Kritik
Von Beginn an sind wir in einem Strom aus Assoziationen, kleinen Beobachtungen und sehr vielen bildungsbürgerlichen Anspielungen. Eine Handlung wie im klassischen Drama wird man bei der Uraufführung dieses schmalen Alterswerks von Peter Handke vergeblich suchen. Der Abend führt uns in den Kopf eines Spaziergängers, eines „Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“, wie uns der Untertitel verrät.
Um einen „Alleingänger“ handelt es sich hier in bester Handkescher Tradition, um ein kauziges Individuum, das am liebsten ganz allein seinen Gedanken nachhängt, mit dem Rücken zum Trubel der Welt, offen für Natur und Mythen. Fast schon zur Manier gerät, wie oft Handke hier auf Homer und insbesondere seine „Odyssee“ anspielt. Wie ernst Handke seinen berühmten Rant „Ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, ich komme von Tolstoi“ meinte, den er den kritischen Journalisten nach der Verleihung des Literaturnobelpreises 2019 entgegen schleuderte, ist hier deutlich spürbar.
Auf dem Trümmerfeld, das Anja Rabes für die Bühne entworfen hat, wirken Harzer/Galic wie zwei traurige Clowns. Die Assoziation an Samuel Beckett und „Warten auf Godot“ drängt sich so sehr auf, dass sie in fast jeder Kritik steht. Mit roten Clowns-Mützen und etwas Slapstick setzte Regisseur Jossi Wieler ein paar Akzente, nahm sich aber wie gewohnt komplett zurück und stellt den Text und das ihn sprechende Duo in den Mittelpunkt.
„Schnee von gestern, Schnee von morgen“ ist einer dieser Abende, an denen sich die Geister scheiden: Simon Strauß, als Harzer-Afficionado bekannt, jubelte in der FAZ ebenso wie einige andere Rezensenten über den starken Sog, den dieser traumverlorene, poetische Abend entfalte. Vieles daran wirkt jedoch so manieriert und verschroben-versponnen, dass der gleichförmig plätschernde Abend sein Publikum zu sehr im „Halbschlaftheater“ (Christiane Lutz, SZ) einlullt, aus dem Kabinettstückchen des Edel-Schauspiel-Paares Harzer/Galic herausragen.
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