FRÄULEIN ELSE – Volkstheater Wien / Münchner Kammerspiele
Premiere: 8. Februar 2025 Münchner Premiere: 2. April 2026 Frei nach Arthur Schnitzler Von: Leonie Böhm, Julia Riedler Konzept: Leonie Böhm, Julia Riedler Regie: Leonie Böhm Bühne und Kostüm: Belle Santos Lichtdesign: Ines Wessely Dramaturgie: Matthias Seier Mit: Julia Riedler
Eingeladen zum 63. Berliner Theatertreffen (2026)
Über die Inszenierung
Leonie Böhm und Julia Riedler entwickeln Schnitzlers berühmten Bewusstseinsstrom als zeitgenössisches Solo, das Machtmissbrauch, weibliche Selbstbestimmung und soziale Zwänge radikal ins Heute übersetzt. Die Inszenierung arbeitet mit direkter Ansprache, improvisatorischen Momenten und einer offenen, dialogischen Struktur, die das Publikum in Elses innere Konflikte hineinzieht. Die Novelle von 1924 wird so zu einem gegenwärtigen Kommentar über patriarchale Mechanismen und ökonomische Abhängigkeiten.
Böhm und Riedler verschieben den inneren Monolog in einen äußeren, performativen Raum: Else verhandelt ihr Dilemma live mit dem Publikum, wodurch Nähe, Scham, Humor und existenzielle Bedrohung unmittelbar erfahrbar werden. Die Inszenierung nutzt Humor, Verspieltheit und Spontaneität, um die Tragik der Figur nicht zu glätten, sondern scharf herauszuarbeiten.
Ensemble
Julia Riedler
Besondere Aspekte dieser Inszenierung
ein präzise gearbeitetes Solo, das Schnitzlers Text in die Gegenwart überträgt
eine performative Öffnung des Bewusstseinsstroms hin zum Publikum
eine Inszenierung, die Machtmissbrauch, Doppelmoral und Körperpolitik scharf beleuchtet
eine klare ästhetische Linie zwischen Humor, Verletzlichkeit und analytischer Schärfe
eine herausragende schauspielerische Leistung von Julia Riedler, vielfach ausgezeichnet
Die Produktion untersucht, wie ökonomischer Druck, patriarchale Strukturen und soziale Erwartungen eine junge Frau in ein moralisches und körperliches Dilemma treiben – und wie sich dieses Jahrhundert später noch immer erschreckend aktuell anfühlt.
''Julia Riedler legt eine tolle Performance hin zwischen Empörung, Niedergeschlagenheit, Aufbäumen und einen Ausweg suchen. Immer dabei: die Zuschauer und Zuschauerinnen. Einige plädieren dafür, den Vater ins Gefängnis zu schicken. Nicht immer glückt die Improvisation. Bei einer Sammelaktion, um das Geld herbeizuschaffen, verlangt Riedler sehr hartnäckig die Kreditkarte und den Pin eines Zuschauers. Dem vergeht sichtlich der Spaß, und sie findet nicht mehr so ganz raus. Aber das ist in jeder Vorstellung anders, man kann gespannt sein, was beim nächsten Mal passiert.
Regisseurin Leonie Böhm und Schauspielerin Julia Riedler haben diese Schnitzler-Adaption gemeinsam entwickelt. Ihre Fräulein Else hatte im vergangenen Jahr am Wiener Volkstheater Premiere und wurde seitdem mehrfach ausgezeichnet. [...]
Nicht nur die vielen #MeToo-Fälle der vergangenen Zeit zeigen, wie aktuell das Stück ist. Und wie wichtig es ist, Machtmissbrauch zu sehen und ihn zu benennen. Im besten Fall entsteht dann so ein Gemeinschaftsgefühl, wie es im Zuschauerraum der Kammerspiele zu erleben war. Standing Ovations!'' schreibt Isabella Schmid am 13. April 2026 auf KULTURA-EXTRA
