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SCHÖNE NEUE WELT
von Aldous Huxley
Regie: Alexander Nerlich
Premiere: 10. Juni 2016 
Hans Otto Theater Potsdam 
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Nach dem Neunjährigen Krieg, vor 500 Jahren, wurde die Menschheit unter eine Weltregierung gestellt. Es begann die moderne Zivilisation. Jetzt, im Jahr 632 n. F., »nach Ford«, werden Menschen im Labor vermehrt und schon im Vielzellerstadium für ihre Funktion im Volksorganismus optimiert. Die Alphas, ganz oben in der Hierarchie, treiben als Intellektuelle den wissenschaftlichen Fortschritt voran, die Epsilons bedienen als Halbidioten die Maschinen. Jeder weiß, wohin er gehört, und lebt ein gleichförmig-glückliches, erotisch vollbefriedigtes, von der Psychodroge Soma angenehm erleuchtetes Leben bis zu seinem biologischen Verfallsdatum. Alter und Krankheit sind abgeschafft, Privates gibt es nicht mehr, Leidenschaft in Denken und Fühlen gilt als abscheuliches Relikt des egoistischen Zeitalters. – Das muss es sein, das Glück für alle! Für Alpha-Mann Bernard ist es das nicht, in ihm keimt Unbehagen. Auf einer Reise in eines der letzten Wildenreservate, wo Primitive in biologischen Familien leben, an Götter glauben und eines natürlichen Todes sterben, macht er die erschütternde Entdeckung eines Halbwilden, der in Shakespeare-Versen spricht. Die Mutter ist eine Beta. Bernard nimmt Sohn und Mutter mit sich zurück in die Zivilisation. Was wie eine Rettung erscheint, endet für ihn, seine Schützlinge und viele andere in einer Katastrophe.

Mit Eddie Irle, Melanie Straub, Florian Schmidtke, Wolfgang Vogler, Bernd Geiling, Michael Schrodt, Franziska Melzer Carolin Schär, Larissa Aimée Breidbach, Luana Rossetti

Regie: Alexander Nerlich
Bühne / Kostüme: Wolfgang Menardi
Musik: Malte Preuß
Video: Lisa Katzwinkel
Choreografie: Anja Kożik
Dramaturgie: Christopher Hanf


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ein klassiker bleibt unentfesselt
  · 02.01.17
mal auf nach potsdam, und das liegt nun wirklich nicht um meine ecke. die unsterbliche neugier ruft wie stets. dem hans-otto-theater scheint es gutzugehen. präsentativ und gepflegt findet es sich in der schiffbauergasse an der lauschigen havel. regisseur alexander nerlich hatte zu aldous huxleys werk "schöne neue welt" (1932) einen konzeptanfall und splittet den stabilen theatersaal. in blues blau (die alte welt) und soma-rot (die neue welt). die zuteilung des publikums erscheint irgendwie wahllos, es werden punktsticker in entsprechenden farben auf den handrücken gedippt und so landen wir im blues blau, was aber eher grau und oll ist. auf dem vermülltem boden des reservates kriecht eddie irle als wütender sohn john herum und zitiert aufbäumend shakespeare. melanie straub gibt seine heruntergekommene erschöpfte mutter und lallt im kaputten auto. die alte welt versinkt im elenden pathos.
in der neuen welt kracht offenbar die party und die lustlawine, das hören wir durch die dunkle trennwand. ich wäre jetzt lieber soma-rot. nach einer halben stunde elend 2000 führt man die erneut wartenden besucher zusammen und wir quetschen uns in den soma-roten kleineren bereich. der ist mit pinkem latex ausstaffiert und zeigt die gruselige züchtung von eiskalt geplantem "leben" in gebärmüttern. eine schauspielerin wälzt sich sinnlich und stumpf im rosa latexeinteiler auf einer glasvitrine. sie soll seelenlos produktiv sein. schöne neue zombie-welt. die führenden geister, die alphas, berauschen sich an ihrem einfluss und kopulieren schematisch vor sich hin. man entlässt uns mit sexuellen motiven aus einem kitkat-gitterkäfig, in denen natürlich auch eine pen*s-attrappe des direktors wedelt.
erneute pause, die ernüchtert. nun sitzt das tapfer interessierte publikum zusammen im großen saal und die neue und die alte welt stoßen aufeinander und stoßen sich ab. was ist denn jetzt so heil? das gleichförmige, künstliche, todsichere glück, das sich auf drogen stützt, auf dosierter kopulation und keimfreiheit? oder ein leben, in dem liebe, leid, schmerz, angst, furcht und elend regieren? john aus blues blau ist eine gefährliche kreuzung, seine mutter eine verwilderte beta-frau. das aber wird nicht geduldet. der diktatorische guru der neuen welt predigt und übergeht die seelen. die würde man gern noch wähnen hier.
die inszenierung will innovativ sein - das reisen durch die säle und welten, das posen und posieren, ab und zu wird gerockt. die geister des ostberliner deutschen theaters und der westberliner schaubühne sind kurz in frollainwunders wahrnehmung anwesend, aber die aktuelle welt in potsdam zündet irgendwie nicht so wie erhofft. das theater ist komfortabel doch das gesittete publikum schaut nur steif zu. ich auch. dabei will ich fühlen.
wenn eddie irle shakespeare zitieren muss, physisch beeindruckend, wirkt er wie ein eidinger von der havel. doch auch seine unbändige energie bringt den theatersaal nicht zum beben. die anderen strampeln sich leidenschaftlich ab, verfallen ins zitieren von sätzen und bleiben hängen in der statik der regie (oder der untoten neuen welt?). ein moderner klassiker, der nicht entfesselt wurde.
(gesehen im dezember 2016)
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3.4
Durchschnittsnote aller Stücke
5 7
4 18
3 24
2 9
1 0
Kritiken: 35

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