Onkel Wanja

Bewertung und Kritik zu

ONKEL WANJA 
von Anton Tschechow
Regie: Sascha Hawemann 
Premiere: 23. April 2022 
Theater Bonn 

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Zum Inhalt: Sonja, die Tochter eines Kunstprofessors, ist nach dem Tod ihrer Mutter in der Provinz bei Wanja aufgewachsen, die in unserer Version ihre Tante (nicht ihr Onkel) ist. Diese verwaltet ein Landgut und unterstützt aus der Ferne den verehrten Schwager und Kunstwissenschaftler mit regelmäßigen finanziellen Zuwendungen aus den Erträgen der Landwirtschaft. Sonja, mittlerweile erwachsen, engagiert sich aktiv für die Belange des Gutsbetriebes und begeistert sich für den Arzt Astrow, der mit Wanja befreundet ist und gelegentlich zu Besuch vorbeikommt. Dieser Naturschützer und Vegetarier ist über den Stumpfsinn der Menschen und die Routine des eigenen Lebens angesichts einer gerade grassierenden Epidemie so verbittert, dass er darüber zum Trinker wurde. Obwohl das Gut eigentlich Sonja als Erbteil ihrer Mutter gehört, spielt sich ihr Vater, als er mit seiner zweiten Frau Jelena heimkehrt, als dessen Besitzer auf.

Das Leben in der Stadt ist für den Schöngeist zu kostspielig geworden. Nun malträtiert er alle mit seinen eingebildeten oder realen Leiden, der Prototyp eines Egomanen. Zudem denkt er laut darüber nach, das Gut zu verkaufen und den Gewinn in Aktien zu investieren, um damit weiterhin seinen aufwendigen Lebensstil im gewohnten städtischen Rahmen zu finanzieren. Die Lage auf dem Lande hingegen beginnt zu eskalieren. Nicht nur, weil sich Wanja um den Sinn aller Arbeit gebracht sieht und darüber verzweifelt; sondern auch dadurch, dass sich Jelena und Astrow füreinander interessieren. Wanja denkt über Selbstmord nach oder sucht nach dem Impuls für einen möglichen Neuanfang. Doch Astrow holt ihn gnadenlos auf den Boden der Tatsachen zurück. Der Professor und Jelena verschwinden wieder in ihre gewohnten Sphären. Und auf dem Gut bleibt alles beim Alten. Auf Visionen oder Wunder ist nicht zu hoffen. Es bleibt nur die illusionsfreie Existenz, die gewohnte Banalität des Alltags.

Inszenierung: Sascha Hawemann
Musikalische Leitung, Komposition und Sounddesign: Xell
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Carmen Wolfram


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Selbstmitleidige Sinnsuche, schräges Scheitern, seliger Suff
  · 26.04.22
''Tschechows über 120 Jahre alte Drama handelt viel von Selbstekel und Selbstüberschätzung, Eitelkeit und dem Gefühl nicht auszureichen. Während des aktuellen Krieges bietet der viel gespielte Vierakter ein gnadenloses Sittenbild einer engstirnigen, wie betäubt schwermütigen und patriarchalen Gesellschaft. Wenn Ideologiekritik und politische Objektivität nicht mehr möglich sind, mag russischen Autoren ihr Schreiben tatsächlich hohl erscheinen, wie die Figur des Schriftstellers bedauert. Die zahllosen Bilder gefühlter Leere rühren in Bonn jedoch nur selten an und wirken manchmal auch zu beliebig, übertrieben und wenig pointiert. Auf der Bühnenrückwand übereinander gesetzte Neonröhren blenden mit kaltem Licht. Während der Vorführung fahren die Scheinwerfer mal hoch und herunter. Gegen Ende hängt eine Scheinwerfer-Leiste gefährlich in Schieflage schräg über der Bühne. Auch Theaterrauch kommt gehäuft zum Einsatz. Leider wirkt ferner die Personenführung mitunter unkoordiniert, wenn etwa Figuren nach hinten hin sprechen, mit ihren Rücken zum Publikum. Nichtsdestotrotz tragen insbesondere die guten Akteure und Sounddesigner Xell mit zurückhaltenden Arrangements an der Ziehharmonika und anderen Instrumenten den Abend über weite Strecken atmosphärisch stimmungsvoll.'' schreibt Ansgar Skoda am 26. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
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