Geld spielt neuerdings täglich eine immer überraschendere Rolle. Es wird überall benötigt
und überall ausgegeben, Milliarden für Panzer und Waffen, steigende Gewinne bei
Millionären, Verrückte, die so viel Geld haben, dass sie sich ganze Erdteile kaufen können,
und immer mehr Menschen, die so wenig Geld haben, dass sie in Abfalleimern wühlen
müssen. Steigende Profite, sinkende Einkommen, Ungerechtigkeiten, Verzweiflung, alles geht
ums Geld. Überall ist die Rede davon: Geld, Geld, Geld. Kürzungen im Sozialen, bei
Theatern, Schwimmbädern, Kultur. Einsparungen bei Schulen, Krankenhäusern, Spielplätzen.
Zu dieser Zeit kann man in der Hafenstadt Rostock, im Theater Compagnie de Comedie, in
der Bühne 602, direkt am Hafen, ein Stück ansehen, das mit GELD, seiner Bedeutung und
seiner Bewertung zu tun hat, und dabei vor allem sein schädliches, den menschlichen
Charakter ins Schlechte veränderndes Wesen auf frappierende Weise entlarvt. Eine bittere
Komödie der französischen Theaterautorin Flavia Coste, mit dem Titel: „Nein zum Geld“,
deren erstes Theaterstück nach der Uraufführung 2017 in Paris, durch eine „beneidenswerte
Begabung für einen ideen- und trickreichen Handlungsaufbau, dialogische Situationskomik
und genau gezeichnete Charaktere“ von sich Reden gemacht hat.
Es beginnt harmlos, ein junger, mäßig erfolgreicher Architekt mit Frau und Baby, lädt seine
Mutter und seinen besten Freund, mit dem er in einem Start-up arbeitet, zum Abendessen ein.
Nachdem das Publikum die Protagonisten etwas kennengelernt hat, die Mutter ist von
köstlicher Komik, sie erzählt von ihren lustigen Versuchen, Liebhaber zu treffen, über den
Arbeitsfreund vermuten sie, kurz bevor er kommt, dass er schwul sei, weil man bei ihm nie
eine Frau sieht, seine junge Frau, erfährt man, ist Lehrerin mit festem Gehalt, die das
risikoreiche Architektur-Unternehmen der beiden haushaltsmäßig stützt, druckst er herum, er
wolle etwas erzählen. Er windet sich dabei und wirkt seltsam, er wolle sein Verhalten
während der letzten zwei Monate erklären, sagt er, er liebe sie alle drei und wolle seinen
liebsten Menschen etwas Wichtiges mitteilen, er redet und redet, um den heißen Brei. Die
anderen stutzen. Was ist passiert? Die Mutter ruft aus: Hast du einen Menschen totgefahren?
Endlich soll er reden. Nun sagt er, er habe im Lotto gewonnen. Waas? Wieviel? Und es
werden schließlich nur noch Zahlen gerufen: 500? 1000? 10.000? Eine Million? Immer
lächelt der junge Mann und zeigt mit den Fingern nach oben. Die drei werden zunehmend
nervös und springen auf. Als feststeht, dass er 167 Millionen gewonnen hat, beginnen alle zu
schreien, zu brüllen, zu kreischen. Richard als einziger bleibt ruhig, lächelt… Ihr habt
vergessen, zu Ende zuzuhören, sagt er, ich habe den Preis nicht angenommen. Die anderen
erstarren.
Von hier aus entspinnt sich ein köstliches Feuerwerk spannender Dialoge und Szenen, diese
sind voller Überraschungen und Dramatik. Dabei stimmt alles: Dramatisch perfekt verdichtet,
spannende, ungeheuer gut passende Dialoge voller Authentizität und Lebendigkeit,
unglaubliche Situationskomik und dabei mit tiefernster, wertvoller Botschaft und super
gespielt!
