Die Meistersinger von Nürnberg



    Bewertung und Kritik zu

    DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG 
    von Richard Wagner
    Regie: Keith Warner 
    Premiere: 5. Dezember 2022 
    Wiener Staatsoper

    Zum Inhalt: Die Handlung erzählt vom jungen Ritter Walther von Stolzing, der um die bürgerliche Eva Pogner wirbt und – um die Erlaubnis ihres Vaters zur Hochzeit zu erhalten – ein den Regeln der Meistersinger entsprechendes Preislied schreiben muss. Dass die beiden Liebenden, Eva und Walther, schlussendlich zusammenkommen und der junge Ritter mit seinem Preislied reüssiert, verdanken sie dem (historisch verbürgten) Schuster und Meistersinger Hans Sachs.

    Wagners Meistersinger sind ungeheuer im Anspruch, ungeheuer im Gelingen wie Misslingen, ungeheuer in der Wirkung. Wagner wendet sich mit dieser Oper erstmals wieder dem »real existierenden« Theater seiner Zeit zu. Anders als das monumentale Ring-Projekt, das einer utopischen Bühne der Zukunft zugedacht war, anders als der Tristan, der sich als unaufführbar erwiesen hat, entfaltet Wagner das neue Werk mit Rücksicht auf die Theaterkultur seiner Zeit und führt es zu einer umjubelten Premiere. Und die Zeit der Meistersinger-Entstehung von 1861 bis 1865 führt Wagners Existenz insgesamt zu einer Wende. Die Amnestie von 1862 ermöglicht dem aufgrund der Teilnahme an der 1848er Revolution steckbrieflich Verfolgten und in die Schweiz Geflohenen die Rückkehr nach Deutschland. Im gleichen Jahr trennt Wagner sich endgültig von seiner ersten Frau Minna und verbindet sich mit Cosima Liszt-von Bülow. 1864 rettet ihn der frischgebackene, 18-jährige König Ludwig II. von Bayern aus höchster finanzieller Bedrängnis und wird zu seinem wichtigsten Mäzen, der die Uraufführungen der Meistersinger und des Tristan ermöglicht, die fertiggestellten Ring-Teile Rheingold und Walküre — gegen Wagners Willen — erzwingt und trotz manch weiterer Zerwürfnisse auch das Bayreuther Festspielunternehmen rettet, als öffentliche Spenden und Wagners eigene Mittel zu versiegen drohen.

    Musikalische Leitung: Philippe Jordan
    Inszenierung: Keith Warner
    Bühne: Boris Kudlička
    Kostüme: Kaspar Glarner
    Licht: John Bishop
    Video: Akhila Krishnan
    Choreographie: Karl Alfred Schreiner
    Regiemitarbeit: Katharina Kastening


    WIR EMPFEHLEN

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    Meisterlich
    1 month ago
    Kritik
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    Richard Wagners "Meistersinger", 1868 in München uraufgeführt, haben aus verschiedenen Gründen ihren festen Platz in der deutschen Operngeschichte, und manche Gestalten wie Hans Sachs oder Pogners Eva, Walther von Stolzing sowie der Merker Beckmesser können geradezu als Prototypen deutscher Opernfiguren gelten. Die Wiener Neuinszenierung stammt von Keith Warner. Am Pult des Wiener Staatsopernorchesters steht Philippe Jordan.

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    Eingangs das berühmte "Meistersinger"-Vorspiel, das längst seinen separaten Weg in die Konzertprogramme der Welt gefunden hat. Philippe Jordan geht es zügig, aber intensiv an und läßt die majestätische Klangflut mit fein differenzierten Tempi fantasievoll strömen.

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    Erster Aufzug. Hans Sachs(Michael Volle) am Schreibpult, dahinter der Chor in der Katharinenkirche. Wundervoll historisierende Kostüme( Kaspar Glarner). Der reisende Ritter Walther von Stolzing (David Butt Philipp) fragt die Gottesdienstgängerin Eva (Hanna-Elisabeth Müller) etwas unvermittelt, ob sie schon Braut sei. Auch Freundin Magdalena (Christina Bock) kann das nicht so direkt beantworten. Es ist etwas komplizierter: Eva ist von ihrem Vater Veit Pogner demjenigen versprochen, der im Meistergesang obsiegt. Hans Sachs' Lehrjunge David (Michael Laurenz) bekräftigt dies noch mit ein paar Hinweisen auf die Tücken der Tabulatur, nach der die Leistungen der Wettsänger bewertet werden.

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    Szenenwechsel. Die Lehrbuben bauen die Kulisse für die heutige Sitzung des Singgerichts auf. David instruiert Stolzing über die Gesangsgesetze. Viel komödiantischer Drive im Spiel, bewegliche Stimme. Die zugehörigen Noten werden auf dem Projektionsschirm angezeigt. Stolzing hört's mit wachsendem Widerwillen und begreift die Schwierigkeit der Aufgabe, die auf ihn wartet.

