Bewertung und Kritik zu

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    NEBENAN 
    von Daniel Kehlmann
    Regie: Martin Kušej 
    Premiere: 15. Oktober 2022 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: An einem Sommertag in der Eckkneipe eines Szene-Stadtteils treffen sie aufeinander: Florian, ein Filmschauspieler, der beruflich wie privat auf der Sonnenseite des Lebens steht und der ältere Bruno, ein Ewigübersehener in der Glücks-Lotterie. Beide leben im selben Haus, „nebenan“, aber in unterschiedlichen Welten – der eine zugezogen im luxuriösen Loft, der andere schon seit Ewigkeiten in der 2-Zimmer-Wohnung zur Miete. Florian ist auf dem Sprung zu Probeaufnahmen für eine internationale Filmproduktion in London, Bruno bittet ihn um ein Autogramm – was wie ein harmloses Gespräch beginnt, entwickelt sich zu einem perfiden Katz- und Maus-Spiel, in dem alte Ost-West-Konflikte, Lebenslügen und die Deutungshoheit über die (eigene) Geschichte verhandelt werden. Bruno hat lange auf diesen Moment gewartet – und Florian muss erkennen, dass er die Zielscheibe einer Rache ist, die weit über die persönliche Begegnung hinausgeht. 

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    AM ZIEL 
    von Thomas Bernhard
    Regie: Matthias Rippert 
    Premiere: 14. Oktober 2022 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: An einem frühen, scheinbar friedlichen Morgen schimpft eine Mutter erbarmungslos über den gestrigen Theaterabend, die Uraufführung eines jungen Dramatikers mit dem Titel RETTE SICH, WER KANN. Die Tochter schweigt, kocht Tee und packt, denn gleich will man die Stadtvilla verlassen, in die Sommerresidenz am Meer fahren. Vor der Abreise räsoniert die Mutter nicht nur über den todkranken Zustand des Theaters und der Welt, sondern auch über die zu hoch geratene Handwerkerrechnung, das unter Wert verkaufte Gusswerk der Familie, und die beiden Geister, die immer noch als abwesende Anwesenheit ihre Wut und Scham befeuern: ihren verstorbenen Ehemann und ihren kleinen, schwerbehinderten Sohn, der nie erwachsen werden wird. Furios zelebriert sie ihre Gier nach Sinn und Erfüllung, und nicht zuletzt auch ihre Spiellust, denn sie hat zum ersten Mal einen Gast mit in die Sommerresidenz eingeladen: den jungen Theaterautor von gestern Abend. 

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    DIE TROERINNEN 
    nach Euripides
    Regie: Adena Jacobs 
    Premiere: 23. April 2022 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Die Schlacht ist geschlagen, aber der Krieg ist nicht vorbei. Troja ist gefallen, Rauchsäulen stehen über den Trümmern und die siegreichen Griechen bereiten sich auf ihre Abfahrt vor. Die überlebenden trojanischen Frauen befinden sich vor der Stadt, auf der Schwelle zwischen ihrem alten Leben als Staatselite und dem kommenden in der Sklaverei. Der denkbar schlimmste Verlust und tiefste Fall vereinen sich mit der größtmöglichen Ungewissheit. Hekabe, Königin Trojas, beklagt den Mord an ihrem Ehemann Priamos und den Tod der meisten ihrer zahlreichen Kinder; wohin das Schicksal sie noch führen wird, weiß sie nicht. Mit ihr, wartend, Hekabes überlebende Tochter Kassandra, die Seherin, der nicht geglaubt wurde, und ihre Schwiegertochter Andromache mit ihrem kleinen Sohn Astyanax, letzter männlicher Erbe der Trojaner – sowie die Griechin Helena, die als Auslöserin des Kriegs gebrandmarkt wird und nun auf ihr Urteil wartet. 

