Die Gerechten



    Bewertung und Kritik zu

    DIE GERECHTEN 
    von Albert Camus
    Regie: Peter Atanassow
    Premiere: 30. November 2022 
    Freilufttheater in der JVA Plötzensee Berlin

    Zum Inhalt: Eine Gruppe russischer Sozialrevolutionäre will im Jahre 1905 den Großfürsten töten. Sie glauben, dass sich das Volk erhebt, wenn die Repräsentanten des Zarenreiches getötet werden. Der junge Poet Kaljajew soll die Bombe werfen, doch er zögert, als er Kinder in der Kutsche des Großfürsten sieht. Das Attentat scheitert. Das stellt die Gruppe vor eine Zerreißprobe.

    Mit Frank, Lauan A., Maximilian Sonnenberg, Mohammad Hassan, Nehad Fandi, Sadam, Steffen, Steven Mädel.

    Regie: Peter Atanassow
    Bühne: Holger Syrbe
    Kostüme: Haemin Jung
    Dramaturgie: Franziska Kuhn, Daniel Dumont
    Video: Pascal Rehnol
    Musikalische Einstudierung: Vsevolod Silkin
    Produktionsleitung: Sibylle Arndt
    Grafik: Dirk Trageser
    Regieassistenz: Caroline Zintz


