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Bewertung und Kritik zu

WHO IS HAPPY IN RUSSIA
nach Nikolai Nekrasov
Regie: Kirill Serebrennikov 
Premiere: 24. Januar 2019 (Gastspiel) 
Thalia Theater Hamburg 

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Zum Inhalt: „Who is Happy in Russia?“ Diese einfache Frage birgt bis heute sozialpolitischen Zündstoff. Und ist zugleich Titel eines Klassikers der Russischen Literatur: ein überlanges Poem von Nikolai Nekrasov, das jedes Schulkind in Russland auswendig lernt. Zusammen mit dem grandiosen Ensemble des Moskauer Gogol Centers und einer Gruppe Live­Musiker entwirft Serebrennikov ein überbordendes Triptychon zwischen Tanz, Sprechtheater und Performance: Ein so schonungsloses wie sinnesfrohes, melancholisches wie messerscharfes Panorama russischer Lebenswelten und Freiheitssehnsüchten bis in die Gegenwart.

Kirill Serebrennikov, künstlerischer Leiter des Gogol Centers und international gefeierter Theater­, Opernund Filmregisseur, wurde in den letzten Jahren zum Sprachrohr einer jungen Generation in Russland, die sich mit dem Status Quo nicht länger abfnden will. Seit August 2017 steht der Kreml­kritische Künstler in Moskau unter Hausarrest.

Gastspiel Gogol Center Moskau - In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln


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Überbordendes Triptychon über autoritäre Traditionslinien
  · 25.01.19
Die erste Sequenz könnte man am ehesten mit den Arbeiten von Nicolas Stemann vergleichen: mit Live-Musik und im semiironischen Stil zwischen Performance und Sprechtheater nähert sich der Prolog Nikolai Nekrasows Poem an, dem der Abend seinen Titel verdankt und das russische Schulkinder auswendig lernen mussten, hierzulande aber kaum bekannt ist. Es erzählt von der Zarenzeit, als die Bauern gegen die Leibeigenschaft aufbegehrten. Sehr plakativ, regelrecht als Wink mit dem Zaunpfahl dominieren rostige Rohre und Stacheldraht auf der Bühne.

Nach der Umbaupause drängt sich ein Frauenchor am Bühnenrand. Im Zentrum der Bühne performen die halbnackten Tänzer eine wunderbar-zappelige Verzweiflungschoreographie mit dem Titel „Drunken Night“, die man am ehesten mit den Inszenierungen von Falk Richter/Nir de Volff vergleichen könnte. Nicht nur, aber ganz besonders im Mittelteil betont Serebrennikow die autoritären Traditionslinien der russischen Geschichte: Weder dem Ende der Leibeigenschaft noch der Oktoberrevolution folgte ein goldenes Zeitalter der Freiheit. Die „Who is happy in Russia?“-Inszenierung des Gogol-Centers studierte Serebrennikow 2015 ein, als sich die Spielräume für Künstler und Intellektuelle in Putins Russland sichtlich verengten. Unter Hausarrest steht Serebrennikow seit 2017.

Der dritte Teil des Abends, „The Feast for All the World“, spielt mit verschiedenen Stilrichtungen und Motiven: Traurige Clowns á la Beckett wechseln sich ab mit Publikums-Mitmachtheater, bei dem Hamburger, die von ihren Glücksmomenten erzählen, gratis Wodka ausgeschenkt bekommen. Der proletarische Schmerz und die unterdrückte Freiheitssehnsucht werden in einer Solonummer von Evgeniya Dobrovolskaya mit solcher Leidensmiene und gebücktem Gang beschworen, dass es nicht verwunderlich wäre, wenn sich Helene Weigel gleich neben sie beamen und mit ihr gemeinsam den Wagen der Mutter Courage ziehen würde. Mit Hiphop-Beats heizt Alexander Gorchilin ein, feste Größen in Serebrennikows Arbeiten und demnächst als Regie-Debütant mit „Acid“ auf der Berlinale zu Gast.

