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Bewertung und Kritik zu

AGRIPPINA 
von Georg Friedrich Händel
Regie: Barrie Kosky 
Premiere: 23. Juli 2019 
Bayerische Staatsoper München
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Zum Inhalt: In diesem atemberaubenden Politikthriller, Händels zweiter Komposition nach einem Nero-Stoff in seiner sechsten Oper, scheint zunächst alles klar zu sein auf der Bühne der Macht: Der römische Kaiser Claudius soll auf der Rückreise von seinem erfolgreichen Feldzug gegen Britannien ertrunken sein. Damit sieht seine Frau Agrippina den Moment für Nerone, ihren Sohn aus erster Ehe, gekommen, den Thron zu besteigen. Doch der Librettist – mutmaßlich Vincenzo Grimani, in Nebenberufen unter anderem Kardinal und kaiserlicher Botschafter beim Vatikan – lässt seine Figuren sich in so atemberaubenden Wendepunkten und Winkelzüge rund um den vakanten Thron ergehen, dass am Ende beinahe die Frage ist, ob hier von Gewinnern, Verlierern und auch von lieto fine überhaupt noch die Rede sein kann. Regisseur Barrie Kosky bringt es auf den Punkt: „Diese Oper zeigt das, was die besten Opern ausmacht: Eine Kombination aus Erotik und Macht.“

Ivor Bolton studierte am Royal College of Music und am National Opera Studio in London. Anschließend war er Musikdirektor der English Touring Opera, der Glyndebourne Touring Opera und des Scottish Chamber Orchestra. Gastdirigate führten ihn u. a. nach Wien, Zürich, Frankfurt, Paris, London, New York, Amsterdam, Dresden, Leipzig und Barcelona sowie zu den Festspielen in Glyndebourne, Aix-en-Provence und seit 2000 jährlich nach Salzburg. Von 2004 bis 2016 war er Chefdirigent des Mozarteum-Orchesters Salzburg. Derzeit ist er musikalischer Leiter des Dresdner Festspielorchesters, seit 2015 außerdem Musikdirektor am Teatro Real in Madrid und seit 2016 Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel. (Stand: 2019)

Musikalische Leitung: Ivor Bolton
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Rebecca Ringst
Kostüme: Klaus Bruns
Licht: Joachim Klein
Dramaturgie: Nikolaus Stenitzer

TRAILER


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Das barocke "House of Cards"
  · 30.07.19
''Eine der vielen komischen, ja ironischen Szenen, mit denen die schmissige Inszenierung (Barrie Kosky) dieser frühen Erfolgs-Oper Händels gespickt ist: eine rasante Polit-Satire. Jede(r) lügt, wenn er (oder sie) nur den Mund aufmacht. Händel schrieb sie mit nur 24 Jahren 1709 in wenigen Wochen - die aktuellen Proben dauerten länger. Ein weiterer Clou: Das Libretto soll ausgerechnet von einem römischen Kardinal stammen, Vincenzo Grimani, dem damaligen kaiserlichen Botschafter im Vatikan. Er dürfte gewusst haben, wovon er schrieb. Mit Agrippinas etwas dämlichem Mann Claudio sei Papst Clemens XI. gemeint gewesen. Wie auch immer. Die Männer kommen schlecht weg - schlichte Gemüter. Sie sind den beiden weiblichen Figuren der Oper, Agrippina und Poppea, weit unterlegen. 

Vor allem die erfahrene Politstrategin Agrippina (stimmgewaltig, omnipräsent, mit abgedunkeltem Timbre: Alice Coote) zieht so erfolgreich wie kühl die Strippen. Eine barocke Claire Underwood mit einem Schuss Madonna, als sie sich triumphal ein Mikrophon greift - im Schlafanzug. Gegen Ende wird sie immer männlicher, sie hat die Hosen an. Und sie hat gewonnen: Nerone ist Kaiser. Aber persönlich glücklich wird sie nicht. Das zeigt auch ihre wunderschöne Arie „Pensiere, voi mi tormentate (Gedanken, ihr quält mich)“. Händel hat die meisten Partien für sie in einer Moll-Tonart geschrieben - entgegen dem Libretto, das sie als monströse Siegerin feiert. Am Schluss der Oper bleibt Agrippina einsam zurück. Die junge Poppea (temperamentvoll und stimmlich leichtfüßig: Elsa Benoit) hat von ihr gelernt - das Intrigieren, aber auch den Wert der Liebe. Sie entscheidet sich für den einzig Aufrichtigen, Claudios Lebensretter Ottone. Ende gut, alles gut? Die Geschichte sagt nein. Agrippina und Poppea werden später von Nero umgebracht. Aber da ist die Oper schon aus.'' schreibt Petra Herrmann am 24. Juli 2019 auf KULTURA-EXTRA
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