Hedda Gabler

Bewertung und Kritik zu

HEDDA GABLER
von Henrik Ibsen
Regie: Lucia Bihler
Premiere: 27. September 2019 
Münchner Volkstheater 
Buch kaufen

Zum Inhalt: Als Generalstochter in ihrer von Männern und bürgerlichen Prinzipien geprägten Welt wird sie so sehr von der Angst vor dem sozialen Abstieg beherrscht, dass sie sich entgegen ihrer Gefühle für die vermeintliche Sicherheit der Ehe mit Jörgen Tesman entscheidet. Jörgen Tesman, ein aufstrebender Historiker, rechnet fest mit seiner anstehenden Professur. In einem Anflug aus Euphorie und um seiner anspruchsvollen Frau etwas bieten zu können, hat er sich Geld geliehen und ihnen ein prunkvolles Zuhause errichtet. Kaum kommen die beiden ernüchtert aus den Flitterwochen wieder, erreichen sie unerwartete Neuigkeiten. In ihrer Abwesenheit ist Eilat Lövborg, ein ehemaliger Verehrer Heddas und Kollege von Tesman, zurück in die Stadt gekommen. Mit Hilfe Thea Elvstedts hat er nicht nur seinen Alkoholismus überwunden und so seinen guten Namen wieder hergestellt, sondern auch soeben ein Aufsehen erregendes kulturgeschichtliches Buch geschrieben, dessen visionärer zweiter Teil kurz vor der Veröffentlichung steht.

Heddas Lebensplan fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Ihre Sicherheiten schwanken, Tesman ist verschuldet, seine Professur steht durch den Auftritt Lövborgs auf der Kippe, und Hedda erkennt durch das Auftauchen Lövborgs ihre Feigheit nicht nach ihren Gefühlen gehandelt zu haben. Ihre Möglichkeit auf ein "wahres Leben" scheint somit vertan. Geführt von Eifersucht und Verzweiflung hintergeht Hedda ihren Ehemann, vernichtet die Verbindung zwischen Fräulein Elvstedt und Lövborg, treibt Lövborg zurück in den Alkoholismus, verbrennt sein noch nicht veröffentlichtes visionäres Manuskript und bringt ihn zuletzt zum Selbstmord "in Schönheit". Voller Hass reißt sie ihren Mitmenschen die Masken von den Gesichtern, um ihre existenzielle Leere zu füllen. Doch ihr Amoklauf bringt ihr nur kurzweilige Genugtuung. Sie fällt zurück in ihre Lethargie und die Macht, die sie über andere besitzen wollte, resultiert in ihrer eigenen Ohnmacht.

Regie: Lucia Bihler
Bühne: Jana Wassong
Kostüme: Laura Kirst
Musik: Jörg Gollasch
Dramaturgie: Mats Süthoff

TRAILER


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
1 von 1 Personen fanden die Kritik hilfreich
Rokoko-Version von Ibsens Drama
  · 22.12.19
Die Spieler*innen tauchen komplett in das Rokoko-Ambiente ein: jedes Wort und jede Geste wird mit überdeutlichen Grimassen und aufgerissenen Augen zelebriert. Jede Szene unterstreicht, in was für einer quietschbunten, durch und durch künstlichen Scheinwelt Hedda lebt. Sie erträgt die verlogenen Fassaden dieses Zeremoniells und die Männer, die sie wie Hofschranzen umtänzeln, nicht mehr und sehnt sich seufzend nach Freiheit, Unabhängigkeit und endlich einer Tat.

Timocin Zieglers Amtsgerichtsrat Brack wird zum übergewichtigen Bonvivant, der seine Finger nicht von den aufgetürmten Macarons lassen kann, von denen er „schnabuliert“. Heddas Ehemann (Jakob Immervoll) ist daneben ein unsicher herumhüpfendes Leichtgewicht, das seiner Frau nicht gewachsen ist und von ihr nicht ernstgenommen wird.

Ibsens Drama ist so klug gebaut und so überzeitlich modern, dass ihm auch Bihlers Regie-Einfall, es um zwei Jahrhunderte in die hochartifizielle Welt des Rokoko zurückzuverlegen, nichts anhaben kann. Hedda Gablers Tragödie berührt auch in dieser Inszenierung, die sich an ihrem bonbon- und pastellfarbenen Ausstattungs-Spaß erfreut und im vierten Akt ins stille Drama umschlägt.

Komplette Kritik mit Bildern
War die Kritik hilfreich?
0 von 0 Personen fanden die Kritik hilfreich
Verzweiflung unter Wattewölkchen
  · 28.09.19
''Es gibt Stücke auf Spielplänen, etwa Ibsens Hedda Gabler, da denkt man sich: muss das sein? Was hat das mit uns noch zu tun? Und dann geht man hin und ist gefesselt vom ersten bis zum letzten Moment! (...)

Hedda Gablers Neunzehntes-Jahrhundert-Schicksal will die 31jährige Berliner Regisseurin Lucia Bihler (in München bekannt geworden durch ihre Inszenierungen für „Radikal jung“, seit 2019 Hausregisseurin an der Volksbühne Berlin) zeitlos verstanden wissen. Eilats Manuskript ist in einem Stick gespeichert, die Posen gehen online, die Wattewölkchen aber müssen abgestaubt werden. Parallelen zur Gegenwart liegen auf der Hand: Gerade Frauen inszenieren sich in den sozialen Medien heute wieder als „Puppen“, Geld und Erfolg sind sexy wie eh und je – gerade hier in München. 

Ein fulminanter Saisonauftakt, auch dank der großartigen Leistung des Schauspielerensembles, das sicher ins Schwitzen geraten ist, eingezwängt in so viel Plastik. Begeisterter Beifall!'' schreibt Petra Herrmann am 28. September 2019 auf KULTURA-EXTRA
War die Kritik hilfreich?
Um eine Kritik zu schreiben musst du dich einloggen.