Erinnerung eines Mädchens

Bewertung und Kritik zu

ERINNERUNG EINES MÄDCHENS 
von Annie Ernaux
Regie: Silvia Costa 
Premiere: 21. Mai 2021 
Residenztheater München - Marstall

Zum Inhalt: In ihrer 2016 erschienenen autobiografischen Erzählung «Erinnerung eines Mädchens» unternimmt die französische Autorin Annie Ernaux den Versuch, einem zutiefst prägenden Ereignis in ihrem Leben auf die Spur zu kommen. Was ist ihr, der damals achtzehnjährigen jungen Frau, im Sommer 1958 widerfahren? Zwischen Erinnerungsbruchstücken, Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und jahrzehntealten Fotografien unternimmt die Autorin eine nahezu forensische Analyse des Geschehenen, seiner Auswirkungen und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und sexuellen Doppelmoral, die Männern und Frauen gänzlich unterschiedliche Formen der «Freiheit» zuzusprechen respektive zu verwehren pflegt. «Erinnerung eines Mädchens» zeigt die schmerzhafte Auseinandersetzung der fast Achtzigjährigen mit sexueller Scham, Ohnmacht und Selbstermächtigung und ist – kurz vor dem Beginn der #MeToo-Bewegung erschienen – ein berührendes und zutiefst politisches Dokument vom Ende des Schweigens.

Annie Ernaux, 1940 in der Normandie geboren, zählt zu den bedeutendsten französischen Schriftsteller*innen der Gegenwart. In ihrem Werk untersucht sie mit schonungslosem Blick Unterdrückungs- und Emanzipationsstrukturen von Klasse, Herkunft und Geschlecht. Ihre literarische Methode der Autofiktion ist fixer Bezugspunkt des soziologischen und schriftstellerischen Werks klassensensibler, politischer Autor*innen wie etwa Didier Eribon und Édouard Louis.

Inszenierung und Bühne: Silvia Costa
Komposition und Mitarbeit Regie: Ayumi Paul
Kostüme: Rebekka Stange
Mitarbeit Bühne: Anna Schöttl
Licht: Barbara Westernach
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer


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Erinnerung an Scham und Demütigung
  · 12.07.21
Drei Frauen aus dem Residenztheater-Ensemble tasten sich gemeinsam mit der Autorin Annie Ernaux an die „Erinnerung eines Mädchens“ heran, das 1958 als Betreuerin in ein Ferienlager in Nordfrankreich fuhr und dort von einem ein paar Jahre älteren Jungen verführt und fallengelassen wurde. Das autofiktionale Buch von Ernaux erzählt von der Scham und der Demütigung, die sie damals als junge Frau erfuhr: in einer streng konservativen, patriarchal geprägten Gesellschaft auf dem Land aufgewachsen, fand sich das Mädchen, das von der großen, wahrehn Liebe träumte, wie sie die Schlager besingen, als Ausgestoßene wieder. Als „Flittchen“ wird sie gebrandmarkt, damals, zehn Jahre vor der politischen Revolte und sexuellen Liberalisierung von 1968. Jahrzehnte später blickt Ernaux nun in ihrem 2016 bei Gallimard erschienenen Bändchen „Mémoire de fille“ (deutsche Übersetzung 2018 bei Suhrkamp) auf die damalige Zeit zurück.

Vergleichbar mit den Texten von Didier Eribon unternimmt Ernaux den Versuch, eine sehr persönliche Emanzipationsgeschichte mit der Analyse gesellschaftlicher Wandlungsprozesse zu verbinden. Als Text ist das hochinteresant, auf der Bühne wenig spielerisch umgesetzt. Sibylle Canonica, Juliane Köhler und Charlotte Schwab, drei drei bekanntesten Akteurinnen im Ensemble des Residenztheaters, zelebrieren die Erinnerungsarbeit von Annie Ernaux als Messe im Halbdunkel. Kleine symbolische Gesten wie das Spannen von Fäden, das Belichten von Fotos oder das langsame Herabsinken eines Steins sind die einzigen spielerischen Momente.

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