Siebzehn Skizzen aus der Dunkelheit

Bewertung und Kritik zu

SIEBZEHN SKIZZEN AUS DER DUNKELHEIT 
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Tina Lanik 
Premiere: 10. Juli 2021 
Schauspiel Stuttgart

Zum Inhalt: Am Ende läuft es immer auf das Eine hinaus – Sex. Eine Frau trifft auf einen Mann, der wiederum auf eine Frau trifft, die auf einen Mann trifft. So reichen sie sich über die Szenen hinweg die Hände zu einem verführerischen Tanz.
1896 schrieb Arthur Schnitzler die zehn Szenen des Reigen und durchwanderte mit seinen Figuren alle Gesellschaftsschichten vom Proletariat bis zur Aristokratie. Schnitzler verhandelte die Mechanik von Machtverhältnissen, Erotik, Verlangen und Liebe und ließ seine Geschichten in einen Höhepunkt münden, der lediglich durch einen Gedankenstrich angedeutet wird. Das Stück wurde zu einem Skandal und lag bis in die 1980er Jahre unter einem von Schnitzler selbst verhängten Aufführungsverbot.
Roland Schimmelpfennig durchbricht die Struktur dieses Reigens, verleiht dem Tanz einen neuen Rhythmus mit einer heutigen Melodie. In der Dunkelheit begegnen sich zehn Figuren: ein Filmproduzent und eine Schauspielerin, ein junger Autor und ein Partygirl, ein Paar in einer offenen Ehe, eine Prostituierte und ein Soldat, ein Hotelmanager und ein Zimmermädchen. Schimmelpfennig lotet die Machtverhältnisse zwischen den Paaren neu aus, zeigt Abhängigkeitsstrukturen und alternative Beziehungskonzepte auf. Die schnitzlerschen Figuren begegnen uns im heutigen Gewand. Aus bloßen Gedankenstrichen werden Aktionen, mal explizit gewalttätig und übergriffig, mal Leerstellen, die der Fantasie überlassen bleiben, und mal Akte der Selbstermächtigung.

Mit: Robert Rožić, Felix Strobel, Celina Rongen, Marco Massafra, Josephine Köhler, Matthias Leja, Paula Skorupa, Valentin Richter, Sylvana Krappatsch und Evgenia Dodina

Inszenierung: Tina Lanik
Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier
Komposition: Cornelius Borgolte
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Carolin Losch


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Der Graf heißt Weinstein
  · 19.12.21
''Schimmelpfennig übernimmt Schnitzlers genialen Einfall, im Dunkel zu belassen, was seine antisemitischen Gegner empört und einen berühmten Prozess ausgelöst hat. Auch in der aktuellen Fassung sieht man keine Rammelei. Wann immer sie stattfindet, bleibt die leere, nur durch einen goldenen Vorhang gelegentlich nach hinten verkürzte Bühne schwarz, und das Publikum wird durch einen grellen Neonrahmen geblendet.

Die Regisseurin Tina Lanik inszeniert die Figuren als Karikaturen mit hohem Wiedererkennungswert in ständiger Bewegung und mit übertriebenen Verrenkungen. Schnitzlers Drama hat ein beachtliches Komikpotential. Wer sich davon überzeugen will, sehe sich Danielle Darrieux im Ehebett oder Gérard Philipe als Graf in der Verfilmung durch Max Ophüls an. Sie hat Maßstäbe gesetzt. Auch für die Bühne. In der Stuttgarter Adaption ist davon wenig geblieben. Sie bevorzugt das Grobe gegenüber dem Subtilen. Aber auch dafür hat schon Werner Schwab die Richtung gewiesen.

Die Schnitzler-Literatur erkennt im Reigen einen zeitgenössischen Subtext: die Weitergabe der Syphilis, die zur Zeit, als der Arzt Schnitzler das Stück geschrieben hat, noch nicht heilbar war, durch die sozialen Schichten hindurch. Da könnte man heute an Corona denken. Doch das interessiert Schimmelpfennig offenbar nicht. Muss auch nicht sein. Stellt sich bloß die Frage: worin liegt der Gewinn dieser Variante gegenüber Schnitzlers Original? Der Verfasser dieser Kritik konnte ihn nicht entdecken. Der Gerechtigkeit halber sei darauf hingewiesen, dass die Bewertungen nach der Premiere fast durchweg positiv wenn nicht euphorisch ausfielen. Und zwar bezüglich des Stücks, der schauspielerischen Leistungen und auch der Regie. Wie gerne stimmte ich in den Chor ein. Es gelingt mir nicht. Not me.'' schreibt Thomas Rothschild am 19. Dezember 2021 auf KULTURA-EXTRA
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