Schon lange kennt die Menschheit den Typus Tyrann: Kalt, machtbesessen, mörderisch. Völker scheinen hilflos, ob dieser Heimsuchung. Menschen lassen sich mitziehen von seiner Blutrunst. Das Gefängnistheater AufBruch wählte ein antikes Vorbild um etwas darzustellen, was uns auch heute wieder aktuell bedroht: Gewaltherrschaft einzelner Männer, die die Welt an den Abgrund führen können.
Caligula ist ein junger römischer Kaiser. Nach dem Tod seiner geliebten Schwester darf er keine Trauer zeigen, denn das Verhältnis war ein verbotener Inzest. Seine Trauer wendet sich in Hass und Menschenfeindschaft. Er entlässt alle Sklaven und macht sie sich damit zu gefälligen Untertanen und enteignet alle Besitzenden und quält ihre Frauen. Gerechtigkeit, sagt er, Gleichheit, aber in Wahrheit tobt sich hier nur Sadismus aus. Die Macht berauscht ihn, warum tut sie das? Bald füllt sich hinter ihm ein sichtbarer Keller mit Leichen, sie winden sich in Krämpfen und Schmerzen, die Dante,sche Hölle, am Ende wird er von seinen eigenen Toten erstickt. Das Gefängnistheater bringt diesen Stoff auf die Freiluft-Bühne in Tegel, in der hintersten Ecke des historischen Gefängnistrakts, in dem schon vor mehr als hundert Jahren die Gefangenen der ersten missglückten Revolution in Deutschland einsaßen, danach die Hitleropfer, später die 68er-Studenten, dazu Mörder, Räuber, Diebe zu allen zeiten, Menschen, denen die Welt keine goldenen Brücken baute. Heute dienen die alten Mauern mit den überdimensionalen Zahlen nur noch als Theaterkulisse. Genial die Idee, Dante und Camus zu mischen, die sich beide mit dem Thema SCHULD beschäftigt haben. Welche Kreise der Hölle muss solch ein Herrscher durchwandeln, bevor auch er die seiner Schuld gemäßen Strafe findet? Dieser wird von seinen Toten zerrissen, die er selbst freilässt. Die Hölle, das sind die anderen, schrieb Sartre, sie liegt mitten unter den Menschen, und „zwischen Willkür und Gesetz taumelt der Mensch“ (Zitiert nach dem sehr ausführlichen Programmheft: Ein bleierner Zustand, im Hier und Jetzt.)
Auch heutige Tyrannen taumeln, wir kennen sie gut: An einem Tag wollen sie ein ganzes Land vernichten, am anderen Tag Frieden stiften, dazwischen kassieren sie an der dazu passend taumelnden Börse ab und lachen sich eins. Tyrannen taumeln zwischen ihren Launen, dem einen schmeicheln sie, den anderen demütigen sie, den nächsten töten sie. Wir kennen die Namen, sie versetzen uns in Angst und Schrecken. Es ist so leicht, mit Gewalt zu herrschen. Heute und damals und immer war es das. Und doch stürzt die Gewalt eines Tages. Das zu wissen, ist wichtig! Hier und leider, wie so oft, stürzt der Tyrann erst ganz zum Schluss.
Caligula ist eine Charakterstudie: Er probiert aus, was erlaubt ist und lernt: Es ist alles erlaubt. Der Tyrann stellt seine Untertanen auf die Probe: Wie weit lassen sie sich treiben, und wie viel können sie erdulden, bevor sie sich widersetzen? Er demütigt, er enteignet, er mordet. er weidet sich in der Angst seiner Gegner. Jeder kann es werden, wenn man ihn lässt. Die Welt muss Zügel entwickeln für solche Tendenzen im Menschlichen. Sonst geht es schief.
Die Spieler sind ungeheuerlich, sie schaffen es, diese Abgründe auf die Bühne zu bringen, dass einem der Atem stockt. Sie, die Eingeschlossenen, die von aller Welt verlassenen, in einer Knaststadt hinter Mauern einsitzenden, vielfach schuldig an der Welt gewordenen, sie schaffen das Spiel von Gewaltherrschaft, die sich ins Unermessliche dehnt, authentisch zu geben. Und sie machen es auf eine ganz besondere Weise. Sie zeigen wie ein Gewaltherrscher auch immer etwas von Rebellentum an sich hat, darauf beruht seine Faszination. Rebellen können sich leicht zu Gewaltherrschern entwickeln, sie kehren ins Gegenteil, was sie einst forderten. Und sie zeigen es gut: Die Hölle beginnt da, „wo der Mensch glaubt, alles zu dürfen“. Hölle als „Erfindung der Menschheit“, wo die Verdammten, wie Dante es zeigte, gefangen sind im Echo ihrer Taten. „Schuld ist eingeschrieben in ihre Körper“, Strafe als „immerwährende Wiederholung“. Starkes Stück, starke Regie, starkes Spiel! Jeder der Spieler überzeugt, wirklich, jeder! Das Ensemble tritt hier in großer Besetzung auf, und doch verschwimmen in den Volkszenen die Personen nicht, sie sind alle, jeder auf seine Weise, noch einzeln sichtbar, als besondere Charaktere. Und die Hauptdarsteller? Besser hätte man es nicht treffen können! Wie immer übertreffen sie alle Charakterdarsteller, die ich je auf bürgerlichen Bühnen sah! Ein Jammer, dass die Stücke des Gefangenentheaters AufBruch nicht länger als einige wenige Wochen zu sehen sind.
Begleitet wurden die Spieler durch Musiker der Berliner Band 17 HIPPIES, auch deren Einsatz war großartig, sehr originell, mit sehr viel Anklang an die neue Musik, ungeheuer passend zu den Szenen, das Gefangenenensemble der JVA Tegel hat wirklich Großartiges geleistet. Diesen Abend vergisst man so leicht nicht. Er sitzt einem in den Knochen, fährt einem in die Seele, verstört und gibt zum Nachdenken Anlass. Wie können wir die Welt ändern? Können wir es, wir müssen! Das ist der Apell dieses Stückes aus dem Knast in Berlin. Man fragt sich: Warum kann es nicht Theaterspiel als Dauereinrichtung in jedem Gefängnis geben? Ich kann mir nichts Wirkungsvolleres zur Aufarbeitung der Schuld von Gefangenen und von uns allen, vorstellen. Danke an den Regisseur und alle Beteiligten!
Anja Röhl
https://anjaroehl.de/