WALLENSTEIN – Ein Schlachtfest in sieben Gängen – Münchner Kammerspiele
Eingeladen zum 63. Berliner Theatertreffen (2026)
Premiere: 4. Oktober 2025, Schauspielhaus Nach Friedrich Schiller Regie: Jan-Christoph Gockel Bühne: Julia Kurzweg Kostüme: Janina Brinkmann Musik (Live): Maria Moling Video: Lion Bischof Lichtdesign: Christian Schweig, Stephan Mariani Puppen: Michael Pietsch Recherche & dramaturgische Mitarbeit: Serge Okunev Mit: Katharina Bach, André Benndorff, Johanna Eiworth, Nadège Meta Kanku, Samuel Koch, Annika Neugart, Annette Paulmann, Michael Pietsch, Leoni Schulz, Eva Bay, Maria Moling (Live-Musik), Serge Okunev, Pari Garvanos, Daniel Hascher
Über die Inszenierung
Jan-Christoph Gockel verwandelt Schillers monumentale Wallenstein-Trilogie in ein sinnliches, politisch scharfes Spektakel, das den Mythos des Söldnerführers radikal neu befragt. Die Inszenierung verbindet historische Vorlage, aktuelle geopolitische Bezüge und dokumentarische Recherche zu einem Abend, der Krieg als Lebensform, Geschäftsmodell und männliche Selbstinszenierung entlarvt.
Auf der Bühne wird buchstäblich gekocht, zerlegt, serviert: Wallensteins Aufstieg und Sturz erscheinen als kulinarisches Ritual, das Macht, Hybris und Loyalität körperlich erfahrbar macht. Gockel und sein überwiegend weibliches Ensemble demontieren den Mythos lustvoll und holen Wallenstein vom Sockel. Die Inszenierung verknüpft Schillers Sprache mit Stimmen von Ex-Söldnern, Angehörigen und NGOs – ein Reibungsfeld zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
Ensemble
Katharina Bach
André Benndorff
Johanna Eiworth
Nadège Meta Kanku
Samuel Koch
Annika Neugart
Annette Paulmann
Michael Pietsch
Leoni Schulz
Eva Bay
Maria Moling (Live-Musik)
Serge Okunev
Pari Garvanos
Daniel Hascher
Besondere Aspekte dieser Inszenierung
eine radikale, gegenwartsbezogene Neuinterpretation der Wallenstein-Trilogie
ein sinnliches Spektakel, das Kochen, Ritual und Kriegserzählung verbindet
eine Verbindung aus Schillers Sprache und dokumentarischer Recherche
ein überwiegend weibliches Ensemble, das den Mythos bewusst dekonstruiert
eine ästhetische Mischung aus Theater, Installation, Live-Musik und Puppenspiel
Die Produktion untersucht, wie Kriegsökonomien funktionieren, wie Macht entsteht und wie sie zerfällt – und stellt die Frage, ob es Strategien für Frieden gibt in einer Welt, die sich immer wieder neu bewaffnet.
'Der querschnittsgelähmte Schauspieler Samuel Koch (vor 13 Jahren bei einem tollkühnen Sprung über fahrende Autos in der ZDF-Show Wetten, dass... verunfallt) muss als Hauptattraktion dieses überambitionierten Wallensteins, dessen Titelrolle er verkörpert, benannt sein! Wie er quasi (im nicht ausschließlich übertragenen Sinne:) in den Seilen hängt und marionettengleich agiert, verleiht dieser Figur mit einem Mal ganz andere, geradezu unheroische, v.a. aber tragisch zu nennende Züge; grandios gespielt.
Nicht minder auffällig die in einer Testosteronhaut steckende Katharina Bach in der Männerrolle des Illo - aus dieser Haut wird sie sich am Schluss der Aufführung befreien, um splitternackt das Ganze endlich zum Ende zu bringen; und nicht nur dafür bekam sie den diesjährigen 3.sat-Preis verliehen.
