Tax for free

Bewertung und Kritik zu

TAX FOR FREE 
Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich
 
Regie: Helge Schmidt 
Online-Premiere: 3. Juni 2021 
Lichthof Theater Hamburg 
Berlin-Premiere: 3. Februar 2022 
Theaterdiscounter Berlin 

Zum Inhalt: Das Theaterstück „Tax for free – Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich“ erzählt die Chronik eines politischen Skandals: Der Stadtstaat Hamburg fordert 2016 von der Privatbank M.M. Warburg & CO 47 Millionen Euro Steuergeld zurück. Dieser Betrag wurde mutmaßlich durch Cum-Ex-Geschäfte zu Unrecht vom Fiskus erstattet. Dann jedoch trifft sich der Mitinhaber der Bank mit dem Regierenden Bürgermeister Olaf Scholz. Innerhalb weniger Tage entscheidet sich die Finanzbehörde unter Senator Peter Tschentscher dazu, auf die Erstattung zu verzichten. Was damals besprochen wurde, will heute keiner mehr wissen.

Von und mit: Jonas Anders, Ruth Marie Kröger, Günter Schaupp und Laura Uhlig

Regie und Fassung: Helge Schmidt
Ausstattung: Atelier Lanika (Anika Marquardt und Lani Tran-Duc)
Video: Jonas Link / Musik: Frieder Hepting
Körperarbeit: Jonas Woltemate
Lichtdesign: Sönke C. Herm
Produktionsleitung: Zwei Eulen (Kaja Jakstadt)
Assistenz und künstlerische Mitarbeit: Judith Weßbecher
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Andreas Joos

TRAILER


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Politkabarettistisches Infotainment
  · 03.06.21
„Tax for Free“ knüpft an Cum-Ex Papers an und zeichnet detailliert nach, wie es dazu kam, dass die Hamburger Behörden in den Jahren 2016/2017 eine fällige Steuernachzahlung von satten 47 Mio. € stillschweigend verjähren lassen wollten. Erst der Wirbel von Medien-Veröffentlichungen, vor allem von Oliver Schröm vom NDR-Magazin Panorama, der Druck von Oppositionspolitikern wie Fabio de Masi (Linke) und Gerhard Schick (ehemals MdB von Bündnis 90/Die Grünen, jetzt NGO-Aktivist von Die Finanzwende) und eine eindeutige Weisung aus dem Bundesfinanzministerium sorgten dafür, dass Warburg die Rechnung begleichen musste.

Die kabarettistisch aufbereitete und mit kurzen Dialoggefechten aufgelockerte Chronologie eines Skandals wird noch mit Talking heads-Einspielern der oben genannten Experten aus Politik und Medien angereichert. Das würde für einen Dokumentartheater-Abend, den man mit Gewinn sieht, auch völlig ausreichen. Doch der Abend droht sich durch im Untertitel „Scholz und Tschentscher geben einen aus und Michael Kohlhaas wundert sich“ angelegten zweiten Erzähl-Strang zu verzetteln. Regelmäßig werden kurze Passagen aus der berühmten Kleist-Novelle über Kohlhaas, der sich in seinem Widerstand gegen staatliches Unrecht komplett verrannte, in die Dokutheater-Handlung eingebaut. Dies sind jedoch die schwächeren Szenen des Abends. Oft zu albern und in betont lächerlichen Kostümen wird der Kleist-Strang nachgespielt. Die Entscheidung, ausgerechnet den Kohlhaas-Klassiker in das aktuelle Dokumentar-Theater einzubauen, wirkt nicht schlüssig.

Weiterlesen
War die Kritik hilfreich?
0 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der Theatermacher Helge Schmidt arbeitet komödiantisch
  · 06.02.22
''Auf der kleinen Bühne im TD Berlin stehen stoffbespannte Videowände, die u.a. für die Projektionen der für das Stück befragten ExpertInnen aus Politik, Journalismus und Bürger-Verbänden dienen. Unter ihnen der Investigativ-Journalist Oliver Schröm und der Linken-Politiker und ehemalige Obmann des Wirecard-Ausschusses im Bundestag Fabio des Masi. Die parlamentarische Untersuchung eines weiteren Finanzskandals mit Politikbeteiligung. Auch hier zeigte Olaf Scholz als Bundesfinanzminister erhebliche Erinnerungslücken.

So erfährt man in den kurzen zwischengeschalten Videos einiges aus dem Nähkästchen mühsamer journalistischer Ermittlung und parlamentarischer Aufarbeitung aus erster Hand, während das Spiel des vierköpfige Ensemble wechselnd mit Hilfe von der Presse zugespielten Briefen und Auszügen aus dem Tagebuch des führenden Warburg-Bankers Olearius den Fall auf der Bühne aufrollt. In barocken Kostümen wechseln die DarstellerInnen immer wieder in entscheidende Szenen aus Kleists Kohlhaas, bis sich die Ebenen fast überlagern. So schliddert die Inszenierung von einem kuriosen Funfact zum nächsten und ringt den dokumentarischen Passagen mit Spielzeugpferden, Säckeweiser verbrannter Kohle und Scholz- und Tschentscher-Masken einiges an ironischem Witz ab. Was aber nicht darüber hinweg täuschen soll, dass einem bei all der spürbaren Ohnmacht nicht die Galle überkochen könnte. Politische Petition oder Revolte ist da die große Frage. Letztendlich ist der Abend aber ein Plädoyer für mehr parlamentarische Kontrolle der finanzwirtschaftlichen wie politischen Entscheidungsträger.'' schreibt Stefan Bock am 5. Februar 2022 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.