3245 € muss man neuerdings monatlich zahlen, wenn man das Unglück hat, länger als 3-4 Tage zum Auskurieren seiner Krankheit zu brauchen, über 70 Jahre alt, und möglicherweise danach dauerhaft auf Pflege angewiesen zu sein. So schmelzen schwer verdiente Vermögen kleiner Leute weg, so verliert eine Familie in der nächsten Generation Haus und Hof derjenigen, deren ganze Kraft im Leben in dieses Haus gegangen ist, und verdienen tun dabei nicht etwa die Pflegekräfte, sondern diejenigen, die in der Pflege hilfloser ältere Menschen nichts als eine lukrative Geldanlage sehen.
Passend zu diesem Thema läuft im Rostocker Atelier Theater das Kammerspiel: „Fischers Fritze“ von Raphaela Bardutzky. Gleich zu Beginn wird eine wunderbare Brecht´sche Distanz hergestellt, man sieht eine Pflegefachkraft, Krankenschwester, einen Patienten im Bett, einen älteren Mann, und eine männliche Person, wer sie ist, bleibt noch unklar, aber auch: Hier übt eine Schauspieltruppe. Sie schneiden Fratzen, trainieren ihre Gesichtsmuskeln, üben Zungenbrecher: „Fischers Fritze fischt frische Fische“ . Das Publikum findet das komisch. In der Tat sind die Gesichter, die die drei Hauptdarsteller, Bernd Färber, Lisa Moskalenko, David Stancu, schneiden, urkomisch anzusehen. So bekommen wir einen leichten Einstieg in das traurige Thema des Abends.
Ein Mann in Bayern ist so alt und krank, dass er in ein Pflegeheim muss, aber er weigert sich, der Sohn holt eine Pflegeperson aus der Ukraine, Pauline, und der nicht unproblematische Alltag zwischen Pauline und Fritz, dem früheren Fischer, beginnt. Der weitere Verlauf des Stückes zeigt auf humorvoll-tragische Weise, wie einsam und problematisch solch eine Pflege-Zwangs-Beziehung ist. Ab und zu kommt auch der Sohn, aber zwischen Sohn und Vater schwelt der Konflikt, dass ersterer das Handwerk des Vaters nicht weitermachen wollte und auch nicht konnte, da die Fischerei umweltbedingt, mit samt ihren Fischen, am Aussterben ist. Der Sohn Franz sollte, nach Meinung des Vaters, die Generation der Fischer von den Urgroßeltern bis zu den Enkeln weiterführen, nun ist er Friseur geworden, unverzeihlich. Jahrzehntealte Aggressionen und Kränkungen vergiften die Kommunikation, die nach jahrelanger Funkstille zwischen Vater und Sohn, nun notgedrungen, wieder aufgenommen werden muss.
Sehr typische Generationenprobleme der Boomer-Generation mit ihren zunehmend betagter werdenden Eltern, werden hier, sowohl ernsthaft, als auch komisch in einzigartiger Weise, spannend, mit spritzigen Dialogen, dramaturgisch gut verdichtet, als ein Feuerwerk an Situationskomik, Gesellschaftskritik und des Mitgefühls dargeboten. Bernd Färber gibt den alten Fischer herausragend, alles stimmt in seinem Spiel, man ist wirklich angefasst davon, wie er den hilfosen Greis ernsthaft und komisch zugleich, ohne jede Überhebung auf die Bühne bringt. Aber auch die junge Lisa Moskalenko versteht ihr Handwerk, manchmal puppenhaft, manchmal automatenhaft, oft auch verzweifelt, schafft sie die verschiedenen Gefühle wirklich mit ihrer eigenen Person zu verschmelzen und dann wieder nur Spielerin zu sein. Alles wirkt typisch, exemplarisch und daher dient es dem kritischen Blick: Die an Einsamkeit fast erstickende, aus Osteuropa kommende Pflegeperson, die am Ende trotz aller Bemühungen scheitert, der Vater, wütend über die Zerstörung der Welt, der als Fischer, eng mit der Natur verbunden, an dem Leid über die sterbenden Fische zerbricht und der Friseur-Sohn, der seinem Vater durch dessen Unverständnis nicht näher kommen kann, ergeben ein hochexpolsives Gemisch an gegenseitigem Missverstehen, dass aber dann doch teilweise liebevoll durchbrochen wird.
Dieser einfache Inhalt, ist hier durch erstklassige Schauspielkunst und Regie zu einem eindrucksvollen „Sprechstück“, zu einem hochsensiblen und trotzdem spielerisch leicht wirkendem Stück, mit tiefem Erkenntniswert geworden, dass man wie festgenagelt auf seinem Stuhl sitzt und fasziniert ist von dem inhalt und dem Minen- und Körperspiel der Darsteller.
Dabei wechseln die beiden ostereuropäischen Darsteller locker die Sprachen, alle drei die Dialekte, dazu die Sprachlosigkeit des Patienten, die die Pflegekraft zu überwinden trachtet, das ist sehr gut auf den Punkt gebracht worden. Dramaturgisch geht es immer hin und her zwischen Spiel-Realität und Reflexionsebene, was dem Spiel eine ganz besondere Note gibt. Der alte Fischer spricht erst in unverständlichem bayrisch, dann kommentiert er im normalen Hochdeutsch seine Rolle, es ist faszinierend, was die kleine Gruppe hier auf die Bühne bringt. Auch die schon lange üblichen Video Bühnenbilder, die, da allzu oft Masche, manchmal zu Tode langweilen, waren diesmal sehr gut gewählt, denn es ging in ihnen um eine andere Bewusstseinsebene. Gedanken, Albträume, das Unbewusste wurde in ihnen ausgedrückt, ein Aquarellbild mit Fischen lag über der Szene, die in doppelter Ausführung als Video über der realen Szene lag. Dazu wurde Wasser geplätschert in einer kleinen Schüssel was sichtbar blieb, einfach, aber genial in der Wirkung. Das Publikum hat entsprechend reagiert, nicht nur das Händeklatschen, sondern auch das Füßetrampeln wurde wirklich lange durchgehalten. Ach, wie viel Kraft kann doch Humor, verbunden mit Tiefgründigkeit hervorbringen, wenn man an einem eiskalten Abend mit trüben Wetter in ein Theater geht, ganz ohne etwas Großes zu erwarten, und dann dermaßen erfüllt und erfreut, nach einigen Stunden wieder auf die Straße tritt!
Die Autorin Raphaela Bardutzky sollte man sich merken, ihre Stücke werden grade an mehreren deutschen Bühnen gespielt, schon gibt es polnische und französiche Übersetzungen, ein großes Talent, und trifft offenbar den Nerv der Zeit.
Inszenierung: Annette Müller, Bühne und Kostüme: Oliver Kostecka, Dramaturgie: Sophia Lungwitz, Regieassistenz und Inspizienz: Martha Helms: Schauspieler: Bernd Färber, Lisa Moskalenko, David Stancu
Anja Röhl
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