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Operette für zwei schwule Tenöre

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OPERETTE FÜR ZWEI SCHWULE TENÖRE
Johannes Kram (Text) und Florian Ludewig (Musik)
Premiere: 6. Oktober 2021 
BKA Theater Berlin 

Zum Inhalt: Ohne jede Vorwarnung hat sich Jan von Tobi getrennt und ist vom Dorf nach Berlin gezogen, um sich dort ausleben zu können. Tobi versteht die Welt nicht mehr, die beiden hatten doch alles: Ein Häuschen auf dem Land samt Gartenidylle, selbstgemachter Marmelade und freundlich grüßenden Nachbarn. Doch was für den einen die heile Welt bedeutet, ist für den anderen eben der Horror. Eine aufwühlende, moderne, brüllend komische, aber immer auch berührende Geschichte über schwules Leben zwischen Landidylle und Großstadtszene nimmt seinen Lauf.

Eddy-Projekt

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EDDY-PROJEKT 
nach den Romanen von Édouard Louis
Regie: Alexander Weise
Premiere: 25. August 2021 
Wabe Berlin 

Zum Inhalt: Édouard Louis‘ Das Ende von Eddy erzählt autobiografisch die Geschichte eines empathischen, schwulen Jungen, der in der französischen Provinz im aggressiven Dunst der sogenannten „Abgehängten“ mit allen damit unweigerlich verbundenen gesellschaftlichen, sozialen und familiären Diskriminierungen aufwächst. Er wird in der Schule gemobbt, täglich verprügelt und von seiner Familie für sein Anderssein verachtet und geschmäht. Dabei vermischt sich seine eigene erlebte Isolation mit der Verlorenheit der Sicht „der Leute“, die früher noch eine Identität in linken Ansichten fanden, sich nun aber in rechte Parolen flüchten. Mit klarer Sprache und in manchmal unerträglicher, rücksichtsloser Beschreibung der Details zeichnet Louis mit seiner eigenen Geschichte ein nüchternes Abbild unserer aktuellen, immer mehr zerreißenden Gesellschaft.
Im zweiten Teil Wer hat meinen Vater umgebracht kehrt der Protagonist, mittlerweile in Paris lebend, als erfolgreicher intellektueller Schriftsteller an den Ort seiner traumatischen Kindheit zurück. Im Monolog stellen sich dabei jeweils an einem Abend entweder Alexander Fehling, Jonathan Berlin, Michael Rotschopf oder Franz Hartwig ganz individuell, direkt und offen nicht nur der eigenen Vergangenheit, sondern auch der Gegenwart des körperlichen Verfall des Vaters, der nach einem Arbeitsunfall trotz Rückenschmerzen eine Stelle als Müllaufsammler aufnehmen muss, um seinen Anspruch auf Sozialleistungen nicht zu verlieren. Der Titel nimmt hierbei schon den drohenden Tod vorweg. Wer trägt Schuld an den Brüchen der Gesellschaft, die den Sprechenden selbst und seinen Zuhörer, seinen Vater ganz faktisch – „sie haben dir dein Rückgrat gebrochen“ - zu durchziehen scheinen? Wie kommt es zu den angeblich unveränderbaren, starren Strukturen, die unsere Lebenswirklichkeiten zu verhärten drohen? - Durch eine unvergleichlich schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte entdeckt der Erzähler durch Empathie und Scharfsichtigkeit einen Ausweg aus gesellschaftlichen Alternativlosigkeiten, eine neue Möglichkeit des persönlichen und politischen Handelns: „Ich glaube, was es bräuchte, wäre eine ordentliche Revolution.“

Die letzten Tage der Menschheit

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DIE LETZTEN TAGE DER MENSCHHEIT 
von Karl Kraus
Regie: Paulus Manker 
Premiere: 13. Juli 2018 (Serbienhalle, Wiener Neustadt) 
Berlin-Premiere: 20. August 2021   
Belgienhalle Siemensstadt, Berlin 

Zum Inhalt: Die Szenen des Stückes spielen simultan an verschiedenen Schauplätzen. Um während der Aufführung zu erfahren, was der Inhalt der jeweiligen Szene ist und um zusätzliche Informationen zu erhalten, können Sie über Ihr Smartphone QR-Codes empfangen, die Ihnen das Verständnis des an historischen Details reichen Stückes und seiner vielen Figuren erleichtern.
Die Grenzen zwischen Schauspielern und Publikum verschwimmen. Die Dame vis-à-vis, gehört sie zum Ensemble? Die Frisur, die Bluse? Nein, sie hat keinen Strohhut. Oder doch? Sie zückt ihr Handy, jetzt ist es klar. In anderen Aufführungen verpönt und bis auf das eine, das immer läutet, ausgeschaltet, gehört das Handy bei der Manker-Regie zur Besetzung dazu. Das Wischtelefon wird zum Souffleur für Hintergrundwissen. Die sogenannten QR-Codes im Programmheft müssen mit der Handy-Kamera gescannt werden und schon erscheinen Details zum „begnadeten Leitartikler der Neuen Freien Presse“ Moritz Benedikt oder welche Rolle Flora Dub beim Begräbnis des Thronfolger-Ehepaars spielte.

