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Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh

Bewertung und Kritik zu

DIE MASCHINE ODER: ÜBER ALLEN GIPFELN IST RUH 
von Georges Perec und Johann Wolfgang von Goethe
 
Regie: Anita Vulesica 
Premiere: 12. Oktober 2024  
Deutsches Schauspielhaus Hamburg 

Eingeladen zum 62. Berliner Theatertreffen (2025) 


Zum Inhalt: Der französische Autor Georges Perec zählt zu den bedeutendsten und innovativsten des 20. Jahrhunderts. Jeder seiner Romane folgt einem anderen formalen Konzept – fast alle genießen Kultstatus. 1968 schrieb er im Auftrag des SR/WDR ein Hörspiel, in dem eine Maschine die Aufgabe hat, ein Gedicht zu analysieren. Perec, dessen Vater im Krieg gegen die Deutschen fiel und dessen Mutter vermutlich in Auschwitz-Birkenau ermordet wurde, wendet Techniken der Informationstheorie und Programmiersprache ausgerechnet auf das wohl berühmteste deutsche Naturgedicht an: »Wandrers Nachtlied« von Johann Wolfgang von Goethe. In Perecs Hörstück kommunizieren keine Menschen sondern Schaltkreise. Was dabei allerdings zu Tage tritt, ist nicht nur die analytische Arbeitsweise künstlicher Intelligenz – überraschenderweise offenbart sich in der sprachlichen De- und Rekonstruktion des Gedichts auch die Funktionsweise von Poesie. Und damit gerade die Differenz zwischen künstlicher und menschlicher Intelligenz. Die abstrakte Analyse der Maschine zaubert aus dem goetheschen Achtzeiler in streng formaler Ordnung immer neuen Sinn und Unsinn, immer neue semantische Schönheiten und Absurditäten hervor.

Die preisgekrönte Regisseurin Anita Vulesica, die mit »Die Maschine« ihr Debüt am Deutschen SchauSpielHaus gibt, geht in ihrer Inszenierung noch einen Schritt weiter: Bei ihr arbeitet die künstliche Intelligenz der Maschine, indem sie nach dem Wesenskern menschlicher Poesie sucht, an der Rettung der Menschen vor sich selbst und einer alles beherrschenden instrumentellen Vernunft.

Regie: Anita Vulesica
Bühne: Henrike Engel
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: Camill Jammal
Körperarbeit & Choreographie: Mirjam Klebel
Video: Phillip Hohenwarter
Licht: Susanne Ressin
Dramaturgie: Christian Tschirner

 

2 Bewertungen

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Slapstick und Sprachakrobtik werden auf 90 Minuten gestreckt redundant
11 Monate her.
Kritik

Ein fester Slot in jedem Theatertreffen-Jahrgang gehört den Sprachspielereien und Slapstick-Virtuosen. Diesmal wählte die Jury eine Arbeit von Anita Vulesica aus, die in ihrer Zeit am DT Berlin (2010-2018) eine der besten Komödiantinnen auf Berlins Bühnen war und ihr Talent noch ab und zu in Gastspielen, z.B. in Claudia Bauers „Ursonate“ aufblitzen lässt.
Mittlerweile konzentriert sich Vulesica aber mehr auf die Regie, im DT-Repertoire sind aktuell gleich drei Inszenierungen von ihr auf der Kammerbühne zu sehen.

Ich sehe es ähnlich wie Kommentar #1: In 45 bis 60 Minuten wie im Original-Hörspiel wäre „Die Maschine“ eine amüsante Sprachspielerei, gewürzt mit Körperkomik und Slapstick des tollen Hamburger Ensembles, gewesen. Doch Vulesica streckte den Abend auf 90 Minuten, baut eine fade Ausdruckstanz-Parodie ein und lässt noch Yorck Dippe im zerstreuter Professor-Look als Perec-Double auftreten. Auch textlich entfernt sie sich durch weitere Einschübe vom Original. So wird der Abend redundant und verliert an Witz, der Sitznachbar nickt regelmäßig ein und das Glucksen und Kichern des Festspielhaus-Publikums wurde verhaltener.

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Goethes Wanderers Nachtlied – mal völlig anders
1 Jahr her.
Kritik

''In Zeiten von KI, hier kann man z.B. das immer häufiger genutzte Frage-Tool ChatGPT nennen, ist das natürlich von größter Aktualität. Eine Abhandlung dazu gibt es auch im Programmheft des Abends, der darauf im Verlauf aber leider nicht weiter eingeht. Das kann man schade finden, bekommt dann aber doch einiges an Witz und Sprach-Virtuosität geboten. Auf einer abgestuften Podestkonstruktion vor einer Metallröhrenwand (Bühne: Henrike Engel) sitzen Sandra Gerling als Kontrolleinheit, Moritz Grove, Daniel Hoevels, Christoph Jöde als Speichereinheiten und Camille Jamal als Soundmixer. Vor ihnen auf Tischen stehen rote Buzzer und Schalthebel. Die chaotisch immer wieder auf Anweisung gefalteten Lochstreifenpapiere werfen sie in lange Kunststoffröhren. Anita Vulesica hat ihre hellblau uniformierten Computersimulierer auf Slapstick und Klamotte getrimmt, was in den irrwitzigen Sprech- und Körperverrenkungen beim Publikum auch sehr gut ankommt.

Goethes Naturgedicht, in dem es um unterschiedliche Ruhezustände in der Natur (Gipfel, Wipfel, Vögel) geht, und an dessen Ende schließlich der noch nicht zur Ruhe gekommene Mensch selbst als angesprochenes Du steht („Warte nur, balde/ Ruhest du auch.“), wird von links nach rechts, von oben nach unten und in verschieden Zusammensetzungen neu dargeboten, bis zur Unkenntlichkeit verfremdet, mit Zitaten, deutschen Sprüchen und politischen Statements garniert, was für Heiterkeit sorgt, aber den wirklich anarchischen Ansatz etwas verfehlt. Absurdes Theater mit Goethe/Schiller-Gesangseinlage und einem nach dem Drehen der Bühne auf der Rückseite veranstalteten expressionistischen Ausdruckstanz mit Geweih- und Ast-Kopfbedeckungen. Dazu brennt es hin und wieder auf der Videoleinwand und die höchsten Berge und bedrohten Vogelarten auf der roten Liste werden von A bis Z aufgesagt. Da hat das Ganze dann zumindest noch eine klimakritische Note.

Yorck Dippe gibt den Dichter im Mechaniker-Overall und räsoniert über Entstehung und Bedeutung des Gedichts und über die „Welt als Puzzle“ im Allgemeinen. Dekonstruiert und neu zusammengesetzt am deutsch-großdichterischen Beispiel. Wir erleben es gerade in echt auf eine leider wesentlich weniger poetische Weise. In der Ruhe liegt die Kraft und die Unterbrechung des ganzen Weltwahnsinns, möchte man meinen. Die Stille in allen Landessprachen ist dann auch hier das erklärte Ziel, das zuvor allerdings noch recht schräg und unterhaltsam unterlaufen wird.'' schreibt Stefan Bock am 11. März 2025 auf KULTURA-EXTRA

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