My Fair Lady

Bewertung und Kritik zu

MY FAIR LADY 
Musical
Regie: Britta Kohlhaas 
Premiere: 21. Januar 2021 
Kammeroper Köln

Zum Inhalt: Ist es möglich, aus einem einfachen Blumenmädchen der Londoner Slums innerhalb kürzester Zeit eine High-Society Lady zu machen? Phonetikprofessor Henry Higgins geht die Wette ein. Er ist sich sicher, dass allein die Sprache der Schlüssel zu gesellschaftlicher Anerkennung ist. Eliza Doolittle aus Mayfair wird zu seinem wissenschaftlichen Objekt und er quält die Tochter eines Müllkutschers Tag und Nacht mit abstrusen Sprachübungen: „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühn“…

Charmanter Humor zwischen pointierter Sozialromantik und bissigem Sittengemälde – ein von allen Generationen geliebter Broadway-Klassiker!

Musikalische Leitung: Inga Hilsberg
Wiederaufnahme-Regie: Britta Kohlhaas
Choreographie: Vanni Viscusi
Dance-Captain: Hannah Rühl
Bühne: Ulrich Wolff
Kostüme: Martina Kanehl


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
Seit der Verfilmung des Broadway-Klassikers mit Audrey Hepburn gehört Frederick Loewes „My Fair Lady“ zu den meistgespielten und populärsten Bühnenwerken des 20. Jahrhunderts. Die Sprechübung „Es grünt so grün, wenn Spaniens Gärten blühen“ ist bis heute auf der ganzen Welt bekannt und wird sofort mit dem umjubelten Musical in Verbindung gebracht. Und endlich kam Frederick Loewes Erfolgsmusical wieder nach Berlin.

Am Montag, den 28. Februar 2022, besuchte ich das Musical „My Fair Lady“ nach dem Buch von Alan Jay Lerner
im Theater am Potsdamer Platz. Die literarische Vorlage zum Musical bietet das gesellschaftskritische Werk „Pygmalion" von George Bernard Shaw, das wiederum auf dem antiken Mythos des Bildhauers Pygmalion, der sich in eine von ihm aus Elfenbein selbst geschnitzte Traumfrau verliebt hat, beruht.

Zur Handlung dieses musikalischen Evergreens sei Folgendes zu schreiben: Higgins, ein besessener Professor der Phonetik, wettet mit seinem Freund Oberst Pickering, dass er aus dem ungebildeten und vulgären Blumenmädchen Eliza Doolittle eine Dame der Gesellschaft machen kann. Nach sechs Monaten soll sie jeder auf dem Diplomatenball für eine Prinzessin halten. Gewinnt Higgins die Wette und kann ein einfaches Blumenmädchen die englische Oberschicht überzeugen?

Das Musical „My Fair Lady“ der Kammeroper Köln und der
Kölner Symphoniker unter der Regie von Britta Kohlhaas hält sich bei seiner Inszenierung exakt an die literarische Vorlage, nur spricht hier die Arbeiterklasse den Berliner Jargon, der sie von der englischen Upper Class sprachlich abgrenzt.
Ganz besonders freute ich mich im Vorfeld auf die weltbekannten Ohrwürmer des Musicals und wurde dank der musikalischen Leitung von Inga Hilsberg nicht enttäuscht. Lieder wie „Ich hätt‘ getanzt heut’ Nacht“, „Es grünt so grün“ und „Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht” wurden voller Inbrunst auf der Bühne gesungen und begleiteten mich noch nachts in meinen Träumen. Eine besondere und positive Überraschung an dem gestrigen Abend war für mich die Dirigentin der Kölner Symphoniker, Esther Hilsberg-Schaarmann – die erste Dirigentin, die ich live erleben durfte.

Aber das Musical lebte vor allem von seinem exzellenten Cast, der uns alle im Saal verzauberte.
Professor Henry Higgins wird von dem fabelhaften Mario Zuber
gespielt, der perfekt den sprachbesessenen Professor verkörpert. Für Higgins existieren keine Gefühle, nur die Sprache zählt. So quält er die arme Eliza und vergisst es, sie für ihre sprachlichen Erfolge zu loben. Da sich die Inszenierung an Shaws Vorlage orientiert, beschimpft Higgins manchmal Eliza mit sehr derben Ausdrücken (z.B. „Gassenschlampe“), was im Gegensatz zu seinem Bestreben, ein sprachlich hoch angesehener Mann zu sein, steht.
Higgins ist ein überzeugter Junggeselle, der noch nie eine Frau in sein Herz gelassen hat. So ist seine Frage „Warum kann eine Frau nicht so sein wie ein Mann?” -als Lied vorgetragen - typisch für seine Einstellung zu Frauen. Er ist ein Rationalist, der nur seine Liebe zur Sprache zum Ausdruck bringen kann. Doch am Ende stellt auch Higgins fest, dass er doch nicht der gefühlskalte Mann bleiben will, für den ihn immer die anderen halten.

