Touch

Bewertung und Kritik zu

TOUCH
von Falk Richter & Anouk van Dijk
Premiere: 8. Oktober 2020 
Münchner Kammerspiele 

Zum Inhalt: Wie berühren die Zäsuren in unserer Art zusammen zu leben, uns politisch zu organisieren, zu wirtschaften, die Biografien und die Körper der Performenden? Körperliche Berührung und Nähe wandeln sich vom Zeichen der Zuneigung zur potentiellen Bedrohung. Falk Richter und die Choreografin Anouk van Dijk denken gemeinsam mit ihrem Ensemble in einer sehr persönlichen Stückentwicklung zwischen Tanz und Schauspiel über eine Phase des tiefgreifenden Umbruchs nach.

Mit: Erwin Aljukić, Amie N Dey Jammeh, Mirko De Campi, Ulriqa Fernqvist, Joseph Gebrael, Thomas Hauser, Lukas Karvelis, Anna Gesa-Raija Lappe, Christian Löber, Anne Müller, Vincent Redetzki, Melissa Ugolini, TingAn Yin

Text & Regie: Falk Richter
Regie & Choreografie: Anouk van Dijk
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Andy Besuch
Musik: Matthias Grübel
Video: Chris Kondek
Lichtdesign: Charlotte Marr
Dramaturgie: Tobias Schuster


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Revue aus Tanz, Reflexion und Kabarett
  · 07.12.20
Viele Gedanken und Motive, die Thomas Hauser, Anne Müller und Vincent Redetzki in der ersten Stunde von „Touch“ äußern, tauchten auch bereits fünf Wochen zuvor in dem Monolog „Five Deleted Messages“ auf, den Regisseur Falk Richter mit Dimitrij Schaad für das Kunstfest Weimar erarbeitete.

Die klugen Gedanken zur aktuellen Corona-Lage tauchen in „Touch“, verteilt auf mehrere Spieler*innen, als Gedankenschnipsel auf, eingebettet in die Verzweiflungs- und Ratlosigkeitschoreographien, die Anouk van Dijk und Falk Richter auch bereits vor zehn Jahren in ihrer Finanzkrisen-Bestandsaufnahme „Trust“ an der Schaubühne inszenierten.

Zum Auftakt von Barbara Mundels Intendanz an der Münchner Kammerspiele führte der neue Falk Richter einige Stränge und Motive weiter, die für viele Kritiker*innen ein De-ja-vu-Erlebnis waren. Daraus formte er eine Revue, die Tanz, Sprechtheater, Reflexionen, politisches Kabarett und tolle Songs aufeinanderprallen lässt.

„Touch“ ist ein Abend, der vieles bietet, viel anreißt, aber dabei zwangsläufig wesentlich oberflächlicher als bessere Richter-Abende wie der nuanciertere „Five Deleted Messages“-Monolog oder „Small Town Boy". Vor allem in der zweiten Hälfte zerfasert der Abend zu sehr, bewegt sich immer weiter von seinem Ausgangs-Thema Corona weg und verliert sich in einem allgemeinen Krisen-Panorama, wo vom Plastikmüll in den Ozeanen über die „Black Lives Matter“-Bewegung bis zu einer Parodie auf Horst Seehofers hämischen Kommentar zur Abschiebung von Asylbewerbern genau zu seinem Geburtstag wie in einem zu konturlosen Leitartikel viele Einzelphänomene unverbunden nebeneinander stehen.

Das Interessante an dieser überbordenden, die Stile und Versatzstücke munter mixenden Inszenierung ist, dass Richter das politische Kabarett aus der Marie Antoinette/Seehofer-Szene in einer anderen Szene parodiert. Die Einladung des Paares Florian (Thomas Hauser) und Lutz (Christian Löber) bei einer kunstbeflissenen Freundin (Anne Müller) und ihrer über Drosten spottenden Mitbewohnerin (Anna Gesa Raija Lappe) lässt prototypische Figuren aus unserem Corona-Alltag aufeinanderprallen. Als die Szene in einem Yasmina Reza-artigen Wohnzimmer-Kleinkrieg endet, bricht Richter auch die typischen Mechanismen der Edelboulevard-Komödien ironisch.

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