Love

Bewertung und Kritik zu

LOVE (London) 
von Alexander Zeldin
Premiere: 13. Dezember 2016 (National Theatre, London) 
Berlin-Premiere: 30. September 2021 (Gastspiel FIND 2021) 
Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin 
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Zum Inhalt: Eine Notunterkunft des Sozialamts an den Weihnachtstagen. Im Aufenthaltsbereich mit Küchenzeile, von dem aus man zum gemeinsam genutzten Bad und den Schlafzimmern gelangt. Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten finden hier eine Bleibe und treffen aufeinander. Eine Frau aus dem Sudan ist gerade erst in Großbritannien angekommen und führt lange Telefongespräche, so lange die Verbindung hält. Ein Mann auf der Durchreise kommt bepackt mit Koffern an und bezieht sein Zimmer. Ein Vater, zwei Kinder und die hochschwangere Mutter wollen möglichst bald nach Hause zurückkehren oder ein neues Zuhause finden. Ein mittelalter Mann um die fünfzig kümmert sich allein um seine pflegebedürftige Mutter und lebt schon lange in seinem Zimmer. Der Ort ist ungemütlich, eigentlich nur als vorübergehende Unterkunft gedacht, bis die Menschen, die er beherbergt, ein besseres Zuhause finden. Die hyperrealistische Inszenierung nimmt das Publikum buchstäblich mit unter sein Dach und teilt mit Zuschauer_innen und den Bewohner_innen einige lustige, traurige, berührende und zutiefst menschliche Momente. Die Zeit des Aufenthalts, aufgeladen mit kleinen und existenziellen Konflikten, Begegnungen und Emotionen, ist auch und vor allem eine Zeit des Wartens: Warten darauf, dass das Teewasser kocht, dass das Bad frei wird oder man sich in der Küche beim Zubereiten des Abendessens abwechseln kann. Sie ist auch eine Zeit des Wartens darauf, endlich wieder woanders hingehen zu können, um ein Leben zu beginnen oder zu beenden, das sich nicht in der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse erschöpft. In realistischen Szenen in Echtzeit zeigt Alexander Zeldins Inszenierung das Bemühen eines und einer jeden, die eigene Würde zu behalten, getragen von außergewöhnlichen Schauspieler_innen, die ihre Figuren mit großer Beobachtungsgabe und Liebe zum Detail verkörpern. »LOVE« ist Teil der Trilogie »The Inequalities« des britischen Autors und Regisseurs Alexander Zeldin. Die drei Inszenierungen setzen sich mit sozialer Ungleichheit auseinander und versuchen, diese mit den Mitteln des Theaters realistisch darzustellen und kritisch zu befragen. Den ersten Teil dieser Trilogie, »Beyond Caring«, das unter Mitarbeiter_innen des Reinigungsteams eines Schlachthofes spielt, sollte Alexander Zeldin im Frühjahr mit Schauspieler_innen des Schaubühnen-Ensembles neu inszenieren – dies wurde coronabedingt auf den April 2021 verschoben.

Mit: Amelda Brown, Naby Dhakli, Janet Etuk, Amelia Finnegan, Oliver Finngenan, Joel MacCormack, Hind Swareldahab, Daniel York Loh

Regie: Alexander Zeldin
Regieassistenz: Elin Schofield
Ausstattung und Kostüme: Natasha Jenkins
Kostümassistenz:Caroline McCall
Licht: Marc Williams
Sound Design: Josh Anio Grigg
Bewegung: Marcin Rudy


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Anteilnahme für die sozial Schwachen
  · 04.10.21
''Der britische Theatermacher Alexander Zeldin, der zum ersten Mal in Berlin zu sehen ist, präsentiert ein diametral anderes Theater als Serebrennikov. "Love" ist der zweite Teil der Trilogie "The Enequalities" ("Die Ungleichheiten"), die sich mit sozialer Ungleichheit in Großbritannien auseinandersetzt. Teil Eins wurde international gefeiert und wird von Zeldin 2022 mit dem Schaubühnen-Ensemble neu inszeniert – doch auch der zweite Teil macht deutlich, was Zeldins Theater so interessant macht: Man könnte ihn als den Ken Loach des Theaters bezeichnen. Der britische Filmregisseur Loach ist für seine berührenden Sozialdramen berühmt, Zeldin bringt eine ähnliche Anteilnahme für die sozial Schwachen auf.'' schreibt Barbara Behrendt auf rbbKultur
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Love von Alexander Zeldin
  · 03.10.21
„Wir haben nichts falsch gemacht“, sagt die junge schwangere Frau zu ihrem Mann, der noch zwei schulpflichtige Kinder aus einer früheren Beziehung zu betreuen hat. Neben den ständigen Gängen zum Gemeindeamt, wo sich die Familie die Zuteilung einer Wohnung erhofft, muss er auch immer wieder zum Jobcenter, das ihm bereits wegen versäumter Termine die Bezüge gekürzt hat. Ähnlich geht es dem Mann im Nachbarzimmer, der sich noch um seine alte Mutter kümmern muss. In der Enge der Unterkunft geraten die Menschen zwangsläufig aneinander. Privatsphäre gibt es hier kaum, auch nicht für die beiden Kinder, einen Jungen im Teenageralter, der sich in Gangsta-Rap übt, und seine jüngere Schwester, die sich auf eine Rolle im Weihnachtskrippenspiel vorbereitet.

Es wird geflucht, sich wieder entschuldigt und das Gespräch gesucht. Eine Zwangsgemeinschaft in der jeder Wünsche und Hoffnungen hat. Man könnte hier auch an Gorkis Nachtasyl denken, das Michael Thalheimer an der Schaubühne schon brachial in Szene gesetzt hat. Regisseur Alexander Zeldin gelingt es hier aber bei aller Banalität des eher unspektakulären, für die Bewohner aber problematischen Alltags eine Spannung zu erzeugen, die fesselt und kleine Augenblicke von magischem Realismus aufblitzen lässt, wie einen ans Fenster klopfenden Ast, den Mann, der nach einer für ihn demütigenden Szene, die Schwangere bittet ihren Bauch berühren zu dürfen, oder die alte Frau, die ihre Arme ausstreckend auf das Publikum zuläuft. Das mag kitschig klingen, gibt aber einem Publikum, das sich in der Schaubühne oft in Designerküchen selbst bespiegeln kann, mal eine ganz andere Perspektive.'' schreibt Stefan Bock am 2. Oktober 2021auf KULTURA-EXTRA
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