Wer hat meinen Vater umgebracht

Bewertung und Kritik zu

WER HAT MEINEN VATER UMGEBRACHT
nach Édouard Louis
Regie: Philipp Arnold 
Premiere: 13. Dezember 2019 
Münchner Volkstheater 

Zum Inhalt: Seine ganze Kindheit wünscht sich Édouard  Louis sein Vater möge verschwinden. Jede Begegnung mit seinem Vater erweist sich als schwierig – aus Scham. Der Sohn schämt sich seiner Andersartigkeit, der machistische Vater schämt sich der Andersartigkeit seines Sohnes. In prekären Verhältnissen wächst er als fünftes Kind in einem von Armut und Alkohol geprägten Elternhaus auf. Auch außerhalb der Familie hat es Louis nicht leicht: Er ringt um seine Identität in der nordfranzösischen Provinz, wo ein homophobes, bildungsfeindliches und gewaltbereites Klima vorherrscht. Jeder Versuch der Anpassung scheitert. Erst mit dem Übertritt in ein Gymnasium in der nächstgelegenen Großstadt gelingt es ihm, dieser Atmosphäre zu entkommen. Viele Jahre später, mittlerweile hat er Soziologie studiert, verarbeitet er seine Erfahrungen als Schriftsteller. In seinem vielbeachteten jüngsten Werk „Wer hat meinen Vater umgebracht“ versucht sich der Sohn dem Vater anzunähern, sein Handeln und seine Einstellungen zu verstehen. Es ist ein wütendes und zugleich zärtliches Buch geworden. Der 27jährige Louis prangert ein politisches System an, das die Armen nicht unterstützt sondern durch Kürzungen der Sozialleistungen weiter an den Rand treibt. Die Einsicht, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse ein Urteil bedeutet, lässt eine späte Annäherung zwischen Vater und Sohn zu.

Mit Jakob Geßner, Jonathan Hutter, Anne Stein

Regie: Philipp Arnold
Bühne & Kostüm: Belle Santos
Dramaturgie: Katja Friedrich
Musik: Adel Alameddine

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2 von 2 Personen fanden die Kritik hilfreich
Kluge Collage einer ambivalenten Vater-Sohn-Beziehung
  · 02.01.20
Szenisch ist diese knapp einstündige Studio-Produktion auf der kleinen Bühne des Münchner Volkstheaters karg. Regisseur Philipp Arnold und seine drei Spieler*innen konzentrieren sich ganz auf den Text, eine kluge Collage dem jüngsten Roman von Édouard Louis und seinem Debüt „Das Ende von Eddy“, mit dem er 2014 bekannt wurde.

Die Rollen des Trios sind ständig im Fluß. Jakob Gessner, Jonathan Hutter und Anne Stein schlüpfen mal in die Rolle des Sohnes, mal in die Figur des Vaters oder der Mutter, die zwischen den Stühlen sitzt. Abwechselnd ziehen sie sich die Maske eines vom Leben gezeichneten, verbitterten, alten Mannes über das Gesicht. Den harschen Ton trifft Jakob Gessner sehr gut, Jonathan Hutter bringt eine weichere, empfindsamere Note in den Wortwechsel, der oft mit Live-Video-Kamera gefilmt wird.

Hutter schaltet jedoch in den letzten Minuten komplett um und holt zu einer fulminanten Anklage gegen die französische Politik aus. Louis, der sich ähnlich wie sein Mentor, der Soziologe Didier Eribon, dezidiert links engagiert, wirft den französischen Staatschefs von Chirac bis Macron in seinem essayistischen Roman vor, dass konkrete politische Entscheidungen das Leben seines Vaters ruiniert haben: nach einem Arbeitsunfall in der Fabrik wurde der Druck durch die Sozialbürokratie so groß, dass er als Straßenkehrer wieder ins Berufsleben einsteigen musste, dabei aber seine Gesundheit noch mehr aufs Spiel setzte.

„Wer hat meinen Vater umgebracht?“ ist ein eindringlicher kleiner Abend, der ganz auf die Stärke der Vorlage vortraut und den Ton von Èdouard Louis trifft.

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Vater-Essay von Édouard Louis
  · 01.01.20
''Die Rache Eddys sind die Aufhetzung des Bruders und der Mutter gegen den Vater, bei deren Streit er Genugtuung empfindet. Erst später, wenn der Vater schon durch die harte Fabrikarbeit krank geworden ist, nähern sich beide wieder an. Über die Mutter erfährt Eddy, wie sie den Vater kennengelernt hat, dass er gerne tanzte und Parfum benutzte, oder der sich sonst homo- und xenophob gebende Mann in seiner Zeit in Südfrankreich einen maghrebinischen Freund hatte. Das totalitäre Gehabe des Vaters entspricht aber seiner Rolle als Mann. Der Lauf der Dinge als erwartete Reproduktion dieses Verhaltens über Generationen. Louis zieht hier die soziologische Parallele von Rassismus, Armut und frühem Tod. Die Politik ist dabei für die prekär lebenden Arbeiter nicht wie für die herrschende Elite nur eine Frage der Ästhetik, wie es im Text heißt, sondern eine Sache von Leben und Tod. Namentlich nennt Louis die französischen Präsidenten von Chirac über Sarkozy und Hollande bis zu Macron, die er für das gesundheitliche Elend seine Vaters verantwortlich macht.

Hier wird die soziale Frage in einer minutenlangen Wut-Suada von Jonathan Hutter gestellt. Die fortgesetzten sozialen Streichungen der politisch Verantwortlichen haben seinem Vater das Kreuz gebrochen und als Sozialhilfeempfänger zum „Faulpelz“ abgestempelt. Die Geschichte soll diese Namen nicht vergessen. Von Revolution ist da am Ende noch kurz die Rede, bevor die drei Performer sich wieder unter die Livekamera legen und mit Céline Dions Hit It’s All Coming Back To Me Now heile Familienwelt spielen. Eine die Louis nie hatte. Entkommen und kämpfen war seine Alternative. Wie der Autor dabei die soziale und Klassenfrage mit der Identitätspolitik im Großen zusammendenkt, wird hier im Kleinen der Theaterbühne ganz anschaulich und nachvollziehbar dargestellt.'' schreibt Stefan Bock am 30. Dezember 2019 auf KULTURA-EXTRA
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