WERSCHININ in «Drei Schwestern» I.

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1. Akt, 7. Auftritt

Werschinin, Olga, Mascha, Irina, Tusenbach, Soljony, Tschebutykin und Andrej.

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WERSCHININ: Wie können Sie das sagen? Erstens besitzt doch kaum ein Mensch einen so klaren und scharfen Blick, um das Überflüssige so ohne weiteres vom unbedingt Notwendigen zu unterscheiden. Und zweitens ist nach meiner Meinung kein Ort so langweilig und trostlos, daß ein verständiger, gebildeter Mensch darin nicht an seinem Platze wäre. Angenommen, es giebt unter den hunderttausend Menschen, die diese zweifellos sehr zurückgebliebene Stadt bewohnen, nur drei solche Menschen, wie Sie sind. Selbstverständlich wird es Ihnen nicht gelingen, die dunklen Massen, die Sie umgeben, siegreich zum Licht emporzuführen; Sie werden im Laufe der Zeit Konzessionen machen müssen, werden sich in der hunderttausendköpfigen Menge verlieren, werden sich's gefallen lassen müssen, daß das Leben Ihnen über den Kopf wächst; und doch werden Sie nicht spurlos verschwinden, werden Sie nicht ohne Einfluß bleiben. Es werden sich nach ihnen mehr solche Leute finden, wie Sie sind – zuerst vielleicht sechs, dann zwölf, und so fort, bis schließlich die Menschen Ihres Schlages in der Mehrzahl sind. In zwei-, dreihundert Jahren wird das Leben auf der Erde unvergleichlich schöner und herrlicher sein. Der Mensch hat ein Bedürfnis nach einem solchen Leben, und wenn es bisher noch nicht verwirklicht ist, dann soll er es wenigstens vorausahnen, soll es ersehnen, soll von ihm träumen und sich darauf vorbereiten, und darum muß er mehr sehen und mehr wissen, als sein Großvater und sein Vater gewußt haben. (Lacht.) Und Sie beklagen sich darüber, daß Sie so viel Überflüssiges wissen!