    Die trojanischen Frauen sind auf nichts als ihre Körper zurückgeworfen, angefüllt mit Erinnerung, mit wütendem Schmerz, versehrt, gezeichnet, klagend, mit einem Bein bei ihren Toten in der Unterwelt, mit dem anderen im Diesseits Halt suchend, um ihren Peinigern die Augen herauszureißen. „Kein Unterschied mehr zwischen Zorn und Trauer“, heißt es bei Ovid über Hekabe. Die australische Regisseurin Adena Jacobs stellt den gespenstischen Zwischenraum, den die Troerinnen bewohnen, ins Zentrum ihrer bilderreichen und schonungslosen Auseinandersetzung – und fragt darin ausdrücklich nach dem Schicksal weiblicher Körper im Krieg, nach dem weiblichen Körper als Kampfplatz.

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    DER STURM 
    von William Shakespeare
    Regie: Thorleifur Örn Arnarsson 
    Premiere: 12. März 2022 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Der Ort ist denkbar abgelegen. Eine wüste, menschenleere Insel, an der bisweilen Schiffe stranden. Mit Sycorax an Bord etwa, die man als „Hexe“ verfolgt und aus Algier ausgewiesen hatte, und ihrem Sohn Caliban. Oder mit Prospero, den sein Bruder Antonio als Herzog von Mailand gestürzt und ausgesetzt hat, mit seiner Tochter Miranda. Schließlich Antonio selbst, der den König von Neapel nach Afrika zur Hochzeit seiner Tochter begleitet und auf der Heimreise mit dessen Hofstaat in den titelgebenden Sturm geraten ist. Prospero hat diesen Sturm mithilfe des Luftgeistes Ariel entfacht, um seine alten Widersacher auf der Insel zu versammeln, die auf diese Weise unversehens recht bevölkert erscheint. Wie soll man nun zusammenleben, an diesem Ort, an dem alles möglich zu sein scheint, und wer soll darüber verfügen, wie hier künftig gelebt wird? Prospero scheint eine Utopie zu verfolgen, die Überwindung alter Gegensätze auf der Basis einer Aussöhnung mit der Geschichte – Verheiratung seiner Tochter mit dem neapolitanischen Königssohn inklusive – während die Hofleute ihre Rivalitäten und Machtkämpfe auf diesen extraterritorialen Ort übertragen, als wären sie in Italien oder hätten auch nur die geringste Aussicht auf Rückkehr dorthin. Gleichzeitig schließt Caliban, der seine Rechte auf die Insel von seiner toten Mutter herschreibt, sich mit den unterprivilegierten Teilen der Schiffsbesatzung zu offener Revolte zusammen. 

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    GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT 
    von Jean-Paul Sartre
    Regie: Martin Kusej 
    Premiere: 19. Februar 2022 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Inès, Estelle und Garcin haben nur Vermutungen darüber, warum sie miteinander ausgerechnet in dieser Hölle gelandet sind: ein Innenraum ohne Fenster und Spiegel. Turmhoch eingemauert, nur ab und an besucht von einem skurrilen Kellner. Ein Draußen? Gibt es hier nicht. Selbst die Augenlider sind erlahmt; der Ort droht mit durchgängigem Wachsein, ohne die erlösenden „schwarzen Blitze“ des Blinzelns. Warum sind gerade diese drei Menschen, die sich im Leben nie begegnet sind, hier zusammengepfercht worden? Welche Schuld hat sie hierhergeführt? Halten sie das Folterbesteck für die anderen bereits in den Händen, ohne es zu wissen?

    Jean-Paul Sartres Klassiker des Existenzialismus, uraufgeführt 1944 in Paris unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, ist nicht nur Schlüsselwerk zum Verständnis von Sartres Philosophie der Freiheit, die um die Frage kreist, wie uns die Blicke der Anderen gegen unseren Willen definieren. GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT ist auch ein Stück über die Ungewissheit, über das Eingeschlossen-Sein und die Isolation, über eine veränderte Wahrnehmung von Zeit, die sich in einer zur Ewigkeit gedehnten Gegenwart bleiern über die Menschen und Dinge legt. Insofern hat es wertvolles Wissen gespeichert, in dem wir uns im Rückblick auf die vergangenen Jahre überraschend wiederfinden.