Die Spieler und Tänzer ziehen mehrere Lagen von T-Shirts über. Auch wenn man die kyrillischen Schriftzeichen nicht entziffern kann, ist die Stoßrichtung der Motive eindeutig: Putin blitzt neben Stalin auf. „KGB is still watching you“ ist kurz zu lesen. Immer wieder leuchtet auch bei den Lessingtagen im Hamburger Thalia Theater der Slogan auf, der natürlich bei keinem Gastspiel des Gogol Centers im Westen seit 2017 fehlen darf: „Free Kirill!“

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Unter den Frauen findet ihr in Russland keine, die glücklich ist
  · 28.05.19
''Der dritte Teil ist dazu wiederum kaum vergleichbar. Er beginnt mit einer Clownsnummer unter Publikumsbeteiligung – normalerweise eine schlimm gekünstelte Anbiederung an die Zuschauer, doch die russischen Spieler machen das mit großer Selbstverständlichkeit und Nonchalance. Im Publikum werden glückliche Menschen gesucht – wer einen guten Grund liefert, bekommt einen Wodka. Dass das so gut funktioniert, liegt an den vielen russischen Zuschauern, die enthusiastisch auf diese Befragung reagieren und noch aus dem zweiten Rang ihr Glücklichsein herunterrufen. Aber nicht für jeden Grund gibt’s einen Wodka, da sind die Spieler streng.     

Minuten später wird es auf der Bühne wieder ernst. Frauen in wunderschönen russischen Trachten schreiten wie über einen Laufsteg. Eine Bäuerin erzählt den Männern, die den glücklichen Menschen suchen, ihre leidvolle Lebensgeschichte – ohne viel Schnickschnack, sehr berührend. Unter den Frauen, resümiert sie am Ende, findet ihr in Russland keine, die glücklich ist. Eine tolle Schauspielerin, so wie alle auf der Bühne an diesem Abend – sie spielen weniger über den Kopf als über den Körper, sind ganz bei sich. Die Inszenierung selbst wirkt trotz ihres virtuosen ästhetischen Besteckkastens nie diskurslastig, sondern reich und sinnlich. In Berlin eine Seltenheit.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Who Is Happy In Russia?
  · 25.05.19
''Nach der ersten von zwei Pausen folgt eine Die trunkene Nacht genannte Choreografie der Männer, die schon in der Pause als elend kostümierte Penner das Publikum belästigten. Begleitet werden sie von einem Musiker an großen Bongotrommeln und russischem A-capella-Gesang der festlich gekleideten Frauen. Die melancholischen Gesänge kontrastieren den sehr körperlichen und schweißtreibenden Tanz der Elendsfiguren, die sich selbst schlagen, in Tonnen rollen oder Figurentürme bilden. Ein starkes Gruppenbild der Hoffnungslosigkeit, das einen nicht kalt lässt. 

Der dritte Teil beginnt dann wieder etwas positiver. Das Ensemble geht mit besagtem Wodkaeimer nach glücklichen Menschen im Publikum auf die Suche. Dabei sind sie nicht immer freigiebig. Der Wodka muss sich schon mit etwas Einfallsreichtum verdient werden. So gesehen ist es also nicht nur in Russland einfach, einen glücklichen Menschen zu finden. Nur dass sich die Bedingungen für das persönliche Glück wohl unterscheiden dürften. Dann wird es wieder pessimistischer, wenn Evgenya Dobrovolskaya, eine berühmte Schauspielerin in Russland, wie mir meine russische Sitznachbarin versicherte, den großen Tragödien-Ton anschlägt und als gequälte Arbeiterin von ihrem schlimmen Schicksal berichtet. Die Männer ziehen sich dann immer wieder mit diversen Slogans und Motiven bedruckte T-Shirts über. Die populistischen Heilsversprechungen und -Versprecher gehen nicht aus. Großer Jubel, Beifall und Standing Ovation für das großartige Ensemble.'' schreibt Stefan Bock am 25. Mai 2019 auf KULTURA-EXTRA
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Wodka für die Glücklichen .....und für die Unglücklichen
  · 08.03.19
Wodka für die Glücklichen .....und für die Unglücklichen

