Five Deleted Messages

Bewertung und Kritik zu

FIVE DELETED MESSAGES
von Falk Richter
Premiere: 26. August 2020 (Kunstfest Weimar) 
Alte Feuerwache Weimar

Zum Inhalt: Der Mensch allein spät in der Nacht, auf sich selbst und seine rasenden Gedanken zurückgeworfen, das ist nicht erst seit Goethes »Faust« ein gängiges Motiv der Literatur. Man kann die Corona-Krise, aus der Distanz betrachtet, auch als gigantisches Experiment am lebenden modernen Subjekt betrachten: Der Mensch wird aus einem rasenden Leben in den Leerlauf des Lockdown geworfen und muss sich plötzlich neu zurechtfinden. Der Terminkalender ist gelöscht. Das Hamsterrad steht still. Der Stress weicht einer Leere und plötzlich steigen große Fragen auf. Wie will ich leben? In der Isolation sieht der Mensch sich der eigenen Verletzlichkeit ausgeliefert, mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Wie war mein Leben bis hierher, wie soll es in Zukunft sein? Mit den Fragen brechen auch große Gefühle durch: Einsamkeit und Liebe, Angst und Wut. Das Experiment ist einzigartig. Es findet für jeden individuell und gleichzeitig für alle statt. Es konfrontiert uns mit der Wahrheit über uns selbst und über die Gesellschaft, in die wir nach dieser Nacht zurückkehren.

Mit: Dimitrij Schaad

Text & Regie: Falk Richter
Video: Chris Kondek
Dramaturgische Mitarbeit: Jens Hillje


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Facettenreiche, rasante Lockdown-Reflexion
  · 22.09.20
„Five Deleted Messages“ ist eine ungeheuer dichte Reflexion über den Corona-Lockdown, witzig geschrieben und rasant vorgetragen.

Dimitrij Schaads „K.“ versucht zu begreifen, was um ihn herum vorgeht, und durchlebt die gesamte Palette seiner Corona-Stimmungsschwankungen: von dem Frust darüber, dass er isoliert ist und Selbstgespräche führen muss, bis zur Freude über eine friedliche Zeit, die sich wie ein elegischer Frühlingsnachmittag dehnt.

Falk Richter lässt seinen Protagonisten darüber nachdenken, warum die Menschen plötzlich per Gesetz verpflichtet wurden, die „Einzelkämpferpartikel“ zu werden, die sie in der Praxis bereits waren. Wie können wir wieder eine Gesellschaft werden, die keine Angst davor hat, aufeinander zuzugehen?

Gewohnt politisch engagiert setzt sich Richter auch mit den Missständen in den Schlachthöfen, Fleischfabriken und den Sammelunterkünften auseinander, in denen „K.“ plötzlich gestrandet ist. Zu drastischen Schwarz-Weiß-Bildern von Chris Kondek rechnet Dimitrij Schaad mit der Massentierhaltung ab.
„Five deleted messages“ ist ein facettenreicher Text über den Lockdown: ein hochinteressantes Zeitdokument, das viele Fragen stellt, keine vorschnellen Antworten gibt und sich zur allgemeinen Ratlosigkeit dieser Umbruchzeit bekennt.

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