Geschlossene Gesellschaft

Bewertung und Kritik zu

GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT 
von Jean-Paul Sartre
Regie: Martin Kusej 
Premiere: 19. Februar 2022 
Burgtheater Wien 

Zum Inhalt: Inès, Estelle und Garcin haben nur Vermutungen darüber, warum sie miteinander ausgerechnet in dieser Hölle gelandet sind: ein Innenraum ohne Fenster und Spiegel. Turmhoch eingemauert, nur ab und an besucht von einem skurrilen Kellner. Ein Draußen? Gibt es hier nicht. Selbst die Augenlider sind erlahmt; der Ort droht mit durchgängigem Wachsein, ohne die erlösenden „schwarzen Blitze“ des Blinzelns. Warum sind gerade diese drei Menschen, die sich im Leben nie begegnet sind, hier zusammengepfercht worden? Welche Schuld hat sie hierhergeführt? Halten sie das Folterbesteck für die anderen bereits in den Händen, ohne es zu wissen?

Jean-Paul Sartres Klassiker des Existenzialismus, uraufgeführt 1944 in Paris unter der Herrschaft der Nationalsozialisten, ist nicht nur Schlüsselwerk zum Verständnis von Sartres Philosophie der Freiheit, die um die Frage kreist, wie uns die Blicke der Anderen gegen unseren Willen definieren. GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT ist auch ein Stück über die Ungewissheit, über das Eingeschlossen-Sein und die Isolation, über eine veränderte Wahrnehmung von Zeit, die sich in einer zur Ewigkeit gedehnten Gegenwart bleiern über die Menschen und Dinge legt. Insofern hat es wertvolles Wissen gespeichert, in dem wir uns im Rückblick auf die vergangenen Jahre überraschend wiederfinden.

Inszenierung: Martin Kusej
Bühne: Martin Zehetgruber
Mitarbeit Bühne: Stephanie Wagner
Kodtüme: Werner Fritz
Musik: Aki Traar
Licht: Michael Hofer
Dramaturgie: Alexander Kerlin


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Bestandsaufnahme über drei Aufführungen am Burgtheater Wien - 2
  · 23.11.22
''Drei fabelhafte Schauspieler – Dörte Lyssewski, Regina Fritsch, Tobias Moretti –, die nach einem Präludium mit Kellner (Christoph Luser) den Raum nicht mehr verlassen, nicht verlassen können, wie der Mann vom Lande in Kafkas Parabel Vor dem Gesetz oder wie die Figuren in Luis Buñuels Würgeengel. Und doch fragt man sich am Ende, warum man sich für dieses Höllenspektakel interessieren sollte. Das liegt nicht, wie eine oberflächliche Kritik gerne argumentiert, daran, dass irgendwelche faktischen Bezüge und Verweise keine Entsprechung in der Gegenwart hätten (mit dem Corona-Lockdown hat Sartre mit Verlaub so viel zu tun wie der Klimawandel mit der Katze auf dem heißen Blechdach), sondern an der innerliterarischen Evolution. Als Jean-Paul Sartre 1944 seine Geschlossene Gesellschaft schrieb, hatten Samuel Beckett und das Theater des Absurden die Bühnen noch nicht betreten. Sartres Umsetzung seines Existentialismus für ein Publikum von philosophischen Laien mochte, auch dramaturgisch, radikal und aufregend wirken. Mit der Entwicklung, die in den vergangenen Jahrzehnten im Drama und im Theater stattgefunden hat, ist die Brisanz von Sartres Stücken und da insbesondere von Huis clos verloren gegangen. Es liegt nicht an Details, sondern an der Haltung. Die gehört längst zum dramatischen Alltag. Und sie hat neue, interessantere Ausdrucksformen gefunden.  (...)

Gespielt wird in der Regie von Martin Kušej in einem grell ausgeleuchteten Zuschauerraum. Das Publikum ist zusammen mit den drei Protagonisten eingeschlossen. Zum Glück öffnen sich die Saaltüren nach dem plötzlichen Ende. Und anders als die Protagonisten von Kafka, Sartre und Buñuel, können die Wiener sie durchschreiten. Geradewegs ins Café Landtmann. Ihre Verzweiflung hält sich in Grenzen. Also – machen sie weiter.'' schreibt Thomas Rothschild am 23. November 2022 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.