ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM

Bewertung und Kritik zu

ÜBERGEWICHT, unwichtig: UNFORM 
von Werner Schwab
Regie: Abdullah Kenan Karaca 
Premiere: 20. Mai 2021 
Münchner Volkstheater 

Zum Inhalt: Im Wirtshaus hocken sie heruntergekommen wie jeden Abend. Die Hasi und der Schweindi häkeln für den geplanten Nachwuchs. Der Karli langt seiner Herta eine. Der Jürgen doziert von der Tugend der Gewaltlosigkeit und der Bratwurst des einfachen Mannes. Die Fotzi schafft Geld für die Jukebox an. Und die Wirtin erfüllt die allseitigen Bedürfnisse nach Bier, Wein und etwas zum Fressen. Man tauscht Philosophisches, Anzügliches, Beleidigendes und Handgreifliches aus.

Alles wie gehabt, wenn da nicht ein schönes Paar penetrant in die Aufmerksamkeit hineindrängen würde. Die Ausstrahlung der Bessergestellten und ihre provozierende Bedürfnislosigkeit sprengen den Rahmen. Während hier der Triebdrang mit am Tisch sitzt, scheinen die da drüben sich "zu fein zum Vögeln. Die küssen sich und sind fertig mit sich. Das sind wahrscheinlich welche, die überhaupt keinen menschlichen Geruch haben.“ Der Anblick der Harmonie ist angesichts der eigenen Unzulänglichkeiten nicht mehr auszuhalten. Die Makellosigkeit muss sich einverleibt werden, damit kein Widerspruch mehr zum eigenen Selbst besteht! In Werner Schwabs "europäischem Abendmahl" zerfleischt sich eine Gesellschaft selbst, wobei ihr die Sprache um die Ohren fliegt.

Regie: Abdullah Kenan Karaca
Bühne: Vincent Mesnaritsch
Kostüm: Elke Gattinger
Dramaturgie: Bastian Boß
Musik: Lukas Darnstädt
Musikalische Einstudierung: Tom Wörndl


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Deftige Wirtshaus-Groteske
  · 21.05.21
Nur alle paar Jahre kommt „Übergewicht, unwichtig: Unform“ in einer neuen Inszenierung auf die Bühne: zuletzt 2014 am Schauspielhaus Zürich, 2017 am Schauspiel Dortmund. In dieser Woche eröffneten das Münchner Volkstheater und Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca den kurzen Rest der Spielzeit mit der deftigen Wirtshaus-Groteske, die Werner Schwab auf dem Höhepunkt seines Ruhms 1991 veröffentlichte.

Das Bühnenbild, das Vincent Mesnaritsch für „Übergewicht, unwichtig: Unform“ entwarf, könnte kaum weiter von Robert Borgmanns aseptischer, ganz in weiß gehaltener „Hamlet“-Traumwelt eine Woche zuvor am Residenztheater entfernt sein: Dreck und Stroh liegen am Boden, die Kostüme sind bewusst unvorteilhaft und schäbig, die Spielerinnen und Spieler sind zum Teil mit Fatsuits aufgepolstert, an den hässlichen Wänden sammeln sich nach dem ersten Akt die Blutspritzer des kannibalischen Exzesses, in den sich die tumbe Dorfbevölkerung hineinsteigert.

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