Heldenplatz

Bewertung und Kritik zu

HELDENPLATZ 
nach Thomas Bernhard
Regie: Falk Richter 
Premiere: 4. Dezember 2021 
Münchner Kammerspiele 

Zum Inhalt: Wann ist in einer zunehmend von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit durchzogenen Gesellschaft der Zeitpunkt gekommen, sich in Sicherheit zu bringen und das Land zu verlassen? Thomas Bernhards letztes und skandalträchtigstes Theaterstück ist ein wütender, verzweifelter Text über den untoten Ungeist des Faschismus. Ein Werk von gespenstischer Virulenz in Zeiten, in denen in Europa Antisemitismus, Rechtsterrorismus und Ausgrenzung von Minderheiten wieder beängstigende Konjunktur haben. Falk Richter gleicht seine Gegenwartsanalyse mit Bernhards modernem Klassiker ab und fragt nach den Gefährdeten und ihrer Situation heute.

Mit: Erwin Aljukić, Bernardo Arias Porras, Katharina Bach, Knut Berger, Thomas Hauser, Anne Sophie Kapsner, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Wiebke Puls, Jeanette Spassova

Regie: Falk Richter
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Amit Epstein
Musik & Sounddesign: Matthias Grübel
Licht: Jürgen Tulzer
Video: Lion Bischof
Dramaturgie: Tobias Schuster


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Generalabrechnung mit Konservativen
  · 29.12.21
Fast wie zu Claus Peymanns Zeiten fühlt man sich während der ersten Stunde der „Heldenplatz“-Inszenierung der Münchner Kammerspiele. Schier endlos ist der Monolog der Zittel, der Haushälterin des jüdischen Professors, der Suizid begangen hat. Akkurat bügelt und faltet sie all die Hemden und Laken, dabei redet sie fast ohne Punkt und Komma auf die Herta (Katharina Bach) ein, schimpft über Graz und Neuhaus als Synonyme österreichisch-provinzieller Engstirnigkeit und mäht mit Thomas Bernhards Wortsalven auch die „Minna von Barnhelm“ im Theater in der Josefstadt nieder.

In diesem langen Monolog gibt es schon kleinere ironische Brechungen, die sich Paulmann als Grande Dame des Kammerspiele-Ensembles erlaubt, vor allem liefern die vereinzelt eingestreuten Videos von Lion Bischof einen Hinweis, worauf Falk Richter mit der in Österreich bei der Burgtheater-Uraufführung 1988 zum Skandal avancierten, in Deutschland kaum gespielten Stückausgrabung hinaus will. Markus Söder und Horst Seehofer werden mit manchen pointierten Aussagen aus dem Asyl-Streit mit Angela Merkel eingespielt, schnell werden Parolen von AfD-Scharfmacher*innen wie Alexander Gauland und Alice Weidel dagegen geschnitten.

Während der ersten halben Stunde nach der Pause verlässt Richter das Bernhard-Original und lässt ein Trio (Bernardo Arias Porras, Knut Berger, Anne Sophie Kapsner) zu einer Generalabrechnung mit den Liberalen und Konservativen, den bürgerlichen Milieus rechts der Mitte, ausholen. Richters zentrale These: hinter all dem bundesrepublikanischen, jahrzehntelang eingeübten Betroffenheitsduktus eines „Nie wieder“ klafft der Abgrund. In seinem Rundumschlag, der in seiner Schärfe dem Österreich-Bashing von Bernhard kaum nachsteht, wirft er der Union vor, dass die AfD „ausgekotztes“ Fleisch von ihrem Fleisch ist und einige Konservative, allen voran die Werte-Union, am liebsten gemeinsame Sache mit den Rechten machen wollen. Diese Abrechnung ist ähnlich sprachgewaltig wie einst „Fear“ an der Schaubühne, das mehrere Prozesse auslöste, versucht in kurzer Zeit aber zu viele Phänomene über einen Kamm zu scheren.

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Heldenplatz
  · 02.01.22
''Wirkt das alles noch wie der Versuch eines textgetreuen Reenactments der in die Jahre gekommenen Peymann-Inszenierung, verschränkt Falk Richter das Stück nach der Pause mit einem Text über die heutige Situation in Deutschland, dem Aufkommen rechtsnationaler Kräfte, wozu er auch gleich die passenden Originalbildern und Töne aus dem braunen Spektrum einspielen lässt. Von Björn Höcke über Andreas Kalbitz und Alice Weidel geht es bis zum Fliegenschiss-Spruch von Alexander Gauland. Aber auch die schwarz-konservativen Politikkreise um CDU/CSU und die liberale FDP bekommen ihr Fett weg als potenzielle Wegbereiter der neuen Rechten. Das nimmt in seiner Zuspitzung durchaus den Ton des Bernhard-Textes auf. Fast agitatorisch dreschen Anne Sophie Kapsner, Bernardo Arias Porras und Knut Berger auf konservative Werteverfechter und rechte Kreise in der Polizei, die den NSU und weitere rassistische Attentate wie in Halle mit ihrer Ablehnung von anders oder migrantisch gelesener Menschen mit ermöglicht haben. Das zieht sich weiter durch die letzte Szene des Stücks mit dem Leichenschmaus im Haus Schuster, zu dem noch Janette Spassowa und Erwin Aljukić als Frau des verstorbenen Professors und ihr Sohn Lucas hinzustoßen. Das Ganze steigert sich dabei immer weiter zur Farce, bis die Rufe vom Heldenplatz wieder ertönen. Richter sieht die Vergangenheitsbewältigung in Deutschland als gescheitert und das Land auf dem Weg in die Katastrophe. Damit ist er ganz bei Bernhard. Dem pessimistischen Urteil muss man sich nicht bedingungslos anschließen. Als nötigen Warnschuss kann man den Abend aber schon verstehen.'' schreibt Stefan Bock am 2. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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