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    Boris



    Bewertung und Kritik zu

    BORIS
    von Modest Mussorgski / Sergej Newski
    Regie: Paul-Georg Dittrich 
    Premiere: 2. Februar 2020 
    Staatsoper Stuttgart

    Zum Inhalt: Das Vergessen mag eine Gnade sein, aber wer sich nicht erinnern kann, ist verloren. Und so erinnert Modest Mussorgski an einen Krisenmoment der russischen Geschichte, ihren glücklosen Protagonisten Boris und das dem Zaren zujubelnde, ihn verfluchende, meist nur ausharrende Volk. Mussorgski zeigt auch, wie Geschichte geschrieben wird: Ein Mönch verfasst eine Chronik und hält dort die Ermordung eines Thronerben in Godunows Auftrag fest. Ganz gleich, ob der Kindermord Fakt ist oder Legende: Den Zaren bringen die Gespenster der Vergangenheit zu Fall. Wer schreibt Geschichte und in wessen Interesse? Und in welchem Verhältnis steht sie zur Wahrheit? Ist Erinnerung Fiktion?

    Für Swetlana Alexijewitsch liegt die Wahrheit im vielstimmigen Nebeneinander der Erfahrungen hunderter ungekrönter, anonymer „Held*innen des Alltags“, wie sie sie in ihrem Erinnerungsbuch Secondhand-Zeit dokumentiert. Der Komponist Sergej Newski setzt einige dieser Lebensgeschichten als musikalische Erinnerungssplitter zwischen Mussorgskis historische Tableaus. Sie sind exemplarisch für den Einbruch der Kriege um Macht und Ideale in Enklaven wie Liebe und Familie. Newskis Neukomposition verzahnt sich in BORIS mit Mussorgskis Oper von 1869 zu einer gemeinsamen Erzählung. Der Regisseur Paul-Georg Dittrich entwirft Boris Godunow dabei als düstere Zukunftsvision eines neozaristischen Reichs mit maßgeschneidertem Geschichtsbild aber ohne Gedächtnis. In der kollektiven Amnesie flackern die Erinnerungen aus Secondhand-Zeit immer wieder auf. Wie Untote fahren die vor langer Zeit geträumten Träume und erlebten Enttäuschungen in die Menschen der Zukunft und geben ihnen ein Gefühl für ihr Gestern zurück.

    Musikalische Leitung: Titus Engel
    Regie: Paul-Georg Dittrich
    Bühne: Joki Tewes und Jana Findeklee
    Kostüme: Pia Dederichs und Lena Schmid
    Video / Regie Live-Videos: Vincent Stefan
    Licht: Reinhard Traub
    Chor: Manuel Pujol
    Dramaturgie: Miron Hakenbeck
    Live-Kamera: Tobias Dusche
    Bildgestaltung: Lukas Rehm

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    Der russische Zar und das 20. Jahrhundert
    3 years ago
    Kritik
    ''So anfechtbar die Inszenierung ist, so hervorragend ist die Interpretation sowohl durch die Solisten, wie auch durch den Chor und das Orchester unter dem differenzierenden Dirigat von Titus Engel. Hervorgehoben seien die Bässe Goran Jurić als Pimen und Adam Palka in der Titelrolle, deren Furcht, deren Gefühl des Gejagtwerdens, deren Schuldbewusstsein er mehr mit dem Gesang als schauspielerisch gestaltet, Matthias Klink als Schuiski, Stine Marie Fischer in der Doppelrolle der Schenkwirtin und der Frau des Kollaborateurs und Petr Nekoranec als der Gottesnarr, der, in der für Stuttgart gewählten Urfassung von 1969 (ohne den Polen-Akt) um den effektvollen Auftritt kurz vor dem Schluss gebracht, für einen Höhepunkt der Aufführung sorgt. Die Kinder, die ihn quälen, sehen aus wie puppenartige alte Frauen in Trachten. Sie strangulieren den „Blödsinnigen“, und die Musik bestätigt diese Grausamkeit. BORIS ist ein ambitioniertes Projekt gegenwärtiger Musiktheaterpraxis. Die Stuttgarter Oper hat (einmal mehr) ein umfangreiches Programmheft erstellt, in dem die Macher ihre Absichten erläutern. Fragt sich, ob sie jene ins Unrecht setzen, die, ohne vorherige Lektüre, die Premiere mit lautstarken Buhs quittierten. Die Qualität eines Opernabends bewährt sich auf der Bühne, nicht in Kommentaren. Die Schreibweise der russischen Namen wurde jener des Programmhefts angeglichen.'' schreibt Thomas Rothschild am 3. Februar 2020 auf KULTURA-EXTRA
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