Everywoman

Bewertung und Kritik zu

EVERYWOMAN
von Rau & Lardi
Premiere: 19. August 2020 (Salzburger Festspiele) 
Deutschland-Premiere: 15. Oktober 2020 
Schaubühne am Lehniner Platz Berlin 

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Zum Inhalt: Was bleibt, was zählt am Ende des Lebens? In »Everywoman« begegnet eine erfolgreiche Schauspielerin einer Frau mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit, deren letzter Wunsch es ist, noch einmal in einem Theaterstück mitzuspielen. Ausgehend vom allegorischen Lehrstück »Jedermann« über das richtige Leben und die Erlösung im Glauben entsteht ein intimes Gespräch über das Vergangene und das Bevorstehende – über das Leben, den Tod, die Einsamkeit, die Gemeinschaft.

Mit: Ursina Lardi, Helga Bedau (Video)
Statisten: Georg Arms, Irina Arms, Jochen Arms, Julia Bürki, Keziah Bürki, Samuel Bürki, Achim Heinecke, Lisa Heinecke (Video)

Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Video: Moritz von Dungern
Sound: Jens Baudisch
Dramaturgie: Carmen Hornbostel, Christian Tschirner
Recherche: Carmen Hornbostel
Licht: Erich Schneider


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Leben und Sterben einer einfachen Frau
  · 21.10.20
''Eine Erlösung kann diese recht minimalistische Inszenierung natürlich nicht liefern. Das Publikum lernt die 1968 aus dem westfälischen Lünen an der Lippe nach Berlin gezogene Lehrerin Helga Bedau in der Erzählung von Ursina Lardi kennen. Ein gelebtes Leben mit ihrer Zeit in einer WG (Neil Young klingt aus dem Rekorder) Demonstrationen vor der Deutschen Oper, frühe Ehe und Geburt des Sohns, der später zu seinem Vater nach Griechenland geht, wo Bedau auch begraben werden möchte. Dafür benötigt sie die Gage, nach der sie Ursina Lardi in den kleinen Dialogen im Video fragt. Auch Lardi stellt Fragen, die sich sehr direkt um die Krankheit und das Sterben drehen. „Wie kann es mich treffen?“ fragt Bedau. Da ist auch etwas von Zorn. Aber kann so ein Abend einen Menschen und sein Sterben wirklich erfassen? Das muss selbst Milo Rau aufgegangen sein. Die Binse, dass jeder Mensch vor dem Tod gleich ist, lässt sich so kaum erklären. Nur die Angst vor der Einsamkeit vor dem Tod ließe sich wohl durch so einen gemeinschaftsbildenden Theaterabend etwas nehmen.

Allerdings geht dafür der Text nicht genug in die Tiefe. Es überwiegen doch die etwas salbungsvollen, metaphysisch angehauchten Theaterreflexionen Lardis gegenüber den kurzen nüchternen Sätzen Helga Bedaus. „Warum gibt es nichts Neues vom Tod.“ fragt Lardi einmal. Ist das Sterben tatsächlich ein auserzähltes Drama? Dazu hätte man gern mehr erfahren. So erzählt Ursina Lardi am Ende wieder von einem Davor, diesmal von der kurzen, erwartungsschwangeren Leere vor dem ersten Applaus, als käme da noch etwas. Auch das könnte man als Metapher auf den Tod lesen. Letztendlich sucht der Abend nicht wie im Jedermann Trost im Glauben, sondern wieder in der Musik, die sich Bedau für ihren Tod wünscht und etwas Sommerregen dazu. Ursina Lardi am Klavier und die Bühnentechnik machen es möglich: Bach und Schnürlregen. Ein bisschen Mitfühlen im Theater ist also auch heute noch erlaubt. Und im Leben wie im Sterben sowieso.'' schreibt Stefan Bock am 21. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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Unprätentiöser, stiller Abend übers Sterben
  · 16.10.20
Herzstück des 80 Minuten kurzen Abends sind die Dialoge, in denen Lardi live auf der Bühne mit den Videoaufnahmen der vom nahen Tod gezeichneten Bedau interagiert. Eingerahmt werden diese Sequenzen von einem langen Monolog des Schaubühnen-Stars, in dem Lardi assoziativ mäandert und neben dem Sterben vor allem thematisiert, was das Theater für sie ausmacht: die stillen, unaufgeregten Momente, der Augenblick zwischen dem letzten Satz und dem Applaus.

„Everywoman“ vermeidet das Pathos. Mit einfachen, klaren Sätzen sehen die beiden Protagonistinnen der Tatsache des Sterbens ins Auge. Erst gegen Ende balanciert der Abend am Kitsch, als Lardi sich ans Klavier setzt, einen Bach-Choral spielt und dazu Sprühregen von der Bühnendecke rieselt.

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Ein intimer, warmer, tröstlicher kleiner Abend
  · 16.10.20
''Doch es geht, wie immer bei Milo Rau, auch um die Reflexion übers Theater selbst. Lardi denkt stellvertretend laut darüber nach. Über den herrlichen Moment der Leere zwischen Stückende und Applaus, den man mit allen Menschen im Raum teilt. Über die Gemeinschaft gegen Einsamkeit. Über die Sehnsucht, ein einziges Mal ein einziges Leben auf der Bühne vollständig erzählt zu haben.

Ursina Lardi ist eine beinahe unnahbare Schauspielerin, die allerdings eine ungewöhnliche Feinnervigkeit ausstrahlt. Und so ist trotz des dunklen Themas ein intimer, warmer, tröstlicher kleiner Abend entstanden. Der nur in der zweiten Hälfte etwas zu pastoral gerät und am Ende ganz über die Pathos-Stränge schlägt, wenn zum Rauschen des Bühnenregens Lardi am Flügel Bach spielt – die Musik, die Helga Bedau sich zum Sterben wünscht. Doch noch ist sie auf dieser Welt – und tritt zum Schlussapplaus beglückt wie ein junges Mädchen auf die Bühne.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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