Heldenplatz

Bewertung und Kritik zu

HELDENPLATZ 
nach Thomas Bernhard
Regie: Claus Peymann 
Premiere: 4. Novembre 1988 
Burgtheater Wien 

Zum Inhalt: Wien, März 1988. Vor wenigen Tagen – am 50. Jahrestag von Hitlers Einmarsch in Wien – hat sich Professor Josef Schuster, ein aus England nach Wien heimgekehrter Emigrant, aus dem Fenster seiner Wohnung auf den Heldenplatz gestürzt. Die Haushälterin Frau Zittel räsoniert über die Gründe der Verzweiflungstat, verursacht durch antisemitische Anfeindungen, denen sich Professor Schuster seit seiner Rückkehr aus dem Exil gegenübersah. Der Selbstmord scheint umso weniger begreiflich, als der Professor entschlossen war, endgültig nach Oxford auszuwandern, um seinen ehemaligen Lehrstuhl wieder einzunehmen. In England erhoffte er sich auch Besserung für den psychischen Zustand seiner Frau, die in der Wohnung am Heldenplatz noch immer von den "Sieg-Heil"-Rufen der jubelnden Menge 1938 verfolgt wurde. 
Nach dem Begräbnis unterhalten sich Anna und Olga, die Töchter des Verstorbenen und Robert Schuster, dessen Bruder und ebenfalls Wissenschaftler, im Volksgarten über die nun notwendig gewordenen Veränderungen und Entscheidungen. Doch die praktischen Überlegungen münden bald in einer schonungslosen Diagnose der österreichischen Zustände. Robert Schuster setzt zu einer verzweifelt-scharfsichtigen Suada an, die er im 3. Bild – die Witwe und der engste Familien- und Freundeskreis haben sich nach dem Begräbnis in der Wohnung am Heldenplatz versammelt – fortsetzt: Eine Bestandsaufnahme, die weder Österreichs Politiker, noch den Klerus, aber auch die Bevölkerung nicht verschont, während die Witwe des Professors noch immer von den Gespenstern der Vergangenheit heimgesucht wird.

Mit: Therese Affolter, Kirsten Dene, Detlev Eckstein, Wolfgang Gasser, Karlheinz Hackl, Frank Hoffmann, Marianne Hoppe, Elisabeth Rath, Anneliese Römer, Bibiana Zeller

Inszenierung: Claus Peymann
Bühnen & Kostüme: Karl-Ernst Herrmann


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Historischer Theater-Skandal
  · 29.04.20
Die Empörung war groß: Kronenzeitung, Bundespräsident Kurt Waldheim und der Rechtspopulist Jörg Haider waren sich einig, dass sie diese Uraufführung im November 1988 am Wiener Burgtheater unbedingt verhindern wollten.

Zu tief bohrte Thomas Bernhard in den Wunden der deutsch-österreichischen Geschichte, zu drastisch legte er die Traditionslinien des Antisemitismus und die mangelhafte Aufarbeitung des nationalsozialistischen Unrechts offen.

Der regieführende Intendant Claus Peymann ließ sich jedoch nicht beirren: er zog die Premiere, die Theater-Skandalgeschichte geschrieben hat, durch. Das Burgtheater präsentierte in dieser Woche in seinem Corona-Ersatz-Spielplan eine ORF-Aufzeichnung von 1989. Leider zeigt sie nur das Stück und nicht die anschließenden Aufwallungen des Premieren-Publikums, als sich begeisterte Befürworter und wütende Gegner einen lautstarken Schlagabtausch lieferten und ein gewisser Heinz-Christian Strache, der über die Ibiza-Affäre stolperte, vom Rang aus Stimmung machte.

Wenn man die Inszenierung mit mehr als dreißig Jahren Abstand betrachtet, ist zweierlei festzuhalten: Erstens, wie museal die Spielweise ist. Das Burgtheater-Starensemble deklamiert lange Monologe, in schier endlos wirkenden Schleifen drehen sich die Schimpftiraden im Zeitlupen-Tempo im Kreis. Zweitens, wie treffsicher-bissig Thomas Bernhard formulieren konnte, der wenige Monate nach der Uraufführung verstarb. Bernhard war ein Meister des galligen Spotts und der bitterbösen Verachtung. Was hätte er wohl geschrieben, wenn er die enorme Welle der Rechtsextremisten noch miterlebt hätte, die in den vergangenen Jahren immer offensiver und unverblümter auftrat?

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