Orpheus in der Unterwelt

Bewertung und Kritik zu

ORPHEUS IN DER UNTERWELT 
von Jacques Offenbach
Regie: Barrie Kosky 
Premiere: 7. Dezember 2021 
Komische Oper Berlin 

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Zum Inhalt: Schamlos, witzig und frivol! In Barrie Koskys bei den Salzburger Festspielen 2019 frenetisch gefeierter Inszenierung – der ersten Offenbach-Operette der fast 100-jährigen Festspielgeschichte überhaupt – trifft pralle Mythentravestie auf ein spielfreudiges Ensemble der Spitzenklasse. Angeführt vom unnachahmlichen Max Hopp als John Styx, der jeder Figur auf der Bühne seine Sprechstimme leiht, tauchen u. a. Sydney Mancasola als Eurydike, Wolfgang Ablinger-Sperrhacke als Pluto und Peter Bording als Jupiter in eine knallbunte, burschikose, höllische Unterwelt hinab.

Die Ausgangssituation stellt sich bei Offenbach im Vergleich zum Mythos »geringfügig« anders dar: Eurydike, die zentrale Figur, hasst die durch ihren Gemahl personifizierte Musik. Und Orpheus selbst ist nicht mehr als ein kleiner, fader Musiklehrer aus Theben; Aristaeus, der göttliche Verführer, ist ein schauspielernder Honighändler, und Jupiter, der »Vater der Götter«, ein geiler Bock, unablässig auf der Pirsch. Der geheimnisumwitterte John Styx erzählt die Geschichte vom verzopften Orpheus und seiner genervten Eurydike, von Göttinnen und Göttern auf der Suche nach Zerstreuung, angeödet vom Alltag im Olymp. Brennend vor Neugier auf die schöne Entführte und den Wettstreit zwischen Jupiter und Pluto um die Gunst der Eurydike, begibt sich die illustre Gesellschaft auf einen Höllenritt in die Unterwelt, der im wohl bekanntesten Cancan der Musikgeschichte gipfelt. Und Eurydike? – sie macht schließlich allen einen Strich durch die Rechnung …

Musikalische Leitung: Adrien Perruchon
Inszenierung: Barrie Kosky
Choreographie: Otto Pichler
Bühnenbild: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Dramaturgie: Susanna Goldberg
Chöre: Jean-Christophe Charron
Licht: Franck Evin


DurchschnittsnoteSchreibe eine Kritik
3 von 3 Personen fanden die Kritik hilfreich
Der Schelm von Arkadien
  · 09.12.21
''Jedenfalls hat Hopp in der Inszenierung von Barrie Kosky deutlich mehr zu tun als den Diener Plutos zu mimen und dieses eine Couplet zu singen. Denn ob Figuren sprechen, Türen quietschen, Absätze klackern, Zungen lecken, Küsse schmatzen, Getränke geschlürft oder Nägel gefeilt werden: Immer steckt dasselbe lose Mundwerk dahinter - das von Hopp. Und so thront er fast drei Stunden lang über allem wie ein Puck im auberginefarbenen Frack und zündet eine Juxrakete nach der anderen. Natürlich drückt ihm Kosky von den Dingern viel zu viele in die Hand, und manch ein Gag, der wieder und wieder über die Rampe gehauen wird, ist schon beim ersten Mal nicht lustig. In der Summe ist das aber völlig schnurz, weil der hochmotivierte Cast sichtlich Spaß am Rumblödeln hat und mit Windstärke acht über die Bühne brettert. Stellvertretend picke ich die beschwipste Juno von Karolina Gumos, Hagen Matzeit als gestrenges Öffentliches Meinungs-Mütterchen, Wolfgang Ablinger-Sperrhackes höllisch guten Pluto sowie die sopranfunkelnde, überaus ulkige Eurydike von Sydney Mancasola heraus. Ob Solist*innen, Tanzensemble, Chor, Ausstattung, Licht: Die Qualität der Aufführung ist enorm! Und wie großartig ist es, dass im französischen Original gesungen wird. Erst dadurch kann sich Offenbachs Opéra-buffon in ihrer vollen Pracht entfalten.