    WIR EMPFEHLEN

    5 von 5 Sterne
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    Das Drama der selbsternannten Gerechten
    1 month ago
    Kritik
    [justify]Das Drama „Die Gerechten“, von Albert Camus wurde von ihm bewusst in einer Zeit verfasst, wo er seine Eindrücke aus dem bewaffneten Widerstand gegen die Nazi-Besetzung in Frankreich verarbeiten wollte. Es greift dazu aber eine Episode aus der Zeit der russischen Sozialrevolutionäre auf, denen man in ihrer Benennung noch ihr Ziel einer sozialen Umwälzung gelassen hat, im Gegensatz zu heute, wo solcherart Menschen nur noch Terroristen genannt werden. Und mit dieser diskriminierenden Benennung beginnt man heute schon in recht frühem Stadium des Protestes in Presse und Justiz. Man tituliert so schon Menschen, die zunächst nur Autobahnen blockieren, Bilder, durch Glasplatten , mit Pudding oder Kartoffelbrei bewerfen und friedlich auf sich aufmerksam machen. [/justify] [justify] [/justify] [justify]Im Stück „Die Gerechten“, hier sehr frei von Peter Atanasof, mit dem Team Plötzensee des Gefangenentheaters AufBruch gegeben, trifft eine Gruppe von Attentätern sich in einer Beobachterwohnung, um ein Attentat auf einen Fürsten vorzubereiten. Der Attentäter Janek, ein mit seinem Vater in Ungnade lebender Intellektueller trifft auf den skeptisch-proletarischen Stepan, der ihn für unfähig hält, das Attentat zu vollziehen. Streit, Misstrauen, Gebrüll, dann wieder Beruhigung. [/justify] [justify]Jedoch danach „versagt“ Janek, er konnte die Bombe nicht werfen. Begründung: „Da saß ein Kind drin“. Stepan verweist auf die 200.000 russischen Kinder, die den Hungerstod erleiden, weil es den Großfürsten gibt. Die Diskussion wird grundsätzlich. Einige Zeit später wirft Janek die Bombe doch noch, verschont aber die Fürstin, samt ihren Kindern. Das wird benutzt, die Attentäter zu spalten. Warum haben sie das Leben der Kinder gerettet? Haben sie also Skrupel, glauben sie nicht an den reinigenden Faktor Gewalt? Nein, das tun die Sozialrevolutionäre nicht.  Sie hassen Gewalt, nutzen sie nur als Gegenwehr, weil sie verzweifelt über die zaristische Gewalt sind. Doch Stepan nicht, er liebt und verehrt die Gewalt, sie allein wird durch eine Katharsis in der Bevölkerung etwas neues ermöglichen, so schwärmt er. Aber sie scheitern. Ihr Opfer war umsonst, Attentate ändern nichts. So die Handlung und Botschaft. [/justify] [justify] [/justify] [justify]Ein sehr wichtiger moralphilosophisch-politischer Debattenpunkt: Wenn sozialer Protest gegen Unterdrückung mit Gewalt gegen Menschen und noch schlimmerer Unterdrückung beantwortet wird, was dann? Alles gefallen lassen?  Und wenn friedlicher Protest gegen Sachen mit Gewalt gegen Menschen beantwortet wird, was dann? Ab wann, oder wann überhaupt, ist Gewalt gegen Menschen legitim? Wenn sie Unterdrücker sind? Wenn sie selbst Gewalt gegen Menschen ausgeübt haben? Auge um Auge? Die wenigsten Unterdrücker machen sich die Hände schmutzig, dafür haben sie Gesetze, Anweisungen, Leute. Also ist Gewalt auch gegen diese erlaubt? Oder nicht? Und ihre Kinder werden in ihre Fußtapfen treten, Gewalt gegen sie erlaubt? Nein? Also: Schwierig! [/justify] [justify] [/justify] [justify]Auf all diese Fragen werden in dem Stück keine Antworten gegeben. Aber zum Denken wird unbedingt angeregt. Camus hat sehr früh die Gefahren erneuter gewalttätiger Unterdrückung in revolutionären Prozessen und nachrevolutionären Gesellschaften gesehen und in seinen Texten und Stücken verarbeitet. War er nur ein Janek mit Skrupeln, oder ein ernsthafter Sozialforscher? [/justify] [justify] [/justify] [justify]Eingearbeitet in diese Aufführung sind weitere Texte: Brecht, Bakunin, Peter Weiss, Hölderlin, ein Liedtext von Exodus von DJ Stalingrad. Dazu Lieder von Weill, Bernd Meinunger, und ein altes Partisanenlied aus Frankreich. Filmszenen von Eisenstein und alte Wochenschaubilder komplettieren die Aufführung, zeigen die Widersprüche auf, in dessen Feld sich die damaligen Handlungsträger bewegten. [/justify] [justify] [/justify] [justify]Die Gefangenen, die das Stück auf die Bühne bringen, haben 7 Wochen geprobt, jeweils nach ihrer Arbeit,von 16 bis 20 Uhr. Unbezahlt, freiwillig. Ihre Leistung ist überragend. Ich sah dasselbe Stück seinerzeit im Staatstheater Oldenburg. Die Spieler dort waren nicht so überzeugend. Ihre Wut hatte etwas aufgesetztes, ihr Enthusiasmus war blutleer. Hier scheint alles echt. Wir haben alles unserem Regisseur zu verdanken, sagt einer der Hauptdarsteller im anschließenden Smalltalk, er holt das alles aus uns heraus. Und der den wütenden Stepan spielt, sagt: Ich bin in Wahrheit ganz anders, glaubt man nicht, oder? Nein, glaubt man nicht. Sehr überzeugend gegeben, die Tragik, die jeweilige Überzeugung, sehr gut herausgearbeitet! [/justify] [justify] [/justify] [justify]Das Thema scheint wieder aktuell. Von Klima-RAF wird schon gesprochen, wo Aktivisten sich hauptsächlich nur selbst in Gefahr begeben. So war es auch seinerzeit 1968: zunächst war der Protest nur von Verweigerung bestimmt: Sitzstreiks, Sitt-Ins, Seminarboykotts. Als Pudding flog, hieß es: „Schmeißt sie über die Mauer!“, und: „Hängt sie auf!“. Später erst kam die RAF. Da waren vorher friedliche Demonstranten erschossen worden, da hatte man 2000 Menschen eingeknastet, da kannte der Staat keine Gnade. Da waren überall noch alte Nazis an den Schalthebeln, die in jedem Satz giftige Mordlust ausdünsteten. Der Satz: „Euch hat man vergessen zu vergasen“, der wurde einem hinterhergerufen, wenn man die Haare offen oder zu lang trug. Auf Dutschke, der keiner Fliege was zuleide getan hatte, wurden Hetzjagden veranstaltet. Erst da, erst da kam die RAF, und es war nur eine sehr kleine Gruppe, im Verhältnis zur ganzen damaligen Bewegung. Die Vorbilder der RAF waren tatsächlich die Sozialrevolutionäre Russlands. Zu dieser, unserer bundesdeutsch-jüngeren Geschichte kam in dem Stück kein Wort. Was sind die Argumente unserer Sozialrevolutionäre, aus den Jahren 1970, aufwärts gewesen? Sie verwiesen darauf, dass trotz des Scheiterns der Narodniki im vorrevolutionären Russland, der moralische Vorbildcharakter dieser Menschen eine Mut und Kraft gebende Bedeutung auf Unterdrückte gehabt hätte und daraus später die Revolution entstanden sei. Aber stimmt das? Stepan im Stück sagt das Gleiche. Das Volk wird sich erheben, schwärmt er, es wird etwas Neues, etwas Gerechteres schaffen, eine Welt ohne Gewalt. Camus meint, nein, auf Gewalt aufgebaute Revolutionen folgt eine noch brutalere Diktatur. Aber die Weltgeschichte zeigt: Ohne Revolutionen hat sich selten etwas verändert. Und allen Revolutionen gingen Aufstände voraus. Aber nicht allen Aufständen folgten friedliche Zeiten.  [/justify] [justify] [/justify] [justify]In einer Szene gelingt es dem Regisseur auch Witz herauszuarbeiten. Im Gefängnis hat Janek eine Begegnung mit zwei Kalfaktoren, deren einer ihn am nächsten Tage hängen helfen wird. Die Begegnung mit diesen zwei „Volksvertretern“ hat Witz und Tragik. Janek wird von ihnen nicht verehrt, wie er dachte, sondern als Spinner behandelt und nicht mal bedauert.[/justify] [justify] [/justify] [justify]Das Volk muss schon mitgehen bei Revolutionen, sonst wird das nichts, so einfach ist es, meint Camus, aber schwer zu machen bleibt es trotzdem. Das zeigt das ganze Stück. [/justify] [justify]Dieses Stück und die Art wie es hier gebracht wurde, regt wahrhaft zum Denken an, es erfüllt damit alle Bedingungen des epischen Theaters von Brecht. Lohnt sich! Noch schnell Karten besorgen und ansehen! Im AufBruch-Gefängnis-Theater in Berlin. [/justify]

    Anja Röhl

    [url=http://www.anjaroehl.de/][color=#1155cc]

    www.anjaroehl.de

    [/url]
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