Edward II.

Bewertung und Kritik zu

EDWARD II. 
von Christopher Marlowe
Regie: Christian Stückl 
Premiere: 15. Oktober 2021 
Münchner Volkstheater 

Zum Inhalt: Kaum hat Edward II. nach dem Tod seines Vaters den Thron bestiegen, bringt er schon die ganze Welt gegen sich auf. Nach Jahren der Verbannung holt er seinen Geliebten Gaveston an seine Seite, überhäuft ihn mit Geld und Ehren und macht ihn zum wichtigsten politischen Berater. Blanker Hass schlägt dem Paar entgegen: Statt in den Krieg zu ziehen und die bedrängten Grenzen zu verteidigen, turtelt Edward mit dem französischen Schmeichler herum, dem dahergelaufenen Bauern, der die gesamte alteingesessene Ordnung torpediert.

Königin Isabella bangt um ihre Familie, der Adel um seine Macht, die Kirche um ihre Prinzipien. Als man Edward unverhohlen droht, einen Bürgerkrieg vom Zaun zu brechen, kann er nicht mehr anders, als Gaveston wieder wegzuschicken. Doch nach dem erneuten Abschied ist die Kluft zwischen Edward und seinem Gefolge unüberwindbar geworden, die königliche Ehe ein Trümmerhaufen. Gedemütigt verbündet Isabella sich mit Mortimer, der insgeheim längst den Sturz des Königs plant. Um ihn endgültig aus dem Weg zu räumen, holen sie Gaveston zurück an den Hof. Eine gnadenlose Jagd beginnt.

Regie: Christian Stückl
Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier
Musik: Markus Acher, Micha Acher, Cico Beck
Dramaturgie: Rose Reiter
Licht: Björn Gerum


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Zwischen queerer Pop-Oper und konventionellem Sprechtheater
  · 11.04.22
Schon in der ersten Szene wird der Zwiespalt dieses Abends deutlich: wie viel Camp und wie viel queere Pop-Oper will Intendant Christian Stückl dem Publikum zu dieser doppelten Eröffnung (der Spielzeit und des neuen Hauses im Schlachthofviertel) zumuten? In Richtung Camp und Extravaganz schlägt das Pendel immer dann aus, wenn Gaveston den nötigen Raum bekommt: Alexandros Koutsoulis, der frisch von der Berliner Ernst Busch-Hochschule ans Münchner Volkstheater kam, flirtet nicht nur mit dem König, sondern in einer exhibitionistischen Solo-Show auch mit dem Publikum. Sein genderfluides Kostüm, irgendwo zwischen Marilyn Monroe und David Bowie, das Stefan Hageneier gestaltete, setzt ein Ausrufezeichen in einer Inszenierung, die sonst aber doch näher am konventionellen Sprechtheater ist.

Die bayerische Indieband The Notwist sorgt für eine stimmungsvolle Untermalung des Intrigenspiels und die natürlich auch pink angestrahlte Drehbühne kommt so oft zum Einsatz, dass das selbstbewusste Muskelspiel der Technik etwas an Chris Dercons Einstand an der Volksbühne erinnert. Das sehr spielfreudige Ensemble, bei dem sich wieder einmal Stückls Blick für junge Talente zeigt, bleibt trotz aller queeren Farbtupfer doch nah an der Vorlage aus der Shakespeare-Zeit und bietet ein Sprechtheater, das für viele gesellschaftliche Gruppen anschlussfähig ist: Jugendliche und Student*innen, für die das Volkstheater zur Einstiegsdroge werden kann, wie Nachtkritik so schön schrieb, aber auch gesetztere Herrschaften, die hier nicht vor den Kopf gestoßen werden. Diese „Edward II.“-Inszenierung ist handwerklich gelungenes, unterhaltsames Theater, auch wenn es die Handbremse angezogen lässt und kein so wilder Ritt durch die Popkultur ist, wie sie Pinar Karabulut, Hausregisseurin der benachbarten Münchner Kammerspiele, in ihrer Lockdown-Web-Soap für das Schauspiel Köln inszenierte.

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