SALZBURG



Bewertung und Kritik zu

Katja Kabanová

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KATJA KABANOVÁ 
von Leoš Janáček
Regie: Barrie Kosky 
Premiere: 7. August 2022 
Salzburger Festspiele 

Zum Inhalt: „Ich lebte frei wie ein Vogel“: Wehmütig vertraut Káťa Kabanová ihrer Schwägerin Varvara an, wie anders als jetzt ihr Leben früher war. Sie erzählt, wie die Messe in der Kirche himmlische Visionen in ihr auslöste und sie zu Tränen rührte, wie sie in Träumen meinte, hoch in den Himmel zu fliegen. Die leuchtende, sich ekstatisch steigernde Musik, in die Janáček Káťas Erinnerungen kleidet, offenbart nicht nur das reiche Innenleben der Figur, sondern auch einen ununterdrückbaren Drang nach Freiheit. Seit ihrer Heirat mit Tichon aber droht das Feuer in Káťa zu ersticken. Die Situation, in der sie lebt, ist klaustrophobisch. Zuhause herrscht ihre Schwiegermutter, die Kaufmannswitwe Kabanicha, mit despotischer Hand.

Im Wissen um materielle Abhängigkeiten und im Namen von Tradition und Sitte wacht sie darüber, dass die Frau dem Gatten und die Jungen den Alten die nötige Unterwürfigkeit bezeigen. Tichon, zermürbt von der fortwährenden Nörgelei seiner Mutter, ist zu unselbstständig, um seiner Frau wirklich etwas zu geben, und sucht Zuflucht im Alkohol. Als er zu einer mehrtägigen Reise aufbricht, arrangiert Varvara, die von der gegenseitigen Anziehung zwischen Káťa und dem unverheirateten Boris weiß, ein erstes, nächtliches Treffen der beiden. Es ist wie ein Ventil. Hinter der verzweifelten Intensität, mit der sich Káťa Boris hingibt, brechen Bedürfnisse auf, die über die Sehnsucht nach erfüllter Liebe oder geteilter Leidenschaft weit hinausgehen. Zu leben scheint Káťa nun unmöglicher denn je.

Verrückt nach Trost

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VERRÜCKT NACH TROST 
von Thorsten Lensing
Premiere: 6. August 2022 
Salzburger Festspiele 
Berlin-Premiere: 30. September 2022 
Sophiensaele Berlin 


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Zum Inhalt: Die Kinder Charlotte und Felix kommen aus dem Meer und spielen am Strand ihre toten Eltern. Ein Ritual, das die beiden seit Jahren pflegen. In Erinnerung an die wilde Ausgelassenheit ihrer Eltern cremen sie sich den Rücken ein und kitzeln einander, bis sie kaum noch Luft bekommen. Für kurze Augenblicke fällt alle Trauer von ihnen ab. Immer wieder jedoch brechen die unterschiedlichen Bedürfnisse der beiden zehn- und elfjährigen Geschwister in das Spiel ein.

Ingolstadt

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INGOLSTADT 
nach Marieluise Fleißer
Regie: Ivo van Hove 
Premiere: 1. August 2022 
Salzburger Festspiele 
Koproduktion Burgtheater 
Wien-Premiere: 4. September 2022 

Zum Inhalt: Es sind die heißesten Tage eines langen Sommers in der bedrückenden Enge der Kleinstadt, Hundstage des Stillstands und der Rastlosigkeit, voll dumpf brütender Energie, die sich ihre Ventile mit grausamer Gesetzmäßigkeit an den schwächsten Stellen sucht. „Abwechslung“ bietet einzig die Anwesenheit eines Bataillons von Pionieren, die kurzzeitig in Ingolstadt stationiert sind, um eine Brücke über die Donau zu schlagen. Roelle, vor kurzem von der Schule verwiesen, ist ein Außenseiter, der seinen Platz in der Welt sucht, indem er sich ihr entgegenstellt – ein selbsternannter Auserwählter und Heiliger von eigenen Gnaden, zu dem „die Engel kommen“. Mit seinem Wissen um die ungewollte Schwangerschaft der Klosterschülerin Olga und ihre vergeblichen Versuche, eine Abtreibung vornehmen zu lassen, hofft er, ihre Nähe erpressen zu können. Für ihre rivalisierende Schwester Clementine, die seit dem Tod ihrer Mutter deren Stelle im Haushalt zu vertreten hat und Roelle anhimmelt, hat er dagegen keine Augen. Peps, der Vater des ungewollten Kindes, jagt Roelle durch die Stadt und von einer unseligen Situation in die nächste.

