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Bewertung und Kritik zu

DER BOXER 
von Szczepan Twardoch
Regie: Ewelina Marciniak 
Premiere: 14. September 2019 
Thalia Theater Hamburg 

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Zum Inhalt: Im Warschau der 30er Jahre kämpft der jüdische Boxer Jakub Shapiro mit der Kraft und Geschicklichkeit seines Körpers darum, dem Elend seiner Herkunft zu entkommen. Er arbeitet für den Paten Jan Kaplica, der über Warschau herrscht wie Al Capone über Chicago. Der Großganove kontrolliert die Bordelle, treibt Schutzgeld ein und genießt das Leben in dicken Autos und dunklen Bars. Shapiro begleitet Kaplica und erledigt für dessen Imperium die Drecksarbeit. Bald werden die mafiösen Geschäfte und das süße Leben überschattet vom Kampf gegen die polnischen Nationalisten, die in der Stadt die Macht übernehmen wollen. „Der Boxer“ zeichnet ein eindringliches Bild der Stadt Warschau – kurz bevor die deutsche Wehrmacht einmarschiert. 

Die junge, mehrfach ausgezeichnete polnische Regisseurin Ewelina Marciniak bringt den Roman von Szczepan Twardoch, Star der polnischen Gegenwartsliteratur, auf die Bühne. Sie erzählt die Geschichte aus der Sicht der drei Frauen, die Shapiros Leben teilen, allen voran seine Geliebte Ryfka, eine Bordellbesitzerin. Man kann „Der Boxer“ als Warnung lesen vor dem wachsenden Nationalismus in Polen und Europa heute. Aber auch als Ballade Noire über das Böse, das jeden in dieser Geschichte infiziert: Nationalisten, Kommunisten, Juden, Boxer, Gangster, Politiker und auch jene Angehörige der Mittelklasse, die sich durch die Deportation ihrer jüdischen Nachbarn bereichern. Wenn Gewalt so attraktiv ist, dass sie uns betört, so Marciniak, können wir sie dann bekämpfen, über sie schreiben, ein Stück über sie anschauen – und von ihrer Verführung verschont bleiben?

Regie: Ewelina Marciniak
Bühne: Miroslav Kaczmarek
Kostüme: Julia Kornacka
Dramaturgie: Susanne Meister, Jarek Murawski
Musik: Jan Duszyński
Choreografie: Dominika Knapik


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Großes Regietalent auf kleiner Bühne
  · 16.11.19


Shapiro scheut keine Gefahr. Er setzt auf seine Körperkraft. Sie hat bisher seinen Erfolg garantiert. Als Boxer geht er meist als Sieger aus dem Ring. Der Pate von Warschau hat ihn in sein Team geholt. Und dass obwohl er Jude ist. So glaubt er auch gegen die aufkeimenden, rechts-nationalistischen Tendenzen in seiner Stadt gut gewappnet. Er will der König von Warschau werden, egal welche Gegner sich ihm entgegen stellen werden.
Shapiro unterläuft damit allen Klischees, die über einen Juden gemeinhin kursieren mögen. Er setzt ganz klar auf die Macht der Gewalt. Er will entgegen aller Warnungen in Warschau bleiben. Schließlich hat er noch Größeres vor: Er will König von Warschau werden.
Er umgibt sich mit Frauen, die ihm zu Willen sind. Ob die ehemalige Prostituierte Ryfka (Rosa Thormeyer), seine Frau Emilia (Anna Blomeier) oder die Tochter des Warschauer Staatsanwalts (Toini Ruhnke), sie alle himmeln diesen starken, selbstbewussten, muskulösen und durchsetzungsfähigen Siegertypen an.
Die in Polen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Regisseurin Ewelina Marciniak rückt die Frauenfiguren aus dem Schatten der Romanvorlage von Szczepan Twardoch ins Licht. Sie sind bei ihr ein wichtiges Korrektiv zu Shapiro, um seine Geschichte in allen Facetten zu erzählen. Während Shapiro nur wenig auf seinen Verstand setzt, ihn geradezu regelmäßig auszuschalten scheint, um seine Ziele durchzusetzen, mahnen die Frauen zur Vernunft. Seine Ehefrau will immer wieder nach Palästina ausreisen. Ryfka weiß, wie man strategisch an den richtigen Strippen zieht, um auch in politisch schwierigen Zeiten zu überleben.
Schon vor dem Einmarsch der Deutschen gewinnen sich in Polen die rechtextremistischen Stimmungen an Einfluss. Als der Pate gestürzt und verhaftet wird, steigt Shapiero zwar zunächst zu seinem Nachfolger auf, gerät aber danach in den Beschuss der neuen Regierungsmehrheiten. Die Juden werden zu unerwünschten Personengruppe erklärt.
In Zeiten des Holocaustgesetz, das Polens Regierungspartei PiS 2018 verabschiedet hat, enthält das Buch durchaus Diskussionsstoff. Während der Roman diesen fast hinten der spannenden Thrillerhandlung nebensächlich werden lässt, stellt Marciniak die Hinweise in eine größeren Zusammenhang. Sie hat keinen Thriller in Szene gesetzt sondern ein melancholisches Geschichtsdrama erzählt . Klug belässt sie die Geschichte in der Vergangenheit, verwischt aber auch hier die allzu eindeutigen Spuren, indem sie ständige Zeitsprünge einbaut. Sie erzeugt ein intelligentes vielschichtiges hintergründiges Kaleidoskop an Wahrheiten. Sie überlässt ihren Zuschauern das Weiterdenken und verzichtet zwar auf direkte Parallelen in die Gegenwart. Im Programmheft merkt sie nur an, dass Gewalt universell sei, weder deutsch jüdisch noch polnisch. Eine unanfechtbare, diplomatische, allgemeingültige Aussage.
Ihre Inszenierung ist ein Gesamtkunstwerk aus Musik (Livemusik: Anita Wälti), Sprache, Sprechtheater, Tanz (Choreografie: Dominika Knapik) und Bühnenbild (Miroslav Kaczmarek). Wunderbar stimmig komponiert wie für ein großes Orchesterwerk.
So klug verschränken sich die Figuren, ihre Bewegungen, ihre Äußerungen und ihre Geschichten, dass sie nicht nur für sich selbst sondern auch für ihre Zeit sprechen. Bei ihr sind die Rollen keine Klischeefiguren sondern echte vielschichtige Menschen. Kaum ist das Stück zu Ende, wünscht man sich, es noch einmal zu sehen, um all die weiteren Geschichten zu entdecken, die Marciniak in ihr versteckt hat und die man beim ersten Mal übersehen hat. Ein großes Theatertalent, dem man in Deutschland eine Inszenierung auf der großen Bühne wünscht.
Birgit Schmalmack vom 24.9.19