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    GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD 
    von Ödön von Horváth
    Regie: Johan Simons 
    Premiere: 18. November 2021 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Die Mitte bricht weg. Die Sicherheiten, die Aufstiegsversprechen, das Selbstbewusstsein, die Ambitionen in der „Mitte der Gesellschaft“ schwinden, die Radikalisierungen nehmen zu. „Abstiegsgesellschaft“ ist das Signum der Zeit. Anfang der dreißiger Jahre in Wien soll Marianne, die Tochter des Zauberkönigs, der sein Scherzartikelgeschäft nur mit Mühe noch halten kann, mit dem Fleischhauer Oskar verheiratet werden, dem es noch vergleichsweise gut geht. Sie entflieht der Fusion und verliebt sich in Alfred, den Spekulanten, der bisher das Geld der Trafikantin Valerie auf den Rennplätzen Europas für sich „arbeiten“ ließ. Zum Vater des gemeinsamen Kindes taugt er nicht und so versucht Marianne, als Nackttänzerin in einem Varieté ökonomische Selbstständigkeit zu erringen. Aber es gibt in dieser Welt den Ort nicht, an dem sie mit ihrem unehelichen Kind ein Auskommen finden könnte. Und so erscheint der Mord an dem Säugling als ein kollektiver Akt, der die kleine Gesellschaft der „stillen Straße im achten Bezirk“ vor der Zukunft abschließen und bewahren soll. Es ist das sinnlose Opfer einer Gesellschaft, die ihrer Auflösung am Übergang zum Faschismus nichts entgegenzusetzen hat.

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    DER UNTERGANG DES HAUSES USHER 
    von Edgar Allan Poe
    Regie: Barbara Frey 
    Premiere: 14. August 2021 
    Ruhrtriennale, Maschinenhalle Zweckel 
    Wien-Premiere: 10. Oktober 2021 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Edgar Allan Poe widmete sein Werk „jenen, die eher fühlen als denken, den Träumern und denen, die an Träume als die einzigen Realitäten glauben …“. Poe schreibt über schizophrene Wachträumer und übersensible Mörder, über zwanghaft Liebende und obsessive Hysteriker. Seine Heldinnen und Helden locken uns an Orte der Furcht und des Schreckens, in die Terra incognita zwischen Leben und Tod. DER UNTERGANG DES HAUSES USHER gilt als Inbegriff des Poe’schen Horrors. Isoliert von der Gesellschaft gibt sich Roderick Usher, ein an Schwermut leidender Geist, gemeinsam mit seiner innig geliebten Zwillingsschwester Madeline einzig der Dichtung und der Musik hin. Ein Jugendfreund sucht deren Anwesen auf, in dessen Gemäuer er bei seiner Ankunft einen Riss bemerkt. Er wird Zeuge des Niedergangs des Hauses in einer stürmischen Nacht, der mit dem geistigen Zusammenbruch dessen gequälter Bewohner untrennbar verbunden ist.

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    KOMPLIZEN 
    nach Maxim Gorki
    Regie: Simon Stone 
    Premiere: 26. September 2021 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Eine lichtdurchflutete, modernistische Villa auf der Sonnenseite von Wien, voller Menschen, mit denen es das Leben nicht schlecht gemeint hat. Privatgelehrte und Industrielle, Schauspielerinnen und Filmemacher, Therapeuten und Anwältinnen, Geschäftsführer und Investorinnen – sie kreisen in ihrem kleinen Orbit um sich selbst und umeinander, häufen finanzielle und emotionale Schulden an und spinnen Pläne zur Rettung der Menschheit oder ihres eigenen kleinen Unglücks.