Reigen

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REIGEN 
nach Arthur Schnitzler
Regie: Yana Ross 
Premiere: 28. Juli 2022 
Salzburger Festspiele 
Koproduktion Schauspielhaus Zürich

Zum Inhalt: In Schnitzlers Reigen treffen prototypische Figuren der Wiener Gesellschaft in einem Kaleidoskop der Liebesweisen aufeinander, das quer durch Klassen, Geschlechter und Alter diejenigen im Geheimen verbindet, die in der öffentlich legitimierten Ordnung einer Gesellschaft nicht zusammenfinden können. Yana Ross ist unserem Zeitgeist auf der Spur, den heutigen Tabus und täuschenden Maskierungen und bringt die zehn Überschreibungen in einer polyphonen Inszenierung zusammen.

Angels in America

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ANGELS IN AMERICA 
von Peter Eötvös
Regie: Sam Helfrich 
Premiere: 10. April  2022 
Landestheater Salzburg

Zum Inhalt: Die Welt befindet sich im Chaos, doch das Göttliche ist nicht tot. Enttäuscht von Engeln und Menschen hat es sich zurückgezogen und aus dem Staub gemacht – so verkündet es der ratlose Engel, der plötzlich durch die Decke in das Krankenhauszimmer von Prior Walter einbricht und ihn mit der Rettung der Erde beauftragen will. Als Erlöser soll Walter die Katastrophe abwenden, den Fortschritt stoppen und so wieder Frieden stiften unter den Engeln.

Wer bin ich und in welcher Welt lebe ich? Welche Rolle spielt der Mensch, wie sehr kann er das eigene Schicksal beeinflussen? Wie moralisch ist der Mensch und gibt es das Göttliche? Mit seinem monumentalen Drama „Angels in America“, der Grundlage für Eötvös’ Oper, zeichnete der US-amerikanische Schriftsteller Tony Kushner ein politisches, existentielles, vielschichtiges Psychogramm des Menschen und ein Panorama des religiös-überdrehten Amerikas. Angesichts der Aids-Epidemie und der politischen und ökologischen Umbrüche der 1980er Jahre erleben die Figuren ihr Sein als Ausnahmezustand.

Lohengrin

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LOHENGRIN 
von Richard Wagner
Regie: Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito 
Premiere: 9. April  2022 
Osterfestspielen Salzburg 

Zum Inhalt: Romantische Oper in drei Aufzügen.

Musikalische Leitung: Christian Thielemann
Inszenierung: Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito
Ko-Bühnenbildner: Torsten Gerhard Köpf
Licht: Sebastian Alphons

Maria Stuart

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MARIA STUART 
von Friedrich Schiller
Regie: Martin Kušej 
Premiere: 14. August 2021 (Salzburger Festspiele) 
Wien-Premiere: 5. September 2021 (Burgtheater Wien) 

Zum Inhalt: Die letzten 15 Jahre im Leben von Friedrich Schiller waren geprägt von Extremen: Sie zeichneten sich durch eine enorme Schaffenskraft des Dichters aus, ihn quälten aber auch diverse Krankheiten, die ihn immer wieder vom Arbeiten abhielten und von denen die gnadenloseste, die Tuberkulose, schließlich 1805 zum Tode führte. Über ein Jahrzehnt, von 1787 bis 1798 hatte er vom Stückeschreiben pausiert, bevor er innerhalb von nur fünf Jahren in einem großen Lebens-Endspurt sein Spätwerk verfasste: Wallenstein, Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans, Die Braut von Messina und Wilhelm Tell. Das Jahrzehnt davor – ohne dramatisches Schaffen – arbeitete er, wenn die Gesundheit es zuließ, an seinen bekanntesten philosophischen Schriften zur Kunst und zum Theater.

Was er dort schrieb, klingt mitunter erstaunlich: In Über das Erhabene greift Schiller auf eine medizinische Metapher zurück, um die Relevanz des Theaters für die Menschen und die Gesellschaft zu verdeutlichen: „Das Pathetische ist eine Inokulation [= Einimpfung] des unvermeidlichen Schicksals, wodurch es seiner Bösartigkeit beraubt wird.“ Übersetzt für uns Heutige: Das Mitfiebern im Theater ist für das Publikum eine Impfung gegen die katastrophischen Wechselfälle im echten Leben. Schiller, der studierte Arzt, hat das wörtlich gemeint: Für ihn war das Theater eine große Impfstation, die man nur häufig genug besuchen musste, um gegen die Katastrophen des Schicksals und das Leiden am Leiden gewappnet zu sein.

