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Bewertung und Kritik zu

DER EINGEBILDETE KRANKE ODER DAS KLISTIER DER REINEN VERNUNFT
von PeterLicht nach Molière
Regie: Claudia Bauer 
Premiere: 20. Dezember  2019 
Residenztheater München 

Zum Inhalt: «Der eingebildete Kranke», Molières fünfte Komödie, die sich mit der Ärzteschaft und den von ihr praktizierten Heilmethoden beschäftigt, besitzt eine in der Theatergeschichte einzigartige makabre Komponente: Molière, in der Uraufführungsinszenierung 1673 selbst der eingebildete Kranke und bereits von schwerer Krankheit gezeichnet, erlitt auf offener Bühne einen Blutsturz und starb wenige Stunden später.
Im Zentrum steht Argan, der sich nicht nur einbildet, krank zu sein, sondern es tatsächlich ist: Er leidet an Hypochondrie. So kann und will er sich nicht anders zu seinem sozialen Umfeld ins Verhältnis setzen als über sein Leid, um das er in tyrannischer Selbstbespiegelung kreist. Der Kölner Autor und Musiker PeterLicht schreibt mit «Der eingebildete Kranke» seine vierte Molière-Neudichtung: Gewohnt sprachverspielt seziert er sowohl den Individual- als auch den Gesellschaftskörper und bricht das letzte Tabu neoliberaler Selbstoptimierer – das der Sterblichkeit.
«Argan ist ein Hyperperformer der Empfindsamkeit. Er neigt der Unsterblichkeit zu, das heißt, er will immer weiter das tun, was ihm als Lebewesen vorgegeben ist zu tun, nämlich LEBEN, wie sollte es auch anders sein? Er ist ein LEBEwesen, bei ihm gibt es keinen Tod, sondern nur die ANGST vor dem Tod. Der Tod ist abgeschafft. Aber leider ist es nicht klar, ob sie wirklich gelang, die Abschaffung. Argan hat den Tod ersetzt durch Strategien zur Vermeidung des Todes. Also zur Aufrechterhaltung der Gesundheit, was ja das Gleiche. Es gibt eine einfache Gleichung: Solange man gesund ist, ist man noch nicht tot. So viel immerhin wissen wir. Obwohl … » PeterLicht

Mit: Florian von Manteuffel, Pia Händler, Antonia Münchow, Thomas Lettow, Myriam Schröder, Max Rothbart, Christoph Franken und Ulrike Willenbacher sowie den Musikern Cornelius Borgolte und Henning Nierstenhöfer

Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Vanessa Rust
Musik: PeterLicht
Arrangements und Musikalische Leitung: Henning Nierstenhöfer
Live-Kamera: Jaromir Zezula/Josef Motzet
Licht: Gerrit Jurda
Dramaturgie: Constanze Kargl


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1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Topografie einer Gesellschaft des Schmerzes
  · 03.01.20
''Hier überdrehen sich Wortwitz und Satzschleifen ähnlich wie bei René Pollesch nur wesentlich überspitzter in einem sich ebenfalls drehenden Bühnenturm (von Andreas Auerbach), der vorn das Lager des Argan zeigt und hinten die blanken Kulissen mit Treppen, auf denen das Personal beständig auf und ab läuft, oder wie Tochter Angelique, genannt „Likki“ (Antonia Münchow), und Ehefrau Béline (Pia Händler) ergebungsvoll um ihre Sonne herumschwänzeln. Während Béline auf das Ableben des Gatten wartet und mit dem „Noti“ Bonnefoy (Ulrike Willenbacher) das Erbe günstig zu beeinflussen versucht, will Argan eine sogenannte „Schmiegepartnerschaft“ zwischen seiner Tochter und dem Arzt und Proktologen Purgon (Christoph Franken) schmieden, obwohl Likki eher den coolen Cléante (Max Rothbart) im Sinn hat.

Soweit hält sich Autor Licht dann doch, wenn auch nur peripher an den Plot von Molière. Ansonsten dichtet er herrliche Songs über die Topografie des Schmerzes und seine Macht über den Körper. Wie der Kapitalist will er immer mehr. Das kulminiert in einem Chor der Darmpolypen (Kostüme: Vanessa Rust). Den Vogel schießt allerdings Christoph Franken (Neuzugang von DT in Berlin) als Arzt Purgon ab, der in einigen köstlichen Auftritten etliche Gesundheitstipps zum besten gibt, den Tod uncool findet und mit dem Song „Nimm doch mal ein Ibuprofenchen“ den Heilsbringer ans Publikum verteilt. Argan-Bruder Béralde (Thomas Lettow) treibt Descartes „Ich denke, also bin ich“ in einem Disput mit dem leidenden Argon gegen das Denken und für das Gefühl auf die Spitze. Dazu bietet die Inszenierung eine überbordende Bühnenshow mit Livemusik, Trampolin und Kissenschlacht. Das ist so blöd wie herzerfrischend wahr und also doch auch irgendwie komisch.'' schreibt Stefan Bock am 3. Januar 2020 auf KULTURA-EXTRA
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