Geschichten aus dem Wiener Wald

Bewertung und Kritik zu

GESCHICHTEN AUS DEM WIENER WALD 
von Ödön von Horváth
Regie: Johan Simons 
Premiere: 18. November 2021 
Burgtheater Wien 

Zum Inhalt: Die Mitte bricht weg. Die Sicherheiten, die Aufstiegsversprechen, das Selbstbewusstsein, die Ambitionen in der „Mitte der Gesellschaft“ schwinden, die Radikalisierungen nehmen zu. „Abstiegsgesellschaft“ ist das Signum der Zeit. Anfang der dreißiger Jahre in Wien soll Marianne, die Tochter des Zauberkönigs, der sein Scherzartikelgeschäft nur mit Mühe noch halten kann, mit dem Fleischhauer Oskar verheiratet werden, dem es noch vergleichsweise gut geht. Sie entflieht der Fusion und verliebt sich in Alfred, den Spekulanten, der bisher das Geld der Trafikantin Valerie auf den Rennplätzen Europas für sich „arbeiten“ ließ. Zum Vater des gemeinsamen Kindes taugt er nicht und so versucht Marianne, als Nackttänzerin in einem Varieté ökonomische Selbstständigkeit zu erringen. Aber es gibt in dieser Welt den Ort nicht, an dem sie mit ihrem unehelichen Kind ein Auskommen finden könnte. Und so erscheint der Mord an dem Säugling als ein kollektiver Akt, der die kleine Gesellschaft der „stillen Straße im achten Bezirk“ vor der Zukunft abschließen und bewahren soll. Es ist das sinnlose Opfer einer Gesellschaft, die ihrer Auflösung am Übergang zum Faschismus nichts entgegenzusetzen hat.

Mit: Felix Rech, Annamária Láng, Gertrud Roll, Johannes Zirner, Sylvie Rohrer, Nicholas Ofczarek, Daniel Jesch, Martin Schwab, Sarah Viktoria Frick, Oliver Nägele, Jan Bülow, Maria Happel, Falk Rockstroh, Lili Winderlich.

Regie: Johan Simons
Bühne: Johannes Schütz
Kostüme: Greta Goiris
Musik: Mieko Suzuki
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie Sebastian Huber, Koen Tachelet


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Bizarres Körperballett der totalen Selbstauslöschung
  · 02.01.22
''Johannes Schütz hat eine angedeutete Ladenzeile gebaut. Dahinter befindet sich ein Podest auf sonst leerer Bühne. Obwohl das gesamte Ensemble fast durchweg auf der Bühne verbleibt, lassen sich durch Drehen die einzelnen Szenen von der Straße im 8. Bezirk über den Wiener Wald und die Wachau bis ins Tanzlokal Maxims immer wieder neu verorten. Der Liebes- und Leidensweg Mariannes ist vor allem einer von Männern bestimmter. Alle Versuche der Selbstermächtigung scheitern, auch wenn Marianne und die Baronin in der Tanzszene mit angeschminkten Bärten Männerposen persiflieren. Von der Fleischbeschau mit schüchternen Liedvortrag von Draußen in der Wachau zur gesellschaftlichen Ächtung sind es da nur ein paar Takte Musik. Stück und Inszenierung zeigen in den einzelnen Frauenfiguren wie Valerie, der Mutter (Annamária Láng) und der grantigen Großmutter Alfreds (Gerdrut Roll), die für den Tod von Mariannes Kind verantwortlich ist, die einzelnen Stufen der patriarchalen Deformation. Dem kann sich auch Marianne nicht auf Dauer entziehen.

Simons lässt mit dem deutschen Studenten Erich (Jan Bülow), der hier einen sozialen Film nach der Vorlage von Mariannes Schicksal drehen will, und ansonsten viel von Austausch des Volkskörpers und einer neuen Welt schwafelt, den aufkommenden Faschismus anklingen. Auch wenn das hier noch nicht viel Anklang findet, fällt es doch auf fruchtbaren Boden. Die Wiener Gemütlichkeit, sofern es sie überhaupt gibt, ist schnell vergessen. Der Krieg ist auch für die Wiener Männerwelt ein Naturgesetz. Ein weiteres Opfer ist Marianne, die sich zwar aus ihrem Sklavendasein befreien und nicht mehr geschlagen werden will, letztendlich aber am Zusammenhalt der Männer scheitert und sich ihrem Schicksal ergibt. Simons lässt hier am Ende einfach den titelgebenden Walzer bis zur völligen Erschöpfung spielen. Ein bizarres und quälendes Umhertappen, Zerren und Stürzen.'' schreibt Stefan Bock am 2. Januar 2022 auf KULTURA-EXTRA
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