Der Rosenkavalier

Bewertung und Kritik zu

DER ROSENKAVALIER 
von Richard Strauss
Regie: Barrie Kosky 
Premiere: 21. März 2021 
Bayerische Staatsoper München

Zum Inhalt: Ein sonderbar‘ Ding, der Rosenkavalier. Da hatte sich Richard Strauss mit Salome und Elektra gerade einen Ruf als Bürgerschreck auf der Opernbühne erarbeitet, war, wie er selbst schrieb, „an die Grenzen der Aufnahmefähigkeit heutiger Ohren“ gegangen – um dann zusammen mit seinem Librettisten Hugo von Hofmannsthal das Publikum ausgerechnet mit den anachronistisch wehenden Walzern einer Hochadelskomödie in einem imaginierten Wien eines fantasierten 18. Jahrhunderts zu erobern. Das Wunderbare an dieser Sonderlichkeit ist dabei, dass Strauss und Hofmannsthal das Künstliche dieser Welt in Sprache und Musik auf die Spitze treiben und zu einem traum- und albtraumhaften Szenarium anwachsen lassen, in dem Platz ist für all die Themen, die den Rosenkavalier so bestechend machen: die Möglichkeiten und die Unmöglichkeit von Liebe, die Dringlichkeit und die Unerbittlichkeit der vergehenden Zeit, die Unverzichtbarkeit und unerbittliche Bedingtheit von Autonomie und Entscheidungsfreiheit.

Barrie KoskyRosenkavalier zollt auch meist weniger rezipierten Quellen des Werks wie der französischen Operette L’ingenu libertin von Claude Terrasse und Louis Artus Tribut, fügt den liebgewonnenen Figuren von Sophie und Octavian, Ochs und Marschallin dadurch überraschende Facetten hinzu und erweitert in opulenten Bildern die Münchner Inszenierungsgeschichte des Werkes um ein aufregendes Kapitel.  

Musikalische Leitung: Vladimir Jurowski
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Alessandro Carletti
Chor: Stellario Fagone
Dramaturgie: Nikolaus Stenitzer


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10 von 26 Personen fanden die Kritik hilfreich
Ein würdiger Nachfolger der Schenk-Inszenierung
  · 21.03.21
Richard Strauss' höchst erfolgreiche und beliebte "Komödie für Musik",  1911 im Dresdener Königlichen Opernhaus uraufgeführt, nun in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky, dem Intendanten der Komischen Oper Berlin, an der Bayerischen Staatsoper München. Die Premiere wurde bei Arte übertragen und fand ohne Publikum statt.

Marlis Petersen als Feldmarschallin, Samantha Hankey als ihr Gespiele Octavian: Eine Standuhr, die rückwärts läuft, gemahnt an die verstreichende Zeit. Die Marschallin in duftigen Dessous tritt herein, in der Tür von Octavian liebkost. Ein Satintuch wird dekorativ herumgereicht. Octavian macht anfangs kein Geheimnis daraus, dass er eine Frau ist, die einen Mann spielt. Umarmungen par terre. Der Tag naht. 

Das Frühstück wird hereingebracht. Bläulich glänzende Pflanzenkübel beleben das Bild. Jedes Ding hat eine Zeit: Ein greisenhafter Engel (der gealterte Cupido ?) streut Flitter über die Liebenden. Besorgnis, entdeckt zu werden vom hoffentlich weit entfernten Feldmarschall. Wo kann sich Octavian verstecken ? Entwarnung: Es ist nicht der Ehegatte, sondern der Ochs auf Lerchenau (Christof Fischesser). Octavian ist jetzt eine adrette Kammerzofe. Ochs will das Fräulein Faninal heiraten. Wer soll die Silberrose überreichen ? Leichte, mühelose Szenenwechsel im Bühnenbild (Rufus Didwiszus). Koketterien mit einem Staubwedel. Flotte, leichtfüssig gestaltete Szenerie im Dialog Marschallin-Ochs.

Drei arme, adelige Waisen und allerlei buntes Jahrmarktsvolk tritt auf: Lever der Marschallin. Cupido mit Panflöte, hübsche Überleitung zur Tenorarie (Galeano Salas) in dekorativen Kostümen. Dialog Ochs und Notar (Christian Rieger) hinter dem  Schminkspiegel. Valzacchi (Wolfgang  Ablinger-Sperrhacke) und Annina (Ursula Hesse von den Steinen) offerieren ihre Spionagedienste. 

Marschallins Nachsinnen über die verfliessende Zeit, in einer prächtigen Robe. Keine alternde, sondern eine junggebliebene, liebende Frau. "Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding". Sie ahnt die Trennung von Octavian voraus. Beide sind stimmlich ideal besetzt für diese Gefühlsdarstellungen. Über allem die Standuhr als Symbol der verstreichenden Zeit. Und die Marschallin sitzt sinnend auf dem Uhrpendel. Sehr hübsch. 