Don Giovanni

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DON GIOVANNI 
von Wolfgang Amadeus Mozart
Regie: Romeo Castellucci  
Premiere: 26. Juli 2021 
Salzburger Festspiele

Zum Inhalt: Sich Don Giovanni anzunähern bedeutet für Romeo Castellucci, sich der Mehrdeutigkeit und Komplexität sowie dem inneren Ungleichgewicht zu stellen, die Mozart dem Protagonisten seiner Oper verleiht. Vitalität und Zerstörung: In dieser essenziellen Ambivalenz sieht Castellucci eine Faszination der Figur. Deren ganz dem Augenblick verhaftete Lebenskraft verkörpert sich mit symbolischer Prägnanz in der wie besessen dahinjagenden „Champagner-Arie“ „Fin ch’han dal vino“. Sie bildet den frenetischen Auftakt zu einem Fest, das allen offenstehen wird und dessen eigentlichen Zweck Don Giovanni unverblümt ausspricht: Leporello, sein Diener und antithetisches Alter Ego, soll die Liste von Giovannis weiblichen Eroberungen danach um zehn Namen erweitern können. Seine dem Lustprinzip verschriebene Existenz, die weder Ruhe noch Reflexion kennt, drängt Don Giovanni zu pausenloser Verführung — ein verzweifelter Zwang, in dem sich jenseits des Genusses das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit, des Todes widerspiegelt.

Così fan tutte

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COSÌ FAN TUTTE
von Wolfgang Amadeus Mozart
Regie: Christof Loy 
Premiere: 6. August 2020 
Salzburger Festspiele

Zum Inhalt: COSÌ FAN TUTTE ossia LA SCUOLA DEGLI AMANTI
Dramma giocoso in zwei Akten KV 588 (1790)
Libretto von Lorenzo Da Ponte
Fassung für die Salzburger Festspiele 2020 von Joana Mallwitz und Christof Loy

Elektra

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ELEKTRA
von Richard Strauss
Regie: Krzysztof Warlikowski 
Premiere: 1. August 2020 
Salzburger Festspiele

Zum Inhalt: Dies erwidert Elektra auf die Nachricht, die ihr von ihrer Schwester Chrysothemis überbracht wird: Ihr lang erwarteter und unverhofft erschienener Bruder Orest wird bejubelt, weil er zunächst ihre Mutter Klytämnestra und danach deren Liebhaber Aegisth, den neuen Herrscher über die Stadt, ermordet hat. Bald darauf spricht Elektra ihre letzten Worte, bevor sie tot zusammenbricht: „Ich trage die Last des Glückes, und ich tanze vor euch her. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen.“ Der Tod ihres Vaters Agamemnon ist endlich gerächt, der Kreislauf der Gewalttaten schließt sich, und der Kreislauf des Lebens könnte endlich neu beginnen. Der einsame Wahn Elektras, der außer dem Schatten ihres Vaters nichts gelten ließ, war diesem ein lebendiges Grabmal geworden. Sie stirbt einige Minuten nach ihrer Mutter, die zwar ihre Feindin gewesen war, ohne die Elektras Leben aber keinen Sinn mehr hat: Die Welt von einst, ob nun geliebt oder verhasst, war Elektras einzige Daseinsberechtigung gewesen, und nun gibt es sie nicht mehr. Nur Orest und Chrysothemis versuchen, auf diesem Trümmerfeld dem Leben Raum zu geben. Mit der Opferung ihrer Schwester Iphigenie, die dem griechischen Heer etwa 20 Jahre zuvor die Einnahme Trojas ermöglichen sollte, war die Katastrophe losgetreten worden — den Mord an ihrem Kind hatte Klytämnestra Agamemnon nie verziehen. Diese Katastrophe scheint nun ihr Ende zu finden. Zumindest vorerst. Denn von nun an wird Orest mit der Erinnerung an den unsühnbaren Muttermord leben müssen. Hier, im Dunkel der Nacht Mykenes, stirbt Elektra in dem Augenblick, als ihr einziger, zwanghaft ersehnter Wunsch Wirklichkeit wird, in einem Zustand geistiger und körperlicher Erschöpfung — im wilden Tanz um das Beil, das einst ihren Vater getötet hatte.


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