no goats remaining and no elk. The green and blue are lighter, and so on and so forth. Now, we come to the third diagram, our country as it is to-day. Still we see spots of green, but very little. The elk, the swans, the black-cock have disappeared. On the whole, it is the picture of a continuous and slow decline which will evidently come to completion in about ten or fifteen years. Perhaps you may object that it is the march of progress, that the old order must give way to the new, and you would be right if roads had been built through these ruined forests, or if factories and schools had taken their place. Then the people would have become better educated and healthier and richer, but as it is, we have nothing of the kind. We have the same swamps and mosquitos; the same disease and misery: typhoid, diptheria, fires. The degradation of our country confronts us, brought on by the human race's fierce struggle for existence. It is all the result of the ignorance and heedlessness of starving, shivering, ill humanity. To save our children, we snatch instinctively at everything that can warm us and satisfy our hunger. Therefore we consume everything on which we can lay our hands, without a thought for the future. And so almost everything has been destroyed and nothing created to take its place. [Coldly] But I can see by your expression that it does not interest you.