Apropos volle Pracht. Es wird mit Hingabe klimbimt, kalauert und klamaukt. Wer beim Anblick von Trockensex, Miederwaren und Swarovski-Schniedeln zur Schnappatmung neigt, sollte sich den Besuch vielleicht nochmal überlegen. Mich hat es nicht gestört. Dann schon eher, dass der Höllengalopp wieder fälschlicherweise als French Cancan dargeboten wird, obwohl das Gehopse zugegebenermaßen toll aussieht - und der Graben beinah explodiert. Allerdings ist die Nummer einer der wenigen Augenblicke, in denen das Orchester der Komischen Oper unter Adrien Perruchon auf gleichem Level spielt wie die Szenerie. Der Vorhang fällt, die Leute toben. Kosky pustet mit dieser Offenbachiade seinem Publikum den Coronablues von der Seele. Es wirkt, als sei dieses Stück von Salzburg nach Hause gekommen. Der Abend hat beste Chancen, ein langes Leben im Repertoire zu führen. Reingehen!'' schreibt Heiko Schon am 9. Dezember 2021 auf KULTURA-EXTRA
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''Den größten Lacher erbringt der juwelenbesetzte Pimmel des Jupiter (Peter Bording). I don’t get it. Die beste Bank ist das diesmal das Orchester. Unter Adrien Perruchon klingt das süffig, süffisant, wackelt und hat Luft. Im Salzburger Haus für Mozart, wo die Aufführung ganz anders besetzt war (mit Anne Sofie von Otter als Öffentliche Meinung, Joel Prieto als Orpheus und Marcel Beekman als Pluto) dürfte die Konstellation – noch dazu mit den Wiener Philharmonikern – gleichfalls sehr andersartig gewirkt haben.

Vielleicht ist es an der Zeit, den glanzvollen Ruf des Barrie Kosky ein Stücklein zu entzaubern. Ein Regisseur mit hoher Trefferquote und einigen Großtaten im Bereich der Berliner und Wiener Operette. Seine Offenbachiaden dagegen waren nicht so dolle. ("Hoffmanns Erzählungen" mühsam, die "Schöne Helena" okay, die "Gerolstein" ein Desaster.) An das unausbleibliche Oberschenkelgeschmeiße, die notorische Gesäßgymnastik und all die Wadenverwicklungen sind wir inzwischen auch gewöhnt. Kosky, gestern frisch von der Wiener Staatsoper kommend (wo er "Don Giovanni" inszeniert hatte), ist in der Oberwelt angekommen. Diesem "Orpheus" bekommt das nur bedingt.'' schreibt Kai Luehrs-Kaiser auf rbbKultur
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Abgestandener Champagner
  · 16.03.22
''In Koskys Inszenierung wird diese Absurdität auf die Spitze getrieben: Kaum ein Moment vergeht ohne Gag. Manches ist ganz launig, vieles ermüdet bei der x-ten Wiederholung. Alles steht und fällt mit Schauspieler Max Hopp, der John Styx mimt, aber auch ansonsten für den richtigen Rahmen bzw. Sound sorgt. Mit verstellten Stimmen spricht er nicht nur die Texte aller Solisten, sondern ahmt auch Geräusche nach. Da ist jeder Schritt zu hören und das Quietschen jeder Tür. Das ist eine großartige Energieleistung, führt aber auch dazu, dass man sich als Zuschauer nicht mit den Figuren identifizieren kann. Überhaupt verkommt da alles schnell zur Karikatur: Orpheus das kleine Männlein mit Geige, Eurydike etwas notgeil, Juno versoffen, Mars grenzdebil und Merkur nicht in der Lage, seine Botschaften zu übermitteln. So weit, so gut, aber es erschöpft sich eben auch recht schnell. Sicher, die großen Ensemblenummer, die Chor, Tänzer und Solisten auf der Bühne vereinen, haben eine enorme Wucht. Warum aber zündet der Funke nur hier?

Das ist alles etwas schal und fad – wie abgestandener Champagner. Auch die musikalische Seite vermag nicht zu überzeugen, zu blass bleiben durch die Bank alle Solisten, so uninspiriert ist Adrien Perruchons Dirigat. Schade, sehr viel Aufwand für sehr wenig Ertrag.'' schreibt Karoline Bendig am 16. März 2022 auf KULTURA-EXTRA
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