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    Das Gemerk wird eingerichtet, obwohl heute nur Freiung ist. David erläutert die Bewertungprozedur. Merker Beckmesser (Wolfgang Koch) bekennt, dass er selbst danach strebt, die Hand von Eva zu gewinnen. Veit Pogner (Georg Zeppenfeld) setzt seine Tochter Eva zum Preis im Wettgesang aus. Aber: keine Ehe ohne Zustimmung der Braut. Sachs will am liebsten das Volk mitentscheiden lassen. Wer soll der Freier sein ? Pogner empfiehlt Stolzing. Der setzt zu einem Lied an: "Am stillen Herd zur Winterszeit.." Kritische Einwürfe von Beckmesser. Merker Beckmesser nimmt Platz im Gemerk. Sieben Fehler darf der Bewerber höchstens machen. Rezitation aus der Tabulatur. Dann das "Fanget an": Stolzings improvisierter Gesang. Beckmesser kratzt Minuspunkte auf seine Tafel. Dann ereifert er sich zum Beweis, dass Stolzing versungen habe. Sachs äussert eine abweichende Meinung über den Vortrag, hält Beckmesser für voreingenommen. Stolzing singt weiter, Beckmesser krittelt weiter. Im anschliessenden Tumult stürmt alles davon.

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    Die Pause von etwa einer Stunde hat Wiener Format.

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    Zweiter Aufzug. Vater Pogner im bedächtigen Dialog mit seiner Tochter. Schuster Sachs vor dem Haus in der Sommerluft mit dem Fliedermonolog. Dann Sachs im Gespräch mit Eva. Sie lässt sich neugierig berichten, wie die Freiung gelaufen ist.

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    Eva Pogner, der die Werbung unter ihrem Fenster gilt, läßt sich von Magdalena vertreten und gesellt sich lieber zum wartenden Stolzing. Der landet eine Schimpftirade auf den beschränkten Geist der Meister. Im Hintergrund fantasievolle Geistergestalten. Ein stimmkräftiger Nachtwächter (Peter Kellner) lässt sich vernehmen. Sachs macht er sich einen Spaß daraus, dem singend werbenden Beckmesser unter dem Vorwand, dessen Schuhe auszubessern, quasi ein Retourkutsche in Sachen Merkerei zu verpassen. Die Hammerschläge auf den Schuh erinnern an Xylophonspiel.

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    Und nun entwickelt sich aus geheimnisvoll treibender Mechanik stufenweise eine der herrlichsten Prügeleien der Bühnengeschichte, nachdem halb Nürnberg aus dem Bett gefallen ist und sich lustvoll daran beteiligt. Bis der Nachtwächter wieder zu hören ist, diesmal im Kostüm des Sensenmannes. "Wahn" steht im Bühnenhintergrund geschrieben.

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    Dritter Aufzug. Die gekonnte Modernität des Walther von Stolzing setzt sich am Ende durch gegen die verknöcherte Tabulatur der regelversessenen Meister, und ein Schuster mit Sinn für gesellschaftlichen Ausgleich rückt die verfeindeten Maßstäbe wieder zurecht.

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    Noch einmal eine Verwechslung als Motor der szenischen Entwicklung. Beckmesser eignet sich einen Liedtext an,  den er für von Sachs erdacht hält, trägt ihn später unglücklich vor und gibt damit den Weg frei für Stolzings Sieg, den eigentlichen Autoren des Liedes. Der Ritter bekommt seine Eva, und Sachsens Schlußwort ist für den heutigen Geschmack etwas anachronistisch.

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    Diese ganze Aufführung steht ohne Zweifel unter einem glücklichen Stern. Zu loben ist zuvörderst eine überaus lebendige, dabei stets natürliche szenische Gestaltung, die keiner aufgepfropften Regieeinfälle bedarf. Philipp Jordans musikalische Leitung liefert einen guten Teil der Vitalität, von der die Szene lebt, durch die  Klangkultur des Orchesters überzeugend getragen. Die Besetzung ist durchgehend exzellent, allen voran Michael Volle als Sachs und Georg Zeppenfeld  im Gewand des reichen Goldschmieds Veit Pogner. Wolfgang Kochs Sixtus Beckmesser ist ein würdiger Counterpart, der am Ende auf der Strecke bleibt. Hanna Elisabeth Müller und Christina Bock geben der weiblichen Komponente Gefühl und Empfindung samt stimmlichem Format.  Der stilsichere Stolzing von David Butt Philip und der spielfreudige Schusterlehrling David sind gleichermaßen Sterne des Ensembles. Schliesslich verdient die durchgehend bestens verständliche Artikulation für alle Solisten eine besondere Hervorhebung.

    Horst Rödiger

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