Wer ist glücklich in Russland? Der Dichter Nikolai Nekrasov aus dem Jahr 1863 beantwortet in seinem Erzählpoem diese Frage ganz eindeutig. Niemand aus dem einfachen Volk, vielleicht ein paar Staatsbedienstete, Großgrundbesitzer und natürlich der Zar. Als Kirill Serebrennikow es vor drei Jahren für sein Ensemble am Gogol Center inszenierte, ergibt sich seine Aussage ebenso deutlich.
Auf dem dicken Abflussrohr trocknet die Wäsche, wird das Essen serviert, guckt man fern. Dahinter gleich die metallne Mauer mit dem Stacheldraht darüber. Nein, nach Luxus sieht es hier nicht aus. Hierhin sind die Männer aus dem Bedürftigenreff zurückgekehrt. Als sie dort gefragt wurden, wen sie in Russland für glücklich halten würden, gehörten sie selbst mit Sicherheit nicht dazu. Da von zeugen schon ihre Plastiktüten, ihre abgerissene Kleidung und ihre aggressive Grundeinstellung.
Da hilft oft nur der Wodka, er ist ein ständiger Begleiter ihres Lebens. Wer glücklich ist, muss trinken und wer traurig ist, sowieso. Dann helfen oft nur ein oder mehrere Schlucke aus der Flasche, schon um sich trinkend der Gemeinschaft zu vergewissern. Und um gleich danach, wenn der Kontrollverlust überhand nimmt, sich in Gewaltausbrüchen gegenseitig auf den Boden zu werfen.
Nach der ersten Pause hat sich für „Drunken Night“, die Szenerie verändert. Die Metallmauer mit dem Stacheldraht hat sich zurückgezogen und eine freie Fläche wird sichtbar. Die Männer erkunden sie ohne Worte. Sie wirken wie von ihren alltäglichen Sorgen befreit. Sie tollen herum wie junge Hunde, sie ballen sich aneinander, sie heben sich empor, sie werfen sich auf den Boden und springen wieder auf. Sie hängen sich an das Seil, das von der Decke herabbaumelt, fliegen an ihm quer über die Bühne. Sie genießen ihren Freiraum, für kurze Zeit, bis sie abstürzen und wieder auf dem Boden der Tatsachen landen. Eine Auszeit im einem Zwischenreich der männlichen Freiheit.
Nach der zweiten Pause wird bei „The Feast for All the World“ zunächst nach dem Glück unter den Zuschauern gefahndet. Ein Glas Wodka lockt die Glücklichen, die sich zu ihren Gründen äußern mögen. Da wird den vielen Jahren an der Seite eines Partners, der gerade geglückten Trennung und dem Erleben eines gelungenen Theaterabends gedacht.
Auf der Bühne hat dann nach dem eher männerlastigen Fokus des bisherigen Abends eine Frau das Sagen. Denn die Frage steht im Raum: Wie steht es um das Glück der Frauen in Russland? Evgeniya Dobrovolskaya beantwortet sie klar: Dieses Glück existiert nicht. Ihre eigene Geschichte der Unterdrückung und Ausbeutung bietet sie dafür als Beleg an. Natürlich während sie dabei eine große Gesellschaft von Männer an ihrer langen Tafel bewirtet, mit Brot und Wodka.
Serebrennikow führt an diesem wunderbar vielschichtigen Abend nicht nur eine riesige Bandbreite an gekonnt arrangierten Theatermitteln auf, sondern erzeugt mit einem stimmungsvollen Soundtrack, der von den Musikern und Sängerinnen live auf der Bühne intoniert wird, eine Atmosphäre, die durch den Abend trägt. Nein, die Russen haben eigentlich keinen Grund zum Glücklichsein, doch sie wissen sich zu trösten. Sie haben ihre Musik, ihre schönen Frauen und ihren Wodka..
Natürlich darf am Ende eine Botschaft nicht fehlen: Free Kirill! Nicht nur auf der Bühne steht es auf den T-Shirts, die die Männer sich überstreifen, zu lesen, sondern auch auf den Din A 4-Blättern, die viele der Zuschauer während der Standing Ovations hochhalten.
Birgit Schmalmack vom 31.1.19

www.hamburgtheater.de
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