Katja Kabanová

Bewertung und Kritik zu

KATJA KABANOVÁ 
von Leoš Janáček
Regie: Barrie Kosky 
Premiere: 7. August 2022 
Salzburger Festspiele 

Zum Inhalt: „Ich lebte frei wie ein Vogel“: Wehmütig vertraut Káťa Kabanová ihrer Schwägerin Varvara an, wie anders als jetzt ihr Leben früher war. Sie erzählt, wie die Messe in der Kirche himmlische Visionen in ihr auslöste und sie zu Tränen rührte, wie sie in Träumen meinte, hoch in den Himmel zu fliegen. Die leuchtende, sich ekstatisch steigernde Musik, in die Janáček Káťas Erinnerungen kleidet, offenbart nicht nur das reiche Innenleben der Figur, sondern auch einen ununterdrückbaren Drang nach Freiheit. Seit ihrer Heirat mit Tichon aber droht das Feuer in Káťa zu ersticken. Die Situation, in der sie lebt, ist klaustrophobisch. Zuhause herrscht ihre Schwiegermutter, die Kaufmannswitwe Kabanicha, mit despotischer Hand.

Im Wissen um materielle Abhängigkeiten und im Namen von Tradition und Sitte wacht sie darüber, dass die Frau dem Gatten und die Jungen den Alten die nötige Unterwürfigkeit bezeigen. Tichon, zermürbt von der fortwährenden Nörgelei seiner Mutter, ist zu unselbstständig, um seiner Frau wirklich etwas zu geben, und sucht Zuflucht im Alkohol. Als er zu einer mehrtägigen Reise aufbricht, arrangiert Varvara, die von der gegenseitigen Anziehung zwischen Káťa und dem unverheirateten Boris weiß, ein erstes, nächtliches Treffen der beiden. Es ist wie ein Ventil. Hinter der verzweifelten Intensität, mit der sich Káťa Boris hingibt, brechen Bedürfnisse auf, die über die Sehnsucht nach erfüllter Liebe oder geteilter Leidenschaft weit hinausgehen. Zu leben scheint Káťa nun unmöglicher denn je.

Regie: Barrie Kosky


 

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Der Traum von einem anderen Leben
  · 21.08.22
Leoš Janáčeks dreiaktige Oper aus der beengten Lebenswelt einer jungen Ehefrau, uraufgeführt 1921 im Nationaltheater Brünn, fußt auf einem Libretto des Komponisten nach dem Drama "Gewitter" von Alexander Ostrowski. Die diesjährige Salzburger Inszenierung stammt von Barrie Kosky, dem langjährigen Intendanten der Berliner Komischen Oper.
Dass es sich bei dieser Handlung um ein Gesellschaftsdrama handelt, macht Regisseur Kosky gleich in der Einleitung deutlich, in der die Kamera an den Rücken einer Volksmenge entlang fährt, die in den Bühnenhintergrund starrt. Die Szene des 1. Aktes spielt im Vordergrund dieser Situation. Anfangs eine Auseinandersetzung zwischen Dikoj (Jens Larsen) und seinem Neffen Boris (David Butt Philip). Anschliessend bekriegen sich die reiche Witwe Kabanicha (Evelyn Herlitzius) und Katja (Corinne Winters). Die Pflegetochter Varvara (Jarmila Balázová) setzt sich für Katja ein. Beide sinnieren über ihr Dasein.
Janáčeks Musik ist auf intensive Weise mit der tschechischen Sprachmelodie verwoben. Dirigent Jakub Hrúša arbeitet dies am Pult der Wiener Philharmoniker sorgfältig heraus.

Katja träumt von Freiheit, vom Fliegen wie ein Vogel. Sie träumt aber auch von einem anderen Menschen als ihrem Ehemann Tichon (Jaroslav Brezina), und sie begreift das durchaus als Sünde. Ihr Mann beteuert, sie immer noch zu lieben. Tichon muss auf Geschäftsreise, und Katja will, dass er ihr einen Schwur abnimmt, in seiner Abwesenheit niemand anderen anzusehen. Die Kabanicha, Tichons Mutter,  mischt sich mit eigenen Forderungen ein.
Zweiter Akt. Wieder Individuum und Gesellschaft im Kontrast. Kabanicha tadelt Katjas Verhalten beim Abschied von Tichon. Varvara fädelt feinsinnig ein Treffen mit Boris ein. Ein Schlüssel brennt wie Kohlen in Katjas Hand. In Gedanken spielt sie Phasen der Annäherung an Boris durch. Sie will ihn sehen.

Die Kabanicha als Domina mit ihrem Geliebten Dikoj, der dem Alkohol verfällt. Zwischenspiel, Hrúša am Pult als sensibler Zeichengeber.

Boris und Katja in einer Verquickung  von Sehnsucht und Abwehr. "Ich habe keinen freien Willen", sagt Katja. Boris' Wille möge über sie herrschen. Ein erster Kuss, dezent und delikat. "Warum sterben, wenn das Leben so schön ist ?" Varvara und Kudrjáš (Benjamin Hulett) kommen hinzu. Aus dem Off die emphatisch gesteigerten Stimmen von Katja und Boris.
Dritter Akt. Katja wird von Zweifeln über ihr Handeln heimgesucht. Disput über die Natur eines Gewitters. Tichon kommt von der Reise zurück. Ihr schlechtes Gewissen plagt sie. Katja beichtet ihren Fehltritt. Dramatische Kulmination in der Musik. Varvara hat das böse Ende kommen sehen.

Katjas Geständnis hat ihr keine Erleichterung verschafft. Ihr Monolog im Rücken der Volksmasse: Keine Erinnerung blieb ihr an das Rendezvous mit Boris. Grandiose Personenregie, Ausdruck von Katjas Qualen. "Wozu soll ich noch leben ?" Aber die Sehnsucht nach Boris bleibt. Und er tritt erneut hinter sie, dann vor sie. Spiel der Hände. Vergeblicher Versuch, ihn zu halten. Ob er i für ihr Geständnis böse ist ? Wie soll alles weiter werden ? "Laß mich dich ansehen, zum letzten Mal". Ein paar irrwitzige Visionen, dann springt sie ins Wasser. Harte Schläge des Orchesters beenden das Drama.

Die darstellerischen und sängerischen Leistungen sind erstklassig, allen voran die Katja von Corinne Winters, die sowohl als szenische Interpretin wie in ihrer stimmlichen Leistung von strahlender Schönheit höchstes Lob verdient. Die musikalische Präsenz der Wiener Philharmoniker bringt unter  Jakub Hrúša die feinsten Klanggebilde aus Janáčeks Partitur bewegend zu Gehör. Bis 20. September noch in der 3Sat-Mediathek zu sehen.   

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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