Der Triumph der Waldrebe in Europa

Bewertung und Kritik zu

DER TRIUMPH DER WALDREBE IN EUROPA 
von Clemens J. Setz
Regie:  Nick Hartnagel 
Premiere: 14. Oktober 2022 
Schauspiel Stuttgart

Zum Inhalt: Der achtjährige David Herzer ist tot. Ein Autounfall verändert das Leben seiner Eltern mit einem Schlag. Ihr Sohn hinterlässt eine Leerstelle, die Renate und Konrad Herzer nicht akzeptieren können. Mithilfe digitaler Medien erschaffen sie eine Welt, in der David weiterlebt. Auf ihrem Blog gibt Renate Herzer täglich Einblicke in ihr Familienleben. Die Öffentlichkeit reagiert gespalten. Ein Fernsehteam besucht die Eltern, um einen Film über den „Fall David Herzer“ zu drehen. Die Schule will David nicht mehr am Unterricht teilnehmen lassen. Die Debatte eskaliert, als der YouTuber Tim Feels ein kritisches Video über den Umgang der Eltern mit ihrem verunglückten Sohn postet. „Mein Sohn gehört nicht der Erde, er gehört uns“, sagt Renate in einem Interview. Sie kämpft gegen Hasskommentare und für das Weiterleben ihres Sohnes. Die mediale Resonanz legitimiert die Welt, die sich das Ehepaar geschaffen hat. Je mehr Aufmerksamkeit David bekommt, desto lebendiger scheint er zu werden.

Clemens J. Setz entwickelt in seinem neuen Stück ein düsteres Spiel über den Umgang mit dem Tod in unserer medialen Welt. Sind die Toten wirklich tot oder können sie im Virtuellen weiterleben? Wie beeinflusst die digitale Welt unsere Vorstellung von Unsterblichkeit? Gibt es eine digitale Unsterblichkeit, und was folgt daraus für unser „reales“ Leben? Was bedeutet Authentizität in einer Welt, in der sich jede:r vermeintlich „real“ im Netz darstellen kann?

Inszenierung: Nick Hartnagel
Bühne: Yassu Yabara
Kostüme: Tine Becker
Musik: Lukas Lonski
Licht: Stefan Maria Schmidt
Dramaturgie: Ingoh Brux und Sarah Tzscheppan
Choreografie: Stefanie Bloch


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Das Leben der Toten
  · 18.10.22
''Gespielt wird, knapp zwei Stunden lang, im beengten Ambiente des Kammertheaters. Dass wieder einmal Videos auf mehreren Projektionsflächen buchstäblich, nämlich vom Oberteil der Bühne her, dominieren, ist diesmal kein Zugeständnis an eine lästige Mode, sondern inhaltlich begründet: Die Story setzt sich weitgehend aus Interviews von Journalisten zusammen, die die Eltern des Toten nicht nur mit Fragen, sondern auch mit Kameras in durch Gazevorhänge verzerrten schmucklosen Räumen und davor bedrängen. Der Triumph der Waldrebe in Europa handelt also nicht nur von einer bevorstehenden Welt, in der der physische Tod abgeschafft wurde, sondern auch von einer voyeuristischen Mediengegenwart. Die jungen Schauspieler, in der besuchten Aufführung anstelle des erkrankten Jannik Mühlenweg Marco Massafra, den Textzettel in der Hand geschickt überspielend, tun in der Regie von Nick Hartnagel ihr Bestes, und das ist nicht gering zu schätzen, um den sprachlich zwar ausgefeilten, in seinem Mitteilungswert aber zunehmend drögen Plot voran zu treiben.

Wäre David nicht tot, sondern tatsächlich nur behindert, rückte das Stück von Clemens J. Setz in die Nähe von Peter Nichols’ A Day in the Death of Joe Egg. 1967 uraufgeführt, behandelt es vergleichbare Motive allerdings mit schwarzem Humor. Es gibt mithin signifikante Unterschiede zwischen der englischen und der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik. Sind sie dafür verantwortlich, dass Ein Tag im Sterben von Joe Egg auf deutschen Spielplänen kaum noch zu finden ist?'' schreibt Thomas Rothschild am 18. Oktober 2022 auf KULTURA-EXTRA
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