Till Eulenspiegel

Bewertung und Kritik zu

TILL EULENSPIEGEL 
nach Brasch, Weisenborn und dem Volksbuch
Regie: Peter Atanassow
Premiere: 9. Juni 2021 
Freilufttheater in der Jungfernheide Berlin

Zum Inhalt: Die "95 Historien" des unsterblichen Schelms und Galgenstricks - den es real womöglich nie gab - haben Künstler aller Zeiten beschäftigt, von Charles de Coster bis Richard Strauß, von Gerhart Hauptmann bis Daniel Kehlmann, von Erich Kästner bis Christa und Gerhard Wolf.
In einer Collage aus Motiven des Volksbuches und Eulenspiegel-Texten von Thomas Brasch und Günther Weisenborn versetzt aufBruch Tills tolldreistes Unwesen in die Zeit des Bauernkrieges: überall Gewalt, Armut und Hunger. Das weite Rund der Freilichtbühne wird zur Manege. Hier trifft Till auf eine herumziehende Gauklertruppe.
Die droht aufgerieben zu werden zwischen revoltierenden Bauern und brutalen Landsknechten - Tills rücksichtslose Leichtigkeit als Auslöser für ein Spiel mit Realität und Fiktion, mit Historie und Fantasie. Die Frage, ob man miteinander spielen möchte, wird im Konflikt mit aufständischen Bauern und marodierenden Landsknechten zur Frage, ob man miteinander leben kann. Oder gar kämpfen soll.

Mit Frank Zimmermann, Gerard, Hans-Jürgen Simon, Jamal, Jonna van der Leeden, Josef, Maja Borm, Mathis Koellmann, Matthias Blocher, Mohamad Koulaghassi, Patrick Berg, Philipp, Sabine Böhm.

Regie: Peter Atanassow  
Bühne: Holger Syrbe 
Kostüme: Melanie Kanior 
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
Musikalische Leitung: Vsevolod Silkin  


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Zum Stellenwert des Künstlers und der Kunst in Krisenzeiten
  · 10.06.21
''Teile des Ensembles spielen eine Gauklertruppe, die in einem Lager vor der Stadt Shakespeares Romeo und Julia proben. Dafür hat Bühnenbildner Holger Syrbe grüne Zeltplanen, die Kochstelle der Köchin Popanne (Sabine Böhm) und ein Plumpsklo in das Wäldchen des halbrunden Amphitheaters gestellt. Im Hintergrund zeugt ein Galgen von unruhigen Zeiten mit Pest und Krieg, in deren Sog auch die Gaukler geraten, als abwechselnd Soldaten und aufständische Bauer mit Fahnen und Parolen ins Zeltlager kommen. Auch Till Eulenspiegel (Hans-Jürgen Simon) und seine junge Begleiterin Nele (Jonna van der Leeden) stoßen zur Truppe, deren Anführer und Regisseur (Frank Zimmermann) Till als Hauptattraktion engagiert. Nun werden seine derben Streiche nachgespielt, bei denen u.a. die Werkstatt eines Schmieds und auch das Plumpsklo eine Rolle spielen. Immer wieder reflektieren die SchauspielerInnen ihr Leben, geht es um die Freiheit und die Kunst. Ziehen sie mit den Soldaten in den Krieg, oder helfen sie den aufständischen Bauern in die Burg zu gelangen. „In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen“, leiht sich da Till Eulenspiegel sein Motto bei Brecht.

Während die Truppe, selbst hungrig und unbehaust seit tausend Jahren, Till und Nele aufnehmen, haben sie selbst Vorurteile gegenüber einem schwarzen Darsteller (Josef), den sie immer wieder verjagen wollen. Die Inszenierung zeigt aber auch klug damalige und auch heutige Probleme der Stellung des Künstlers als Narr, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält. „Kunst ist Waffe“ ist auch so ein bekanntes Schlagwort. Die Bühne als Welt, wo alles oder nichts auf dem Spiel steht. „Warum spielen wir die großen Dramen?“ ist da die große Frage. Man will das wirkliche Leben. „Sein oder Nichtsein“, sagen sie es mit Hamlet. Aber „No Business like Showbusiness“, heißt es ebenso. Das Volk will unterhalten werden. "O mein Papa, war eine wunderbare Clown", singt das Ensemble, das auch Herrschaftsmodelle und Möglichkeiten der Revolte hinterfragt. Recht kämpferisch endet der abwechslungsreiche Abend mit dem Text Hahnenkopf von Thomas Brasch über den Bauernkrieg und die Vernichtung der Aufständischen, der mit Punkt und Komma wieder im Chor skandiert wird.'' schreibt Stefan Bock am 10. Juni 2021 auf KULTURA-EXTRA
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