Faust

Bewertung und Kritik zu

FAUST
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Martin Kušej 
Wien-Premiere: 27. September 2019 
Burgtheater Wien 

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Zum Inhalt: Weiter, immer weiter. Zu den Sternen, tief unter die Erde, durch alle Ozeane. Durch alle Leiber, alle Worte. Mehr, immer mehr. Mehr Geld, mehr Sex. Mehr Schmerz, mehr Lust, mehr Vergessen. Stillstand ist der Tod. Das sind wir. Und Faust ist einer von uns. Nachdem Generationen von Leser*innen in ihm den tatkräftigen Titan lobten, der die Fesseln von Glauben, Tradition und Natur abstreift und mit seinem Schicksal zugleich die Welt in die Hand nimmt, erkennen wir heute, dass Faust sich verirrt hat – und wir uns mit ihm.

In seinem pathogenen Hunger nach dem ultimativen Kick, seiner Sucht nach pausenloser Bewegung der Zeit und seiner Negation jeglicher Grenzen steht Faust paradigmatisch für die Hybris des Menschen, der sich im selbst entfesselten Ereignissturm zu verlieren droht. Der Pakt mit Mephisto ist Ausgangspunkt für die Flucht in die Zukunft, das Versprechen lautet Unsterblichkeit. Faust reist, nach Katastrophen dürstend und sie mit Heilsversprechen verwechselnd, zu den Endpunkten der Zivilisation, wo die Luft nach Blut schmeckt und das Auge friert. Das einzige Wesen, das ihn retten könnte, wird er zerstören. Und der Himmel bleibt stumm.

Regie: Martin Kušej
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Heidi Hackl
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Angela Obst
Dramaturgische Mitarbeit: Albert Ostermaier


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2 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Die Faust im Nacken
  · 14.10.19
''Kušej forciert, was die Modernität von Faust selbst im ersten, wenn auch in geringerem Ausmaß als im zweiten Teil ausmacht: den Montagecharakter. So kontrastiert er Faust, der mit Gretchen über die Bühne spaziert, mit Mephisto, der es derweil mit Frau Marthe treibt, in kurzen Blackouts. Er kürzt behende und stellt um. In diesem Faust gibt es keine Zueignung, kein Vorspiel auf dem Theater und keinen Prolog im Himmel – also auch keinen Gott und keine Wette. Die Hexe (Marie-Luise Stockinger) ist, wie Frau Marthe (Alexandra Henkel) aus- und einnehmend sexy und spricht vorweg Gretchens bekannteste und meistzitierte Passagen. Dafür leiht sich Kušej ein paar Szenen aus der Tragödie zweitem Teil. Die Verse „Wie tobt's in diesen wilden Tagen!/ Ein jeder schlägt und wird erschlagen“ will sich der neue pazifistische Burgtheaterdirektor nicht entgehen lassen, auch wenn sie nur sehr bedingt in die Gretchen-Tragödie passen.

Kušej kostet den Kontrast zwischen gehobener Sprache und trivialer Gestik aus. Das doppelstöckige Bühnenbild mit Kran und eingezäuntem Basketballplatz wie aus der West Side Story passt eher an die Waterfront von Hoboken als in das spätmittelalterliche Deutschland. Es erinnert aufdringlich an Aleksandar Denić. Es ist von Aleksandar Denić. Kušej ist Castorfs Faust zuvorgekommen. Gedanklich mag diese Inszenierung etwas verwirrend erscheinen. Zu vieles ist nur angeritzt und nicht zuende gedacht. Was sie auszeichnet, ist ihre fast filmische Bildgewalt. Im Burgtheater darf man wieder Geld ausgeben. Und das ist gut so.'' schreibt Thomas Rothschild am 14. Oktober 2019 auf KULTURA-EXTRA
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