Umkämpfte Zone

Bewertung und Kritik zu

UMKÄMPFTE ZONE
nach Ines Geipel 
Regie: Armin Petras 
Premiere: 24. Oktober 2020 
Staatstheater Cottbus 

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Zum Inhalt: Ines Geipel, Professorin an der Hochschule für Schauspiel­kunst Ernst Busch und Autorin zahlreicher Bücher, setzt sich in UMKÄMPFTE ZONE mit dem Erbe zweier Diktaturen auseinander: Ihr Vater war als Agent der Stasi im Westen Deutschlands aktiv, ihre Großväter gehörten der SS an. Am Sterbebett ihres Bruders führt uns die frühere Spitzen­sportlerin entlang der Geipelschen Familiengeschichte in die Ambivalenz und Gespaltenheit der „Generation Mauer“, deren Kampf, so scheint es, längst nicht vorüber ist.

Auch der vielfach preisgekrönte Autor und Regisseur Armin Petras gehört dieser Generation an. Er spürt nach, in welcher Weise sich der Faden dieser Erzählung bis in unsere Gegen­wart verlängert, und balanciert den Stoff auf dem schmalen Grat zwischen großem Ernst, erstaunlicher Leichtigkeit und unterhaltsamer Dokumentation. Er fügt ihm seinen eigenen, weniger tragischen, ja manchmal lachenden, immer vorwärts schauenden Blick auf die gemeinsame Vergangenheit hinzu.

Regie/Bearbeitung: Armin Petras
Bühne: Peta Schickart
Kostüme: Cinzia Fossati
Lichtdesign: Norman Plathe
Musik: Jörg Kleemann
Dramaturgie: Tanja Ruzicska und Lisa Mell


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Ein "Volkshochschulkurs" zur deutschen Geschichte
  · 27.10.20
''Dass die Inszenierung dazu beitragen könnte, die Kluft zwischen Ost und West zu schließen und die Mauern in den Köpfen einzureißen, ist ein frommer Wunsch: Denn die wenigen Zuschauer*innen, die in Corona-Zeiten noch ins Theater dürfen (es werden 70 statt 620 in den Saal gelassen), gehören ohnehin zur Bildungs- und Kultur-Elite, die über die Deformationen des "autoritären Charakters" Bescheid weiß. Der aufs Skelett reduzierte Text und die Inszenierung tun aber so, als müsste man Aufklärungsarbeit leisten. Wie in einem Volkshochschulkurs zur deutschen Geschichte werden Fakten und Namen heruntergebetet und den Zuschauern regelrecht eingebleut. Die Intensität der intimen Momente, die im Spiel zwischen Bruder und Schwester entsteht - Leid, Schmerz, Ausweglosigkeit - wird allzu oft konterkariert mit krakeelender Blödelei, mit Plüschfiguren und Pittiplatsch-Albernheiten.

Hätte Petras darauf verzichtet, wäre wohl ein grandioser Abend zustande gekommen. Eine Frage wird leider gar nicht gestellt: Wie konnte Ines Geipel, im Gegensatz zu vielen anderen, die in der DDR drangsaliert wurden und heute Populisten hinterherlaufen, sich aus der Gewaltspirale befreien und solch ein aufrüttelndes und kluges Buch schreiben wie "Umkämpfte Zone"?'' schreibt Frank Dietschreit auf rbbKultur
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DDR-Aufarbeitungsroman
  · 27.10.20
''Wie im Roman rahmt auch in der Inszenierung die innige Beziehung Geipels zu ihrem jüngeren Bruder, der 2018 infolge eines Hirntumors starb, die Familiengeschichte und die historischen Berichte, die Geipel aus Akten und anderen Publikationen zur DDR recherchiert hat. Johann Jürgens (langjähriger Petras-Darsteller) als Bruder Robby mit Kopfverband auf einer Krankenausliege wird von der Schwester besucht. Petras doppelt diese Figur durch Suzann Thiede und ihre Tochter Lucie Luise Thiede. Beide sind auch in den Rollen der Mutter und Großmutter zu sehen. Im Roman schreibt Geipel aus der Erinnerung an ihren bereits verstorbenen Bruder. Hier ist Robby immer mit anwesend, obwohl er sich bis zuletzt geweigert hat, die Stasiakten des Vaters zu lesen. „Warum soll ich das auskämpfen?“ sagt Johann Jürgens einmal. Verdrängung bis zum Ende, was sich auch in der Rede des Sohns am Grab des Vaters manifestiert. Vater und Großvater werden von Gunnar Teuber (ebenfalls aus der Petras-Riege) verkörpert. Er wirkt in Hut und Anzug wie eine Karikatur auf Erich Honecker.

Auch sonst fährt Petras einiges an Ostklischees auf, lässt die SchauspielerInnen in Kostümen der beliebten DDR-Puppen Sandmännchen, Pittiplatsch, Schnatterinchen, Herr Fuchs und Frau Elster die „Elternkisten“ Robbys durchkramen. Es erklingen Ostschlager von Manne Krug, oder der Mont Klamott von Silly und - wir sind in Cottbus - die Lokalmatadoren Sandow mit ihrem Nachwendehit Born in the GDR. Als maine theme des Petras-Soundtracks wird aber immer wieder der Song Lippy Kids von der britischen Band Elbow angespielt. Die Zeile „Build a rocket boys!“ verweist auf eines der Kinderspiele von Bruder und Schwester. Kleine poetische Erinnerungssplitter, die Geipel immer wieder vor und ans Ende der einzelnen Kapiteln stellt. Dazwischen tut sich ein Abgrund aus verdrängter häuslicher Gewalt und allgemeiner Geschichtsklitterung auf, die Armin Petras wohl dosiert über den Abend verteilt. Einiges davon wird einem Cottbuser BürgerSprechchor in den vielstimmigen Mund gelegt. Sie geben jüdische Bürger aus dem „Schlachthaus Riga“ oder ein Defilee sozialistischer Werktätiger zum 1. Mai, wobei Gunnar Teuber alles minutenlang hochleben lässt.'' schreibt Stefan Bock am 26. Oktober 2020 auf KULTURA-EXTRA
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