Hanna Rühl, die Eliza Doolittle-Darstellerin, hat mich von der ersten Minuten an begeistert. Zuerst sieht der Zuschauer in ihr nur ein Blumenmädchen, das derb spricht und keine Manieren zu haben scheint, doch dann erkennt man ihr hartes Leben: Als Tochter eines Alkoholikers muss sie diesen immer finanziell unterstützen. Ihre vulgäre Sprache steht im Gegensatz zu ihrem großen Herzen. Sie ist eine freche, aber ehrliche Frau.
Eliza will ihr Leben verbessern und sich sprachlich besser auszudrücken und lässt die Qualen, die der Sprachunterricht mit sich bringt, über sich ergehen.
Hanna Rühl geht in ihrer Rolle auf und man nimmt ihr die Entwicklung zu einer starken Frau, die sich nun auch artikulieren kann, ab. Auch gesanglich hat sie mich gestern mit ihrer starken Stimme sehr überzeugt.

Pickering (Matthias Brandebusemeyer) ist der Weiche von den beiden Herren und redet Eliza und dem Professor immer gut zu. Auf ihn kann sich Eliza verlassen, denn er sieht in Eliza nicht nur eine Marionette.
Zu weiteren Darstellern, die das Publikum begeistern konnten, gehörte Markus Lürick, der Darsteller von Elizas Vater, Alfred P. Doolittle. Elizas Vater ist ein Alkoholiker, der sich nichts aus dem Wohl seiner Tochter macht und diese sogar „verkauft“. Er lässt sich von Eliza aushalten und als es ihm finanziell gut geht, hilft er ihr nicht. Obwohl Larsen eine unsympathische Figur spielt, bekommt er neben den Hauptdarstellern den größten Applaus von den Zuschauern, was an seiner gesanglichen und schauspielerischen Leistung lag.

Mrs. Pearce (Thekla Gras), Higgins' Hausdame, ist das gute Herz des Hauses. Trotz ihres strengen Auftretens steht sie der armen Eliza bei. Zu den weiteren Lieblingsfiguren im Musical gehört Mrs. Higgins (Ulrike Johanan Jöris), die ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Sohn hat und sein dominantes Verhalten nicht nachvollziehen kann. Trotz ihrer anfänglicher Skepsis gegenüber Eliza kann sich Eliza am Ende voll und ganz auf sie verlassen.
Aber auch die die Leistung von Tyler Steele in der Rolle des verliebten Dandy Freddy Eynsford-Hill, eher einer „Randfigur“ bei „My Fair Lady“, wird am Ende honoriert.

In dem Musical prahlen zwei Gesellschaften aufeinander, die durch ihre Sprache und ihre Kleidung rigide voneinander abgegrenzt werden. So steht nicht die Liebesgeschichte im Vordergrund, sondern die Kritik an der Herrschaft der Oberschicht, die sich für etwas Besseres hält. Will man in die Oberschicht aufsteigen, so muss man sich verbiegen und seinen Hintergrund verleugnen.
Auch das Wort „fair“ kann auf zwei verschiedene Weisen übersetzt werden. Zum einen bedeutet das Wort „schön“, zum Anderen steht „my fair lady“ auch für „meine Marktfrau“. Doch Eliza bemerkt richtig: Der Unterschied zwischen einem Blumenmädchen und einer Lady liegt nicht in dem Verhalten der beiden Frauen, sondern in dem Benehmen der anderen ihnen gegenüber.


Mein Fazit: Ich war von dem Musical „My Fair Lady“ mehr als begeistert, da hier alles zusammenpasst. Die Musik, die Handlung und die Darsteller ergeben ein grandioses Gesamtkunstwerk. Das ganze Musical über hat das Publikum gelacht und euphorisch applaudiert, was an der Schärfe der Dialoge und an den vielen komischen Szenen im Musical lag.
„My Fair Lady“ ist ein Klassiker per excellence und muss von jedem Musicalliebhaber besucht werden. Bis zum 12.4.2022 ist das Musical noch auf Deutschlandtournee, darunter am 13.3.2022 in Mannheim.

Text © E. Günther ("Mein Event-Tipp")
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