Das Besondere, das Publikum kann sich sehr in die drei Erstaunten, Erbosten und zunehmend
Entsetzen einfühlen! Denen ist bald jeder Appetit vergangen, die wollen kein Fest mehr
feiern, sie haben keine ruhige Minute mehr, und vor Wut auf den Mann, der den Gewinn
ablehnen will, geraten sie immer mehr in Raserei. Richard, die Hauptperson, der immer
wieder betont, er habe das aus Liebe zu ihnen gemacht, wird dabei zunehmend als
verspinnert, verblendet und verrückt wahrgenommen, er gerät ins Abseits. Er beteuert: Ich
habe mir alle Lottogewinner der letzten 30 Jahre angeschaut, sie sind alle wahnsinnig
geworden, ich will nicht, dass ihr so werdet! Blödsinn, sagt die Mutter, nachdem sie sich von
einem Anfall erholt hat: Du hättest an Wohltätigkeitsorganisationen spenden können! Unsere
Firma sanieren, sagt der Freund, dem Kind eine gute Schule ermöglichen, sagt die Frau. Und
wütend finden alle drei: Keiner lehnt sowas ab!!! „Früher war Geld nur ein Tauschmittel,
heute verleiht Geld Macht über alle Menschen. Ich will das nicht! Nicht für mich und nicht für
euch! Weil ich euch liebe!“ Richard bleibt auch dann stark, als sich herausstellt, dass noch
drei Stunden bleiben, um den Schein doch noch einzulösen.
Man denkt, diese Story ist einfach, aber das ist sie nicht, denn in ihr wickelt sich eine böse
Methapher ab, etwas passiert, was genau dem entspricht, was Richard voraussah. Es gibt am
Ende keine Freundschaft mehr. Und das Publikum wird mitgerissen, zuerst im Lachen, dann
im entsetzten Erkennen einer der bittersten Realitäten unserer Zeit. Das kleine Kammerspiel
mit vier Spielern ist ein echtes Highlight und unbedingt zu empfehlen! Nach Hause geht man
mit Zwerchfellmuskelkater durchs Lachen und einer erfrischend deutlichen Erkenntnisklarheit
über das Wesen des Geldes.
Nach der letzten Szene hält das Premierenpublikum zunächst inne, denn der Schluss ist allzu
überraschend, aber dann gibt es Standing ovations, immer wieder müssen die Spieler auf die
Bühne. Das Publikum nimmt das Stück nun nicht mehr als einfaches Mittelstandsdrama,
sondern als Lehre, als Bild über den Wahnsinn unserer Zeit wahr, denn es hat etwas Seltsames
erlebt, man konnte sich einfühlen in die drei Menschen, denen plötzlich 167 Millionen über
alles gingen. Man hat verstanden, warum sie auf ihren Freund wütend waren, sich von ihm
hintergangen fühlten, ihre Freundschaft sich verabschiedet hat. Dabei ist die Besetzung, in der
Compagnie de Comedie, die im Sommer eines der besten Freilufttheater Deutschlands im
Rostocker Klostergarten anbietet, bestens: Die beiden männlichen Schauspieler, Marcus
Müller, der den Richard so herrlich hibbelig, verplant und naiv spielt und Peer Roggendorf,
der hier erstaunlich ruhig den typischen Franzosen gibt, geben ihre Figuren super passend,
ebenso auch die beiden Frauen Angela Schlabinger als Mutter und Lydia Wilke, als Richards
Frau Claire, die mit ungeheuer viel Witz und Echtheit ihre Figuren spielen. Alle sind dabei
sehr aufgeregt, temperamentvoll, aber durchaus dem Gegenstand angemessen, denn, ehrlich
gesagt, wem ginge es nicht so, dass er ausrasten würde, wenn ein enger Freund, Mann oder
Sohn 167 Millionen gewinnen würde? Die Gefühle der drei sind keineswegs übertrieben,
sondern realitätsnah und authentisch getroffen, es geht ja nicht um 100 oder 1000 Euro. Man
kann ihnen lange folgen und gefühlsmäßig mitgehen.
Und als dann alles kippt, da wird plötzlich das Stück zur politischen Parabel. Aus dem
privaten Kammerspiel wird Ernst. Etwas, was uns alle angeht. Da wird einem klar, es geht
nicht mehr nur um den Gewinn des Richard und die Verzweiflung seiner Liebsten, es geht
um die Menschheit und ihren Fortbestand, um das, was Geld mit uns macht. Und das letzte
Lachen bleibt einem schmerzhaft im Halse stecken.
Unbedingt hingehen, lohnt sich. Nicht abhalten lassen. Es gab ungeheuren Applaus bei der
Premiere, als die Hände müde wurde, wurde getrampelt. Das Publikum war mehr als
amüsiert, es war bewegt worden. Großartig!
Anja Röhl
https://anjaroehl.de/