Mein persönlicher Favorit war dann allerdings Annika Neugart als Max Piccolomini (als wohl einziger echter Humanist in Schillers altzopfenen Reimen, deren Sprach- und Sprechduktus eigentlich völlig aus der Zeit gefallen ist); und was die Neugart da an maskulinisierter Performance, stets als Karikatur des "Mannes an sich" (ähnlich oder noch schlimmer gibt die Bach ihrem Affen Zucker), abliefert, treibt einem dann schon vor entfesselter Begeisterung den Schweiß auf die Stirn.
Alle anderen: selbstredend ebenso berauschend gut.
Was für ein Schauspielerinnen- und Schauspielerensemble!!
Vieles über Prigoschin erfahren, vieles lecker und live Gekochte gerochen und Riesenappetit hierauf gekriegt, tolldreiste Schwanz-ab-und-an-Szene mit der Hintergrundmusik aus Wagners Parsifal usw. usf.
Marathon aus Klassikerpflege, Mitmach-Theater, Kabarett und klugem Recherchetheater
4 Monate her.
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Kritik
Weit weg von Schiller scheint der Abend zu Beginn: Sergej Okunev schlendert auf die Bühne, im charmant-witzigen Nils Kahnwald-Dionysos Stadt-Stil plaudert er sich an sein Thema heran, das Schicksal von Jewgeni Prigoschin, einer ähnlich schillernden Figur wie Wallenstein. Beide waren Söldner-Führer, beide gerieten mit ihren Dienstherrn (dem Kaiser in Wien bzw. dem neuen Zaren Wladimir Putin in Moskau) aneinander, für beide endete es tödlich. In kleinen Intermezzi schildert der Exil-Russe Okunev, der sich aus Angst vor Repressionen einen Zaubermantel wie Harry Potter überwirft, die überraschenden Wendungen in Prigoschins Leben, vom Self-Made-Mann nach dem Zerfall des Sowjet-Imperiums über Putins Koch und seinen Mann für Spezialeinsätze weltweit bis hin zum vermutlich gar nicht so rätselhaften Flugzeugabsturz.
Doch bald kommt bei diesem „Schlachtfest in sieben Gängen“ auch sehr viel O-Ton Schiller in gekürzter Form zur Aufführung. Vor allem Annette Paulmann, eine der langgedienten Säulen des Ensembles der Kammerspiele, als Octavio Piccolomini, und der seit missglücktem „Wetten, dass?“-Stunt querschnittsgelähmte Samuel Koch sprechen die Verse so gekonnt, dass sie nicht aus der Zeit gefallen klingen. Die Leistung des künstlerischen Teams um Jan-Christoph Gockel ist es, dass sie kluge Anschlüsse von der klassischen Tragödie in die Gegenwart finden. Was kurz vor Weihnachten am DT Berlin bei Claudia Bossards „Räubern“ daneben ging und in ratlosen Witzchen endete, wird hier zu einem gelungenen Panorama aus Doku- und Recherche-Theater, Kabarett über toxische Männlichkeit und Mitmach-Event, das alles gleichberechtigt neben den Schiller-Passagen steht.
Für den Spott über toxische Männlichkeit sind an den Kammerspielen vor allem Katharina Bach und Johanna Eiworth zuständig. Erstere legt im Muscle-Suit eine furiose Nummer hin, wie sie wimmernd auf der Suche nach dem Strap-On und der verlorenen Männlichkeit über den Boden kriecht. Zweitere karikiert den Möchtegern-Strategen, dem in vielen Anläufen erklärt werden muss, wie die geplante Intrige laufen soll.
Aus diesen und einigen weiteren Zutaten entsteht ein bemerkenswerter Theater-Abend, der einen Klassiker klug in die Gegenwart übersetzt, und eine Einladung nach Berlin sehr verdient hätte, wenn die Theatertreffen-Jury in knapp zwei Wochen tagt.