Revue Regret: "dear doubts"

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DEAR DOUBTS 
Revue Regret
Premiere: 20. August 2021 
Berlin Circus Festival

Zum Inhalt: Von der kleinsten Banalität bis zur großen Lebensfrage treffen wir jeden Tag Entscheidungen. Jede von ihnen hat eine Konsequenz, hinterlässt eine Spur, eine Erinnerung, gelegentlich eine Narbe. Manchmal folgt auch Bereuen.

Revue Regret fängt genau diesen Moment des Zweifels mit stimmungsvollen und symbolischen Bildern ein. Ein Cyr Wheel umkreist im Stroboskoplicht das drängende „Was wäre, wenn“, am Vertikalseil taumelt ein beharrliches „Vielleicht“. Der Absturz könnte jederzeit so tief sein wie das Bereuen.

Amanda Piña: Frontera | Border – A Living Monument

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FRONTERA | BORDER – A LIVING MONUMENT 
Amanda Piña
Premiere: 11. Oktober 2018 (Tanzquartier Wien) 
Deutschland-Premiere: 20. August 2021 (Tanz im August)  
Haus der Statistik Berlin 

Zum Inhalt: “Frontera | Border – A Living Monument” der mexikanisch-chilenisch-österreichischen Choreografin Amanda Piña ist inspiriert von einem Tanz, der an der Grenze zwischen den USA und Mexiko entstand. Dieser Tanz, der ursprünglich als Eroberungstanz von den Spaniern aufgeführt wurde, um den Sieg der Christen über die muslimischen Eroberer darzustellen, wandelte sich und wurde später als Widerstandsform gegen koloniale und neoliberale Mächte genutzt. In einer Choreografie, die Hip-Hop-Kultur, koloniale Erzählungen, indigene Praxen und Mystizismus verwebt, erinnert Piña uns daran, dass die Grenze nicht nur ein Strich auf einer Karte ist, sondern sich in manche Körper auch mehr einkerbt als in andere.

Es lebe Europa

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ES LEBE EUROPA 
von Paul Scheerbart
Regie: Jens Schmidl 
Premiere: 12. August 2021 
Globe Berlin 

Zum Inhalt: Die deutsche Kaiserzeit, eine Dekade vor ihrem Ende: Gesellschaftlicher Stillstand und mangelnde Entfaltungs- und Aufstiegsmöglichkeiten, Verelendung der proletarischen Massen in den Städten, gepaart mit einer rasanten technischen und wirtschaftlichen Entwicklung und einer experimentierfreudigen Kunst, schließlich die Ahnung eines bevorstehenden mörderischen und erbarmungslosen Krieges, stellen kompromisslos die Frage nach Zukunft.
In krisenhaften Zeiten sind die soziale Frage von Arm und Reich, die Debatten um zukunftsweisende Gesellschaftsmodelle und die Isolation und Einsamkeit des Individuums die Ingredienzien für Paul Scheerbarts zahlreiche Dramolette, jedes kaum länger als 10 Minuten. In ihnen radikalisiert er seine Figuren zu einem Reigen des Scheiterns. Ihre Protagonisten agieren in manischer Hyperaktivität, führen sich und die Gesellschaft in absoluter wie absurder Zuspitzung vor. Paul Scheerbarts Stücke sind verzerrende Hohlspiegel einer Gesellschaft, die es trotz prosperierender Ökonomie nicht schafft, eine positive Vision zu entwickeln und an Mangel von Empathie und Phantasie zugrunde geht.
Mit diesen Momentaufnahmen, die ein Brennglas auf den Mikrokosmos individueller, spielerischer, aber immer existentieller Machtausübung richten, ist Scheerbart ein nur selten gespielter revolutionärer Theatererneuerer, der auch einen Gegenentwurf zum Dogma neoliberaler Ausbeutung, Überwachung und inszenierter Individualität formuliert.

 

Anne Nguyen / par Terre Dance Company: Underdogs

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UNDERDOGS 
Anne Nguyen / par Terre Dance Company
Premiere; 23. Juni 2021 (Théâtre des collines, Paris) 
Deutschland-Premiere: 6. August 2021 (Tanz im August)  
Freilichtbühne Weißensee Berlin 

Zum Inhalt: Anne Nguyen, eine Pionierin des Urban Dance, steigt tief in das kollektive Unbewusste der rebellierenden Außenseiter:innen unserer Gesellschaft ein: die “Underdogs”. Zu Soul Music, die an das politische Klima der 1970er in den USA erinnert, konfrontieren drei Tänzer:innen stolz die unsichtbare Masse ihres urbanen Erbes. Durch den Blick der Anderen und die Auseinandersetzung mit ihren eigenen Antagonismen beleuchten sie die engen Beziehungen, die sie verbinden, sowie die Entscheidungen, die sie voneinander unterscheiden.

Fürchte den Geschmack von Rosen

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FÜRCHTE DEN GESCHMACK VON ROSEN
von Cillian Mirau
Regie: Ralf Blank 
Premiere: 5. August 2020 
Theater shortvivant in der Malzfabrik Berlin 

Zum Inhalt: Der seit dem Verlust seiner Frau erfolglos gewordene Schauspieler plant sein Comeback.
Er beauftragt dafür Autoren, die nicht nur Gutes planen.
Vergangenheit, Zwänge, Verbindungen und Familie werden auf den Kopf gestellt.
Modernes Theater mit absurden Elementen und Musikeinsatz.
Kurzweilige 80 Minuten in temporeichen 16 Szenen ohne Pause.


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