Das Bühnenbild allein ist noch kein Kriterium für bemerkenswertes Theater - II
8 Tage her.
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Kritik
''Schnitzlers 100 Jahre alte Novelle wird so auf Gegenwartstauglichkeit abgeklopft, ohne dass es für das Publikum belehrend wirken würde. Dass als Verfasser des Expressbriefs direkt der Vater genannt wird, verwundert etwas und ist auch von der Kritik bisher kommentarlos so übernommen worden. Natürlich agiert die Mutter hier im Auftrag des Vaters. Dass die Regie die Mitwirkung der Mutter herschenkt, ist nicht verwerflich, verdeckt allerdings das Systemische am Missbrauch der jungen Frau. Gerade heute dürfte das immer noch ein großes Problem sein. So nimmt in der Diskussion des Publikums der Solidargedanke auch großen Raum ein. Szenisch ist hier vor allem die übergriffige Begegnung mit von Dorsday von Belang, die Riedler auch ausführlich an einem herabhängenden Kronleuchter als einziges Bühnenrequisit (Belle Santos) durchspielt. Ansonsten wird viel mit dem Publikum gescherzt, vergeblich Geld gesammelt und nach anderen möglichen Auswegen gesucht.
Letztendlich ist Elses Entblößung vor Publikum bereits im Original eine Flucht nach vorn, die Riedler noch dadurch zur Selbstermächtigung potenziert, dass sie die Scham umdreht und von Dorsday seine Schuld eingestehen lässt. Ein utopischer Gedanke, der zwar in die richtige Richtung geht, das Publikum aber auch etwas mit sich und dem Abend versöhnen will. Wie anders geht da das momentan viel gespielte Monologstück Prima Facie von Suzie Miller mit dem Problem der Schuldhaftigkeit um. Obwohl wir mit Schnitzlers Fall heute noch immer nicht im justiziablen Bereich sind. Wie immer man die Sache bewerten will, Böhm und Riedlers Konzept geht durchweg auf und zeigt auch sonst, dass mit wenig Mitteln und einer mitreißenden Darstellung gutes Theater zu machen ist. Denn auch das beste Bühnenbild bleibt leeres Versprechen, wenn nicht ein echter Mensch am Kronleuchter hängt.'' schreibt Stefan Bock am 8. Mai 2026 auf KULTURA-EXTRA
Charmant-lässiger Mix aus Stand-up und Novellen-Werktreue
8 Tage her.
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Kritik
Ein Siegeszug, wie er selten zu erleben ist: im vergangenen Sommer wurde Julia Riedler zur Schauspielerin des Jahres gekürt, im Herbst folgten zwei Nestroy-Preise für die Darstellerin sowie für die Regisseurin Leonie Böhm, im Mai 2026 war „Fräulein Else“ beim Gastspiel im Berliner Ensemble ein rarer Höhepunkt eines bis dahin sehr zähen Theatertreffens.
Das Bemerkenswerte an diesem 90 Minuten kurzen Abend ist es, wie gut es gelingt, Stand up-Comedy mit erstaunlich werktreuen Passagen der Arthur Schnitzler-Novelle von 1924 zu einem nachdenklich-unterhaltsamen Empowerment-Erlebnis zu verknüpfen.
In einem historisierenden Kostüm mischt sich Riedler von Minute 1 an im Parkett unters Publikum, das fast permanent angesprochen und angespielt wird. Selbst das notorisch reservierte Theatertreffen-Publikum lässt sich erstaunlich bereitwillig auf das Spiel ein und von Riedler um den Finger wickeln.
Das Besondere an diesem Abend ist, dass Böhm/Riedler an ihrer bewährten Arbeitsweise festhielten, die bisher meist nur zu halbgaren oder banalen Ergebnissen führte, diesmal aber eine sehr sehenswerte Inzenierung hervorbringt: Im Publikumsgespräch erzählten sie davon, dass sie schon zu gemeinsamen Schauspielschul-Zeiten davon träumten, diesen Lieblingstext von Riedler zu bearbeiten. Wie üblich war ihre Herangehensweise sehr ergebnisoffen, spielerisch und inklusiv. Bei früheren Böhm-Inszenierungen wie „Die Räuberinnen“ oder „Antigone“ endete dies in Kindergeburtstag oder fremdschämreifem Slapstick.