    Dafür haben sie sich mit Dienstleister*innen umgeben, die vor allem die Aufgabe haben, das Leben möglichst auf Abstand zu halten. „Draußen“ fordert die um sich greifende Pandemie nicht nur Tote auf Intensivstationen, sondern zunehmend auch soziale Opfer. Es kommt zu Entlassungen und Schließungen, ein Arbeitskampf eskaliert, am Ring brennen bereits Autos. Mittlerweile schleicht das Unbehagen den Millionenhügel hinan und stattet den Erben der Sonne Nacht für Nacht geisterhafte Besuche ab. Wie unter dem Mikroskop des Zellforschers zerfällt das Leben dieser Menschen – und ihre Ideen, Einfälle, Ideale geben sich zu erkennen als Bestandteile ihrer Komplizenschaft mit dem Bestehenden. Maxim Gorkis im Umfeld der russischen Revolution von 1905 entstandene Stücke KINDER DER SONNE und FEINDE behandeln einerseits die Choleraaufstände in Saratow Ende des 19. Jahrhunderts und andererseits den Streik in der Textilfabrik eines liberalen Unternehmers und Mäzens. Simon Stone hat für das Burgtheater- Ensemble auf der Basis beider Dramen ein lebenssattes Stück über die sozialen Verwerfungen unserer Tage geschrieben.

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    RICHARD II. 
    von William Shakespeare
    Regie: Johan Simons 
    Premiere: 4. Mai 2021 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Elf Jahre ist Richard alt, als man ihn auf den Thron setzt, Isabel von Valois, seine Frau, ist mit sechs Jahren Königin geworden. Ein seltsam flirrendes Paar auf dem Thron, zwischen hypertrophen Höhenflügen und düsteren Ahnungen schwankend. Shakespeares “schlechtester König” hat das, was man Politik nennt, nie gelernt. Er hat wohl den Mord an einem seiner Onkel angeordnet, was ihm dieses Verbrechen aber für Vorteile gebracht haben könnte, bleibt unersichtlich.

    Vielmehr rührt es die Opposition in der weitverzweigten Königsfamilie auf. Er hat Steuern und Abgaben erhöht, um einen prächtigen Hof zu führen, und damit große Teile des Adels gegen sich aufgebracht. Und er konfisziert das Vermögen eines anderen Onkels, kaum, dass der gestorben ist, und schickt den einzigen Erben in die Verbannung, um einen Feldzug gegen irische Rebellen zu finanzieren. Seine Regierung, ein Amtsmissbrauch.

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    DIE MASCHINE IN MIR 
    Version 1.0
    Regie: Bush Moukarzel / Ben Kidd 
    Premiere: 31. Dezember 2020 
    Burgtheater Wien 

    Zum Inhalt: Mit DIE TRAUMDEUTUNG von Sigmund Freud durchbrach das irisch-britische Regieduo Dead Centre lustvoll die Trennung zwischen Spiel auf der Akademietheater-Bühne und Realität im Zuschauerraum, indem der Traum einer Wiener Zuschauerin zum Inhalt eines ganzen Theaterstücks wurde. Die jüngste Kreation von Dead Centre feiert am 31. Dezember Premiere und geht noch einen Schritt weiter. Der Monolog mit Michael Maertens ist eine Erkundung des Transhumanismus – eine Forschung, welche die Grenzen des menschlichen Körpers zu überwinden sucht. Das Theaterstück basiert auf der preisgekrönten Reportage Unsterblich sein des irischen Journalisten Mark O’Connell, der einen aufrüttelnden Bericht über die Sehnsucht des Menschen nach ewigem Leben vorlegt. Er schlägt den Bogen vom Gilgamesch-Epos bis an die Orte unserer Gegenwart, an denen die Utopie der Unsterblichkeit bereits physische Realität ist, Menschen zu Cyborgs werden und Köpfe in der Wüste Arizonas darauf warten, zum Leben erweckt zu werden.

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