DER ZAUBERER VON ÖZ – EINE FUSSBALLTRAGÖDIE – Theater Bremen
Uraufführung: 16. Oktober 2025 Von: Akın Emanuel Şipal
Künstlerisches Team
Regie: Aram Tafreshian Bühne und Kostüme: Susanne Brendel Video: Rafael Ossami Saidy Musik: Ella Olivia Bender Semerci Licht: Joachim Grindel Dramaturgie: Franziska Benack, Lea Goebel Outside Eye: Marianne Seidler
Ensemble
Seyrane Ay
Martin Baum
Manolo Bertling
Arian Bünnagel
Yelda Dinc
Judith Goldberg
Lisa Guth
Sofia Iordanskaya
Ruben Sabel
Ella Olivia Bender Semerci
Rainer Steinhaus
Asya Utku
Sumeyra Uygun
Bernd Wellbrock
Über die Inszenierung
„Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“ verbindet die ikonische Reise Dorothys mit der Welt des Fußballs – voller Emotion, Gruppendynamik, Leidenschaft und Absturzgefahr. Akın Emanuel Şipal nutzt die Struktur des Märchens, um Macht, Teamgeist, Identität und die Mechanismen des Profisports zu beleuchten.
Aram Tafreshians Inszenierung arbeitet mit starken Bildern, choreografierten Gruppenszenen und einem Ensemble, das zwischen Märchenfigur, Fanblock und Spieler*innenidentität wechselt. Susanne Brendels Bühne und Kostüme schaffen eine hybride Welt zwischen Stadion, Trainingsplatz und fantastischer Erzählung. Die Videoarbeiten von Rafael Ossami Saidy erweitern das Geschehen um Live‑Momente, Projektionen und mediale Überlagerungen.
Die Musik von Ella Olivia Bender Semerci setzt emotionale und rhythmische Akzente, während das Lichtdesign von Joachim Grindel die Spannung zwischen Spiel, Mythos und Tragödie verstärkt.
Besondere Aspekte dieser Produktion
eine originelle Verbindung von Fußballkultur und Märchenstruktur
ein großes, vielseitiges Ensemble mit hoher körperlicher Präsenz
eine Bühne, die Stadionästhetik und Fantasie verschmilzt
eine Inszenierung, die Humor, Pathos und Gesellschaftskritik vereint
eine musikalische und visuelle Ebene, die Dynamik und Emotion verstärkt
Die Produktion zeigt, wie Fußball, Mythos und Theater zu einer überraschenden, kraftvollen Tragikomödie verschmelzen – temporeich, fantasievoll und gesellschaftlich relevant.
''Das Stück besteht zum größten Teil aus Traumsequenzen, in denen dem Stück-Mesut historische und aktuelle Fußballgrößen wie die legendären Ernst Kuzorra und Ernst Szepan aus der Schalker Blütezeit während des Nationalsozialismus oder die türkischen Nationalspieler Yildiray Bastürk und die Altintop-Brüder begegnen und ihm gute Ratschläge erteilen, oder Vorwürfe machen. „Europa will uns immer ficken, Mesut.“ Der Abend beginnt aber mit einem erklärenden Exkurs von Live-Musikerin Ella Olivia Bender Semerci in die Regeln der Fotografie. Die Abseitsregel wird dankenswerterweise nicht erklärt, was den Spaß auch für fußballferne Schichten des Bildungsbürgertums erträglich machen dürfte. Von den Anfängen in der Schalker Fußballjugend über die ersten Erfolge in Bremen bis zu den von seinem Vater eingefädelten Verträgen mit Real Madrid und Arsenal London kann das Publikum den Werdegang des Fußballspielers auf der von Susanne Brendel als grünes Maisfeld (siehe Zauberer von Oz) gestalteten Bühne verfolgen. Viele Szenen werden auch mit kleinen Legomännchen vor Livekamera gespielt und auf eine Videoleinwand übertragen. Eine ironische Medienschlacht plus goldenem Bambi für Integration.
Manola Bertling überzeugt hier immer wieder als Vater und Berater, schwäbelnder Jogi Löw oder als Blechmann mit einem betrunkenen Lothar Matthäus als feiger Löwe im Schlepptau. Besonders die deutschen Fußballstars wie Uli Hoeneß, Stefan Effenberg, Mario Basler, Mats Hummels oder das „germanische Riesenbaby“ Manuel Neuer bekommen hier ihr Fett weg. Dem nicht genug bedient sich der Autor neben dem Märchenklassiker von Lyman Frank Baum auch noch bei Joanne K. Rowlings Harry Potter und lässt einen Goethe über den Islam schwadronieren. Dass der Fußballer Özil als Medienstar und -opfer zugleich auch immer eine positive wie negative Projektionsfigur war, klärt sich am Ende der recht chaotisch auseinanderfasernden Inszenierung in einer Parabel von zwei ungleichen türkischen Zwillingsschwestern. Da hat man dann aber eigentlich innerlich schon irgendwie weggezappt. Doch der Ball ist rund, und das Tor hat vier Ecken. Und irgendwie muss das zusammenkommen, oder so ähnlich.'' schreibt Stefan Bock am 19. Juni 2026 auf KULTURA-EXTRA
Aram Tafreshian, der bis 2018 im Ensemble des Gorki Theaters war, konzentriert sich seit einigen Jahren auf Regie und inszeniert diese „Fußballtragödie“ (Untertitel des Abends) mit viel Witz und noch mehr Tempo. Weniger als zwei Stunden ist dieser Abend kurz, verlangt seinem Publikum aber nicht nur Konzentration, sondern auch Vorwissen auf einigen Feldern ab.
In schnellen Schnitten und gespickt mit kurzen Anspielungen, Schnipseln und Einwürfen pflügt „Der Zauberer von Öz“ durch die jüngere Zeitgeschichte des Fußballs und der Integrations-Debatten. Das jeweilige Umfeld der Karriere-Stationen von Özil wird kurz beleuchtet. Ein großer Spaß für die Fachkundigen, die sich erinnern. Jene, die nicht so sattelfest sind, drohen in diesem Gewitter aus Spielszenen, Videos und chorischem Sprechen unterzugehen.
Eine Schwäche des Abends ist, dass er mit einem Nachklapp ausplätschert und recht unvermittelt endet. Bis dahin erlebt man einen unterhaltsamen Ritt durch diverse Themengebiete, der die Achterbahn eines talentierten Fußballers zwar auch nicht erklären kann, aber nachempfinden lässt.