Das Leben ist ein Traum

Bewertung und Kritik zu

DAS LEBEN IST EIN TRAUM 
von Calderón de la Barca
Regie: Martin Kušej 
Premiere: 11. September 2020 
Burgtheater Wien 

Zum Inhalt: Die Isolation ist beendet, in der der junge Mann zeit seines Lebens gefangen war. Sein Vater, der polnische König, hatte früh eine Gefahr in seinem Sohn erkannt, bei dessen Geburt die Sterne schlecht standen und an der seine Mutter starb. Daher hielt er den Prinzen dem Leben und der Macht fern. Erst als er sein Amt niederlegen will, entschließt er sich zu einer Probe aufs Exempel. Aus der Irrealität eines erfahrungsarmen Lebens jenseits der Gesellschaft wird Prinz Sigismund in einen künstlichen Schlaf versetzt und an den Hof gebracht, wo man ihn wie einen Königssohn behandelt. Er, der „bei Menschen als ein Tier/Und als ein Mensch bei Tieren gilt“ verhält sich, wie es befürchtet wurde und zu erwarten war: roh, gewalttätig, unbeherrscht und kein bisschen dankbar für seine Befreiung, sondern voll unbändigem Zorn über seine Gefangenschaft. So ist er gesellschaftlich nicht tragbar und schon gar keine Empfehlung für den Thron.
Wieder wird Sigismund seines Bewusstseins beraubt und zurück in den Turm verbracht, wo man ihm suggeriert, von Palast und Königswürden nur geträumt zu haben. Als er von Revolutionären, die ihn erneut zum König ausrufen wollen, befreit wird, hat er längst alles Vertrauen in die Wirklichkeit verloren. In einer Welt, die nicht wiederzuerkennen ist, findet er Halt an den alten Regeln. Ihre oberste lautet: die Entscheidung darüber, was normal, was wahr, schließlich was „wirklich“ ist, ist eine Machtfrage.

Mit: Julia Riedler, Tim Werths, Wolfram Rupperti, Gunther Eckes, Norman Hacker, Franz Pätzold, Johannes Zirner, Andrea Wenzl, Roland Koch.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüm: Heide Kastler
Licht: Friedrich Rom
Musik: Bert Wrede
Video: Sophie Lux
Dramaturgie: Sebastian Huber


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Kristallisationspunkte in düsterer Elegie
  · 13.10.21
Der sehr lange Abend ist in tiefes Schwarz getaucht, das Halbdunkel wird oft von den Schwarzblenden, einem Markenzeichen von Kušejs Regie-Stil, verschluckt, im Hintergrund wummern Bert Wredes Bässe. Das Setting ist nicht besonders neu, der Abend lebt jedoch von den beiden Hauptdarsteller*innen: Franz Pätzold, schon am Münchner Residenztheater einer der Lieblingsschauspieler von Kušej, dem die Rolle des Sigismund auf den über weite Strecken nackten, sehnigen Leib geschrieben ist. „Halb Mensch, halb Tier“ beschreibt sich diese Figur selbst, die wie ein Zombie zwischen Keller-Gefängnis und Thron tigert.

Sein Gegenpol ist Rosaura, androgyne Rächerin auf der Suche nach ihrer Identität, die von Julia Riedler gespielt wird: die junge Österreicherin war einer der Shootingstars der Münchner Kammerspiele zu Matthias Lilienthals Zeit, gleich schräg gegenüber von Kušejs Residenztheater, und arbeitet mittlerweile frei.

Um die beiden Kristallisationspunkte Pätzold und Riedler herum baut der Regisseur seine Szenen. Eine düstere Elegie ist dieser Abend, der mit mehr als drei Stunden deutlich zu lang geraten ist und manche Straffung und Verdichtung gut vertragen hätte. Aber doch gibt es über immer wieder eindrucksvolle Momente der beiden Antagonisten, die uns in ihre fremde Welt hineinziehen.

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