Wolken.Heim.

Bewertung und Kritik zu

WOLKEN.HEIM.
von Elfriede Jelinek
Regie: Friederike Heller 
Premiere: 24. Mai 2019 
Schauspiel Stuttgart
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Zum Inhalt: Was zeichnet es aus, das Deutsche? Woraus speist sich ein Gefühl von Zugehörigkeit? In Wolken.Heim. beschwört ein Kollektiv aus vier Frauenstimmen beständig eine Gemeinschaft, erst vorsichtig spekulierend, dann fordernd: »Wir sind wir. Nur bei uns sind wir zuhaus.« Sie jonglieren mit längst überwunden geglaubten Begriffen und Ansichten von Heimat, Boden, Schuld und Nation und legen darin ein überzeitliches nationalistisches Gedankengut frei, das tief in den Generationen wurzelt. 
Sprache und Sprechende formen sich in Wolken.Heim. immer wieder zu einem sich manisch wiederholenden und wiederholten »Wir«, das sich in Fremdenfeindlichkeit und Abschottung selbst bestätigt und seine Identität durch die Ausgrenzung des Anderen erzeugt. Die Sehnsucht und die Suche nach klaren Zugehörigkeiten, Zusammenhalt und einer deutschen Identität begleiten jeden Satz, lassen Vermutungen zu Gewissheiten und Behauptungen zu Fakten werden.

Mit: Christiane Roßbach, Therese Dörr, Josephine Köhler und Celina Rongen

Inszenierung: Friederike Heller
Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt
Sound Design und Musik: Peter Thiessen
Licht: Stefan Schmidt
Dramaturgie: Sina Katharina Flubacher


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Wir sind die anderen
  · 26.05.19
''Was man den Autoren nicht fiktionaler Texte zum Vorwurf macht – das ungenaue Zitat –, ist bei Elfriede Jelinek Methode. Diese Verfälschung von Zitaten aber erschwert die Entscheidung, ob sich der (satirische) Angriff gegen die Quellen der Zitate, gegen deren Benutzer wendet, oder ob sie nicht überhaupt nur Spielmaterial sind für einen Text ohne eindeutige Zielrichtung. Diese Mehrdeutigkeit ist die Ursache für die sich stapelnde Sekundärliteratur, die in der Regel mehr über die Interpreten, ihre Vorurteile und ihre Ideologie aussagt als über Jelineks Werk. Und weil sich dieses Werk eben wegen seiner Ambiguität für ganz verschiedene Standpunkte funktionalisieren lässt, gibt es davon, jenseits gehässiger, politisch motivierter journalistischer Polemiken, vorwiegend apologetische und kaum kritische Analysen und Interpretationen. 

Schon das „wir“ ist ja ambivalent. Grammatisch lässt es sich vom „wir“ etwa im Solidaritätslied – „Wollen wir es schnell erreichen,/ brauchen wir noch dich und dich“ – nicht unterscheiden. Vereinfacht gesprochen begegnet Jelinek dem gleichen Dilemma wie Brecht bei seinem Mann ist Mann: dass man die Frage des Widerspruchs von Individualismus und Kollektiv nicht ohne Berücksichtigung der jeweiligen historischen Situation beantworten kann. Und woher nimmt man eigentlich das Vertrauen auf das Einverständnis bei der Ablehnung fremdenfeindlicher Sätz? Gehen AfD-Wähler nicht ins Theater? Wird es sie überzeugen, wenn die erste Darstellerin hochschwanger eine Zeitschrift lesend und Kaffee trinkend neben einer Zimmerpflanze sitzt, ehe sie deutsche Muttererde gebiert?'' schreibt Thomas Rothschild am 25. Mai 2019 auf KULTURA-EXTRA
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