Das Vermächtnis (The Inheritance)

Bewertung und Kritik zu

DAS VERMÄCHTNIS (THE INHERITANCE) 
von Matthew Lopez
Regie: Philipp Stölzl 
Premiere: 30. Januar 2022 
Residenztheater München 

Zum Inhalt: New York City in den letzten Monaten der Präsidentschaft Barack Obamas. Während der Autor Toby Darling der Premiere seines Theaterstücks entgegenfiebert, verbringt sein Partner Eric Glass Zeit mit seinem Bekannten Walter. Die Gespräche mit dem 55-jährigen führen Eric in eine Vergangenheit, die er als schwuler Mann Anfang dreißig nur vom Hörensagen kennt: die verheerende Aidsepidemie, welche die LGBTQ-Community von Beginn der 1980er-Jahre an erschütterte. Dabei ist in Walters Erzählungen immer wieder von einem alten malerischen Landhaus die Rede. Welche Rolle dieser Ort für Walter und seinen Partner Henry Wilcox gespielt hat, kann Eric nicht ahnen. Im Herbst 2016 verfolgt Erics Freundeskreis fassungslos die Wahlniederlage Hillary Clintons gegen den Republikaner Donald Trump. Amerika wandelt sich. Plötzlich scheinen Freiheiten, für welche die vorangegangene Generation von Aktivist*innen gekämpft hat, nicht mehr selbstverständlich. Eric muss sich fragen, wer er ist und sein will.

Mit seinem mehrfach ausgezeichneten Theaterstück «Das Vermächtnis» gelingt dem international gefeierten amerikanischen Dramatiker Matthew Lopez ein Meisterwerk des Storytelling: ein Bühnenepos in zwei Teilen, Beziehungs- und Gesellschaftsdrama, überreich an Figuren, ein Sittenbild, so komisch wie tragisch. Er übernimmt darin Motive aus E. M. Forsters 1910 erschienenem Roman «Howards End», transferiert diese ins New York der 2010er-Jahre und erzählt temporeich die berührende Geschichte einer Wahlfamilie und schwulen Community, die vor der Frage steht, ob sie bereit ist, das Vermächtnis der jüngeren Geschichte anzunehmen. Lopez' Stück verneigt sich vor den Schicksalen der Vergangenheit und entwirft ein utopisches Bild gemeinsamer Verantwortung und gegenseitigen Respekts. Dabei steht es in der Tradition von Tony Kushners «Engel in Amerika», das in dieser Spielzeit ebenfalls am Residenztheater zu sehen sein wird.

Inszenierung und Bühne: Philipp Stölzl
Kostüme: Kathi Maurer
Komposition: Ingo Ludwig Frenzel
Licht: Gerrit Jurda
Mitarbeit Bühne: Franziska Harm
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer

TRAILER


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Opulente Saga
  · 24.04.22
In seinen besten Momenten macht dieser lange Theaterabend sehr anschaulich deutlich, was für eine Katastrophe die AIDS-Krise der 1980er und frühen 1990er Jahre war: fast eine ganze Generation junger Homosexueller starb viel zu früh, ganze Freundeskreise wurden ausgelöscht, Nachgeborene müssen auf Vorbilder und Mentoren verzichten. Plastisch wird auch das New Yorker liberale Establishment gezeichnet, das auf Hillary Clinton setzte und vom Wahlsieg von Donald Trump kalt erwischt wurde. Der schnöselige „Toby Darling“ (Moritz von Treuenfels) ist ein besonders unsympathisches Exemplar dieser Spezies. Seine Beziehung zu Eric (Thiemo Strutzenberger) und seinen Toy-Boys (Vincent zur Linden bei seinem eindrucksvollen Debüt im Resi-Ensemble in einer Doppelrolle als Schauspiel-Jungstar-Beau Adam und depressiver Sexworker Leo) ist ein roter Faden dieser Saga.

In seinen schwächeren Momenten hängt der Abend durch oder balanciert gefährlich nah am Kitsch. Dank des bis in die Nebenrollen mit Vincent Glander, Michael Goldberg, Oliver Stokowski oder Noah Saavedra glänzend besetzten Ensembles stürzt der Abend nie ab. Auch Nicole Heesters, einzige Frau im Männer-Ensemble, sorgt mit ihrem Gastauftritt dafür, dass das Finale zwar in gewohnter West End- oder Broadway-Dramaturgie tränenreich und kathartisch ist, aber vor Indian Summer-Laub und naturalistischer Klinkerbaukulisse auf Kathi Maurers Bühne nicht in einer billigen Schmonzette versinkt.

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