Oasis de la Impunidad

Bewertung und Kritik zu

OASIS DE LA IMPUNIDAD (Santiago de Chile) 
von Teatro La Re­sentida
Regie: Marco Layera 
Premiere: 1. April 2022 (Gastspiel FIND) 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 

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Zum Inhalt: In geheimnisvollen Zuckungen bewegen sich acht Körper über die Bühne. Sie marschieren, trainieren und feiern – doch bleibt unklar, ob Leid oder Freude, Stolz oder Angst aus ihren Bewegungen spricht. Gemeinsam bilden sie den Polizeikörper, ein mechanischer und konvulsivischer Organismus, der sich aus streng disziplinierten Körpern zusammensetzt. Sie durchlaufen eine Erziehung zur Gewalt gegen sich und andere, und was einmal in den Körper eingeschrieben ist, durchzieht alle Ebenen des Seins und Lebens. Ordnung wahren lautet das Gebot – doch die dafür nötige Gewalt provoziert eine physikalische Reaktion in den Körpern ihrer Opfer, die stets überzulaufen und eine gefährliche Explosion zu verursachen drohen. In einem abstrakten Museumsraum treffen sich Polizisten, Opfer und fantastische Figuren des Bösen zu einem schaurigen Karneval, in dem nicht alle Fronten klar sind.

Mit: Diego Acuña, Nicolás Cancino, Lucas Carter, Mónica Casanueva, Carolina Fredes, Imanol Ibarra, Carolina de la Maza, Pedro Muñoz, David Ruland.

Regie: Marco Layera 
Dramaturgie: Elisa Leroy, Martín Valdés­-Stauber
Bühne: Sebastián Escalona, Cristian Reyes
Kostüm: Daniel Bagnara
Musik: Tomás Gonzales, Andrés Quezada
Regieassistenz: Humberto Adriano Espinoza, Katherine Maureira
Produktionsleitung: Victoria Iglesias, Álvarez de Araya
Technische Leitung: Karl Heinz Sateler


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Drastisch und wütend
  · 04.04.22
Die Berliner Theaterlandschaft hat sich im Moment recht gemütlich eingerichtet: oft gesehene, vertraute Teams zeigen die x.-te Variante ihrer bekannten Ästhetik. Da ist es wohltuend, dass regelmäßig ein frischer Windstoß aus Lateinamerika hereinbricht, der entstaubt und durchlüftet.

Auch Marco Layera und sein Ensemble sind zwar bereits alte Bekannte, aber es gelingt ihnen bei jedem Gastspiel, ihr zentrales Thema, die Wut auf politische Missstände und die Gewalt in ihrer Heimat, auf überraschende und herausfordernde Art darzustellen.

Während ihr letzter Auftritt „Paisajes de la colorear“ noch viel Text bot und in ein feministisches Manifest mündete, setzt die Gruppe diesmal fast ausschließlich auf Bildertheater: drastische, sehr körperlich-explizite Szenen, die das Publikum schonungslos mit der Brutalität konfrontieren, mit der Polizei und Militär die Proteste von 2019 niederschlugen.

Der Abend ist aber nicht nur drastisches Holzhammer-Theater, sondern spielt mit Motiven aus Zombie- und Horrorkultur sowie Pop- und Filmgeschichte, die er mit der politischen Realität in Lateinamerika kurzschließt. Manches ist sicher nur für das chilenische Publikum komplett zu entschlüsseln.

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Zwei beklemmende Stücke über staatliche Gewalt - II
  · 03.04.22
''Das Ensemble bewegt sich in blauen Ballerina-Kostümen zu lateinamerikanischen Klängen ebenso so abgehackt wie der Museumswärter. Die klassischen Ballettposen gehen aber bald in Paartänze körperlicher Gewalt über, bei denen sich die PerformerInnen an den Haaren ziehen oder in den Schwitzkasten nehmen. Sehr künstlich ist auch ein Picknick mit Grill und Saufgelage, das wieder in Gewaltszenen mündet. Die bizarren Gestalten mit blauen Kleidern und verlängerten Ohren wirken wie fremdbestimmte Zombies, Untote eines Systems der Gewalt, dem sie in Gestalt des Gespensterbildes huldigen. Ein nackter Performer, der einen Toten spielt, wird von ihnen wie ein gekreuzigter Christus zu immer wieder neuen Tableaus aufgerichtet und schließlich unter den Teppich gekehrt.

Im Glaskasten taucht dann der nur mit Unterhose bekleidete Schaubühnenschauspieler David Ruland auf. Ein Büttel des Systems, der das Gewaltmonopol des Staates preist, stolz seinen Einsatz für Ordnung und Demokratie hervorhebt und den Einsatz von Gewalt gegen Chaoten rechtfertigt. Das Ensemble wird der Reihe nach durch den Kasten ziehen und seinen Mund küssen. So wiederholen sich die kunstvoll choreografierten Bilder der Gewalt bis zu einem Begräbnis bei dem eine trauernde Frau erst den Sarg mit einem Feuerlöscher zerschlägt und dann von den Zombies ruhiggestellt und nackt ins Publikum gesetzt wird. Ein nicht enden wollender Totentanz, aus dem sie zu befreien einer der Horrorgestalten das Publikum bittet. Zum Applaus verbeugt sich das Ensemble ohne die Frau. Sie sitzt weiter nackt im Publikum, das sich zwischen Abscheu oder Empathie entscheiden muss.'' schreibt Stefan Bock am 3. April 2022 auf KULTURA-EXTRA
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