www.hamburgtheater.de
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Düstere Romanadaption mit tänzerischen Passagen
  · 22.09.19
Das Publikum sitzt ganz nah dran am düsteren Geschehen auf der fast leeren Bühne. Aber auch eine so begabte junge Regisseurin wie Ewelina Marciniak tut sich sichtlich schwer, aus einem dicken Roman einen überzeugenden Theaterabend zu machen.

Die typischen, schon hundertfach erlebten Probleme, die sich dabei stellen, einen umfangreichen Roman mit all seinen erzählerischen Abschweifungen, essayistischen Passagen und Handlungssträngen in eine komprimierte Bühnen- und Spielfassung zu transformieren, machen auch Marciniak beim „Boxer“ zu schaffen.

Das Gewimmel der Romanfiguren macht es für roman-unkundige Zuschauer schwierig, die einzelnen Personen auseinanderzuhalten. Scharfe Konturen bekommen vor allem der Hauptdarsteller Shapiro (Zimmler) und seine Gegenspieler (Sven Schelker in einer Doppelrolle) sowie Ryfka mit einigen eindringlichen Monologen zur Gefahr des Antisemitismus. In dieser Rolle überzeugt Rosa Thormeyer bei ihrem ersten Auftritt im Thalia-Ensemble, mit Marciniak arbeitete sie bereits in Freiburg beim „Sommernachtstraum“ zusammen.

Der Hamburger Roman-Adaption fehlen der jugendliche Charme, der Witz und die Phantasie dieser Freiburger Komödien-Inszenierung. Dem „Boxer“ ist sichtlich anzumerken, dass auf dem Abend die schwere Last drückt, die wichtigsten Handlungsstränge in zwei Stunden abzubilden und die politisch-mahnende Botschaft zu transportieren.

Marciniak erlaubt sich und ihrem Ensemble wenige spielerische Momente. In diesen Passagen blitzt ihr Können auf: Vor allem im Mittelteil arbeitet sie mit unterschiedlichen Tanzstilen der 20er und frühen 30er Jahre. Der Charleston und ähnliche Schrittfolgen aus der Zeit, als die Weimarer Republik auf dem Vulkan tanzte, bauten Marciniak und ihre Choreographin Dominika Knapik gekonnt in den Abend ein. Auch die zentralen Boxkämpfe zwischen Schelker und Zimmler haben eine tänzelnde Leichtigkeit, in der angenehm wenig von toxischer Männlichkeit zu spüren ist.

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