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Perfection

Bewertung und Kritik zu

PERFECTION – Volksbühne Berlin, Prater

von: Vincenzo Latronico
Fassung: Anta Recke
Uraufführung: 2. Oktober 2026, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Prater

Künstlerisches Team

Regie: Anta Recke
Bühne: Marta Dyachenko
Kostüme: Pola Kardum, Anta Recke
Lichtdesign: Sebastian Mähler
Musik: Ted Gaier
Dramaturgie: Christoph Gurk, Leonie Jenning

Besetzung

Ensemble: Inga Busch, Marie Goyette, Benjamin Radjaipour, Damian Rebgetz, Joyce Sanhá, Ted Gaier

Über die Inszenierung

„Perfection“ ist eine radikale, zeitgenössische Auseinandersetzung mit Selbstoptimierung, digitaler Identität und der Sehnsucht nach einem perfekten Leben. Anta Recke entwickelt aus Latronicos Roman eine präzise, analytische und zugleich performativ offene Bühnenfassung, die zwischen dokumentarischen Fragmenten, fiktionalen Überhöhungen und ästhetischer Überzeichnung wechselt.

Marta Dyachenkos Bühne schafft einen klaren, modularen Raum, der zwischen Wohnlandschaft, digitalem Interface und abstrakter Installation changiert. Pola Kardums Kostüme – ergänzt durch Anta Recke – betonen die Gleichzeitigkeit von Alltag, Inszenierung und Selbstentwurf.

Sebastian Mählers Lichtdesign moduliert die Atmosphäre zwischen nüchterner Klarheit und übersteigertem Perfektionsdruck. Ted Gaier verbindet Musik und Sounddesign zu einer akustischen Struktur, die zwischen elektronischer Kälte und emotionaler Überladung oszilliert.

Die dramaturgische Arbeit von Christoph Gurk und Leonie Jenning hält die Balance zwischen Romanvorlage, gesellschaftlicher Analyse und performativer Freiheit. Das Ensemble bringt die unterschiedlichen Facetten der Figuren mit großer Präzision und körperlicher Präsenz auf die Bühne.

Besondere Aspekte dieser Produktion

– analytische, zeitgenössische Romanadaption
– klare, modulare Bühnenästhetik
– starke Ensembleleistung
– elektronische, atmosphärische Klanggestaltung
– kritische Auseinandersetzung mit Selbstoptimierung und digitaler Identität

„Perfection“ wird zu einem intensiven, ästhetisch präzisen und gesellschaftlich relevanten Abend, der die Mechanismen moderner Selbstinszenierung sichtbar macht.

2 Bewertungen

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Statische Bühnenadaption
8 Tage her.
Kritik

''In dem als Arena mit Tribünen um die Spielstätte in der Mitte eingerichteten Prater-Innenraum stehen noch die langjährige Pollesch-Schauspielerin Inga Busch, der Goldene-Zitronen-Musiker Ted Gaier, die kanadische Musikerin und Performerin Marie Goyette sowie die in den Niederlanden geborene und in Hamburg aufgewachsene Schauspielerin Joyce Sanhá in ähnlichen auch mit „National Nobody“ bedruckten T-Shirts und beginnen aus dem Anfangskapitel des Romans zu rezitieren. Das als Angebot ans Publikum zur Interaktion gedachte Bühnenbild, das auch einige Architektur-Torsi enthält, wird hier allerdings zum reinen Deklamationsraum. Es bewegt sich kaum etwas, außer das Publikum, das nach Aufforderung des Ensembles umgruppiert wird. Das ändert nicht unbedingt die Perspektive auf die Szene. Man kann das auch als gewollten Stillstand der ProtagonistInnen verstehen, die Nähe nur in einigen choreografierten Kampfszenen suchen. Auf Dauer versprüht das den Charme einer szenischen Lesung.

So wohnt man volle zwei Stunden der im Wechsel englischen und deutschen Beschreibung des typischen Lebens zweier Expats bei, die sich ihren Traum vom Leben in grenzenloser Freiheit erfüllen wollen, und doch nur am Bild dessen arbeiten. Irgendwann wird die Wirkung von medialen Bildern auch am Beispiel des ertrunkenen syrischen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi am Strand des Mittelmeers beschrieben. Die Flüchtlingskrise 2015 als politischer Kipppunkt der digitalen Revolution. Die Verweigerung der Regisseurin zur Bebilderung der Inszenierung kann man konsequent finden, letztendlich fehlt dem Abend aber ein schlüssiges Konzept, seine durchaus politische Botschaft adäquat rüberzubringen. Er scheitert wie das Paar Anna und Tom an der Leere, die durch beschreibende Worte allein nicht zu füllen ist. Zumal dazu schon alles wesentlich konkreter gesagt wurde. Es fehlt an entsprechender Handlung.'' schreibt Stefan Bock am 7. Oktober 2026 auf KULTURA-EXTRA

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Lesenswerte Zustandsbeschreibung versandet im hilflosen Deklamieren bei schlechter Akustik
13 Tage her.
Kritik

Ein Lesevergnügen ist Vincenzo Latronicos Roman „Perfection“: geschrieben im Corona-Lockdown, als Abgesang auf eine untergegange Zeit.

Wehmütig, lakonisch und mit leiser Ironie beschreibt der in Rom geborene Wahlberliner das Paar Anna und Tom, ein italienisches Paar, das irgendwas mit Design, Grafik und Medien macht, in einer damals noch erschwinglichen Neuköllner Wohnung lebt und die Freiräume genießt, die Berlin in den 2000er und 2010er Jahren genießt.

Ganz ohne Dialog kommt diese präzise Zustandsbeschreibung aus. Maike Albath hat in einer Besprechung für den Deutschlandfunk treffend herausgearbeitet, was diesen Roman ausmacht: er ist ein „Berliner Stilleben“, das „Bild an Bild reiht“.

Was die Volksbühnen-Dramaturgie an diesem Stoff reizt, ist offensichtlich. Eine so treffsicher-kluge Beschreibung über ein Berlin, das „over ist“ (Regisseurin Anta Recke) im Programmzettel-Interview, liest man selten.

Doch wie macht man daraus einen Theaterabend? Über weite Strecken wird der Text deklamiert, in einem häufigen Wechsel aus Deutsch und Englisch, ohne Übertitel, dafür häufig nuschelnd und mit starkem Akzent. Die schlechte Akustik im nach langer Renovierung neu eröffneten Prater an der Kastanienallee tut ihr Übriges. Selten sind längere Passagen mal glasklar zu verstehen, die an René Polleschs Chorprojekten geschulte Inga Busch, die als Gast weiter am Haus ist, kommt mit den widrigen Umständen am besten zurecht.

Die Stärke des Textes, das genaue Hinsehen und Beschreiben, gehen verloren, wenn man eine zweistündige Strichfassung ohne überzeugendes Regie-Konzept versanden lässt. Marta Dyachenko hat eine Arena mit Sitzgelegenheiten und Kunstgalerie-Flair gebaut. Die Spieler mischen sich munter ins Publikum, Benjamin Radjaipour hat den Intendanten der Berliner Festspiele als sein Versuchsobjekt auserkoren. Zärtlich hält er ihn im Arm, während er eine Passage über das routinierte Sexleben von Anna und Tom vorträgt.

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