Ein großer Tag im Hause des neureichen Herrn von Faninal eröffnet den zweiten Akt. Die Überreichung der silbernen Rose geschieht in einer zauberhaften Szene, in die Octavian mit einer großzügig bemessenen Traumkarosse einfährt. Die Stimmen von Sophie (Katharina Konradi) und Octavian ergänzen einander vorschriftsmäßig in idealer Verquickung. 

Nun kommt Ochs, Sophies Zukünftiger. Ochs und Faninal (Johannes Martin Kränzle) bilden ein höchst einvernehmliches Gespann. Cupido serviert Getränke und bleibt das stets präsente Sinnbild der schnell vergehenden Zeit.  Ein Ringelreihen um die irritierte Sophie, und Ochs hat "ein lerchenauisch' Glück". Sophie flieht vor ihrem Zukünftigen, das lerchenauische Personal stürmt alkoholisiert durch den Raum, und Octavian verbündet sich mit Sophie. Cupido streut wieder Flitter, diesmal über das junge Paar. 

Valzacchi und Annina sammeln Belege, um Sophie bei Ochs zu verklagen.  "Die Fräulein mag ihn nicht", nimmt Octavian allen Mut zusammen. Duell Degen gegen  Ochs. Der macht ein Riesengezeter um den Kratzer, den er dabei kassiert. Faninal tobt, und auch Sophie ist in Rage. Auf Lebenszeit in ein Kloster ? Cupido jetzt als Medikus mit Stethoskop und Stirnreflektor. Annina bringt eine Einladung und rezitiert: vom bewussten Mariandl. 

Der uralte Cupido betritt im dritten Akt einen Kinosaal ohne Publikum. Emsige Arrangements: Octavian zahlt Valzacchi aus, und der teilt die Chargen für die späteren Knalleffekte im  Wirtshaus ein. Man zieht sich um. Die Bühnenmusik stürmt herein. Jetzt ist Octavian das Mariandl und nimmt am gedeckten Tisch Platz. Beide umkreisen sich komödiantisch, Mariandl steigt auf den Tisch.  Dann wird Ochs entkleidet und in einen Morgenmantel gesteckt. 

Auf einmal fordert eine Witwe Alimentezahlungen. Ein Polizeikommissar  (Martin Snell) und Berge von Akten auf dem Tisch. Es droht eine Anklage wegen Verführung Minderjähriger. Faninal taucht auf, rasch herbeigeholt. Allgemeine Verwirrung und heftiger Meinungsstreit. Cupido entsorgt Ochsens Perücke. Mariandl gesteht dem Polizeikommissar, dass sie ein Mann namens Octavian ist. Auf dem Gipfel des Durcheinanders tritt die Marschallin herein, und Cupido sitzt im Souffleurkasten. "Das Ganze war halt eine Farce, und weiter nichts". Tolles Schlußbild vom Kinosaal mit Publikum und Puppen, die den Ochs mit Kamellen bewerfen.

Und die Marschallin schickt Octavian zu Sophie. Die Marschallin hat auch das versöhnliche Schlusswort. Schöne finale Apotheose mit dem jungen Paar und der zeitbewußten Marschallin samt der Standuhr, der Cupido symbolisch den Minutenzeiger abnimmt. 

Vladimir Jurowski am Pult des Bayerischen Staatsorchesters schafft das Kunststück, trotz pandemiebedingt verminderter Orchesterbesetzung den vollen Glanz der Strauss'schen Partitur zu entfalten und die Solisten wie das Orchester sicher durch die turbulenten wie die lyrischen Partien der Handlung zu geleiten. 

Horst Rödiger
https://roedigeronline.de
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1 von 4 Personen fanden die Kritik hilfreich
Lebe- und Liebeszeiten
  · 22.03.21
''Barrie Kosky (Inszenierung) ließ die beiden Jungen dann auch in die Höhe abdriften, während dann die Zurückgebliebene ihr konstatierendes "Ja, ja" am Standuhrkasten absondert. Dem Regisseur und seinem Bühnenbildner Rufus Didwiszus fiel Großartiges ein - ein Sammelsurium an Geniestreichen (die sich entgegnenden Stunden- und Minutenzeiger, die Sängerszene im Stile Ludwigs XIV., die Kutsche in der Bauart Ludwigs II., das Theater im Theater und und und). Auch wiederholte Kosky die Dreidimensionalität seiner Erzählweise, wie er sie schon in seinen triumphalen Meistersingern (Bayreuth 2017) bis zur Perfektion getrieben hatte - hier entwickelte er die drei Akte aus den Einzelperspektiven von Marschallin, Sophie, Octavian.

Nicht zu vergessen: Christof Fischesser, der seinen Ochs von Lerchenau trotz seines sexuellen Unbeherrschtseins bar "unangemessner" Übergriffigkeit als nonchalanten Wiener Zeitgenossen präsentierte; dieser Part scheint mit zum Schwersten zu gehören, was das Bassbaritonfach so bietet, ja und Fischesser meisterte alles das mit spielerischer Leichtigkeit. Chapeau! Grandios auch, so wie eh und je, Johannes Martin Kränzle (als der Herr von Faninal).'' schreibt Andre Sokolowski am 22. März 2021 auf KULTURA-EXTRA
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